Wirtschaft

Interview mit Prof. Bräuninger vom HWWI zum Thema Euro-Krise

Interview mit Prof. Dr. Michael Bräuninger vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) zur Euro-Krise (zum Audio-Podcast hier). Professor Bräuninger ist Leiter des Kompetenzbereichs Wirtschaftliche Trends am HWWI und unterrichtet als Professor an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Der Forschungsbereich von Michael Bräuninger umfasst konjunkturelle und langfristige wirtschaftliche Analysen. Dazu zählen auch langfristige globale Zukunftstrends und deren ökonomischen Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft.

 

Schönen guten Tag Herr Professor Bräuninger, bitte stellen sich kurz vor:
Welche berufliche Tätigkeit üben Sie aus und in welchen Bereichen sind Sie Experte?

 

Ich bin Forschungsdirektor am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) und bin insbesondere für die Konjunkturprognosen verantwortlich, sowie für langfristige Trends und die Energiepolitik.

 

Seit einem knappen Jahr erleben wir die Euro-Krise in unterschiedlicher Intensität und in den unterschiedlichsten Facetten. Können Sie uns helfen, die Schuldfrage zu klären? Sind es die Regierungen der Schuldenländer, ungezügelte Spekulanten oder Fehler in der Konstruktion der Währungsunion selbst?

 

Es geht sicherlich um eine Kombination dieser Dinge. Wir haben Probleme struktureller Art, die in der Konstruktion der Währungsunion liegen. Darüber hinaus hatten wir eine große Wirtschaftskrise, die die Länder sehr unterschiedlich getroffen hat und dazu führte, dass die Staatsschulden extrem schnell nach oben geschnellt sind, was dann für einige Länder die Schuldenkrise hervorgerufen hat. Diese ist dann vielleicht in einem bestimmten Zeitraum auch noch durch Spekulation verstärkt worden. Insgesamt sind es aber eher strukturelle Probleme, wie in Spanien mit der hohen Arbeitslosigkeit, auch Griechenland hat strukturelle Probleme, wie den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit und zu geringe Steuereinnahmen. Verbunden mit der Krise hat das dann zu den sehr hohen Defiziten geführt. Insofern ist die Spekulation höchstens nur die Spitze des Ganzen, die dann zu einer Überspitzung der Situation geführt hat. Aber die eigentlichen Ursachen sind fundamentaler Art.

 

In den Medien kursieren die unterschiedlichsten Lösungsvorschläge. Diese reichen von einer gemeinsamen Wirtschaftsregierung der Euro-Staaten, über Eurobonds, die Möglichkeit einer staatlichen Insolvenz, eine Aufteilung in einen Nord- und einen Süd-Euro bis hin zur Rückkehr zur D-Mark. Welche Lösungsansätze halten Sie persönlich für realistisch bzw. sinnvoll?

 

Die Rückkehr zur D-Mark ist sicherlich kein sinnvoller Ansatz. Deutschland hat sehr vom Euro profitiert und tut dies noch immer. Ich denke, der Euro an sich ist eine Erfolgsgeschichte und wir sollten auf jeden Fall dabei bleiben. Insofern ist das keine Option. Auch eine Aufspaltung der Währungsunion halte ich vor diesem Hintergrund für sehr schwierig. Letztlich ist es wichtig, dass wenn man in so eine Krise gerät, es auch möglich ist, dass Staaten insolvent gehen können. Also dass diejenigen, die riskante Bonds gekauft haben auch die Ausfallrisiken tragen. Insofern müssen wir die Möglichkeit von Staatsinsolvenzen ins Auge fassen. Zurzeit würden uns solche Staatsinsolvenzen allerdings wieder in eine Finanzkrise und eventuell in eine neue Rezession stürzen. Deswegen sollten wir das auf jeden Fall vermeiden und müssen vielmehr im Augenblick den Ländern mit Schuldenproblemen dabei helfen, diese zu überbrücken. Langfristig muss man allerdings Bonds so ausstatten, dass sie auch ausfallen können. Dazu bedarf es Reformen des Finanzsektors und einer Reform der staatlichen Verschuldung. Das heißt, es müssen bestimmte institutionelle Regeln eingeführt werden, damit wir langfristig aus der Situation herauskommen, Länder überhaupt retten zu müssen. Dafür muss dann die Möglichkeit bestehen, dass Länder auch tatsächlich ausfallen können und dass diese Ausfallsrisiken dann auch von privaten Investoren getragen werden.

 

Heißt das dann, dass die meisten Lösungsansätze eher präventiv auf die zukünftigen Krisen abzielen und gar nicht so sehr auf die jetzige Euro-Krise angewendet werden können?

 

Ja, wir müssen diese Krise jetzt zunächst überbrücken. Wir haben viele Schwierigkeiten, insbesondere auf den Finanzmärkten, die es zurzeit nicht erlauben, eine staatliche Insolvenz zuzulassen. Deswegen müssen wir sehen, wie wir mit kurzfristigen Überbrückungen und letztendlich unkonventionellen und auch ungewollten Maßnamen diese Krise ausstehen können. Gleichzeitig muss man dann über neue Regeln dafür sorgen, dass solche Krisen wenn möglich nicht wieder entstehen.

 

Ist unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen eine Entschuldung der überschuldeten Eurostaaten wie Griechenland oder auch Italien überhaupt mittelfristig möglich?

 

Ich halte das sehr wohl für möglich. Griechenland hat sehr harte Reformen durchgesetzt, ähnlich auch Italien. Es ist durchaus möglich aus einer solchen Situation herauszukommen, es ist allerdings ein langer und schwieriger Weg. Darüber hinaus ist es nicht nur die staatliche Verschuldung, die überbrückt werden muss, die Länder müssen auch ihre Strukturschwächen überwinden und ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedergewinnen. Dafür sind Reformen in den jeweiligen Ländern notwendig, die weit über eine reine Sparpolitik hinausgehen.

 

Erleben wir in diesem Zusammenhang dann wirklich die Herausbildung einer gemeinsamen Wirtschaftsregierung der Euro-Staaten?

 

In einem gewissen Umfang haben wir das ja bereits. Wir haben vielfältige Kooperationen und Absprachen. Ich glaube aber nicht, dass wir bei den derzeitigen parlamentarischen Regeln zu einer Wirtschaftsregierung in dem Sinne kommen, dass wir einen einheitlichen Rahmen bei Steuer-, Wirtschafts- und Rechtsfragen über die EU bekommen. Hier werden wir weiterhin einen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Institutionen haben.

 

Der Euro ist derzeit nicht die einzige Währung, die Probleme bereitet. International wird bereits von einem Währungskrieg gesprochen. Dabei steht nicht nur die chinesische Währung in der Kritik, vielfach wird auch die Schwäche des US-Dollars als Argument gegen seine weitere Rolle als Leitwährung aufgeführt. Wird es da Änderungen geben? Und wenn ja, was hätte das für Auswirkungen auf den Euro und für Deutschland selbst?

 

Letztlich haben wir derzeit keine Leitwährung in diesem Sinn, denn es gibt kein staatliches System, das einem Leitwährungssystem entspräche. Das ist alles schon vor sehr langer Zeit aufgegeben worden. Im Augenblick gilt der Dollar als Leitwährung in dem Sinne, dass er für bestimmte internationale Transaktionen, insbesondere Rohstoffkäufe wie Öltransaktionen aber auch Kapitalmarkttransaktionen, als Währung verwendet wird. Das ist aber letztlich eine Entscheidung privater Investoren und der ölproduzierenden Länder, in welcher Währung sie handeln. Das ist so zu sagen ein Wunsch der Handelspartner, die den Dollar hier als Währung wählen. Man kann sich vorstellen, dass das irgendwann zum Teil durch den Euro abgelöst wird, vielleicht auch irgendwann durch den chinesischen Yuan. Im Augenblick ist der chinesische Kapitalmarkt jedoch viel zu sehr geschlossen und zu klein, als dass ein Interesse daran bestehen würde, Öltransaktionen in Yuan zu tätigen, denn man kann die Gewinne im Anschluss nicht in dieser Währung anlegen. Das spricht alles dafür, dass der Dollar wohl noch lange eine Leitwährung bleiben wird.

 

Wenn die Rolle des Euro aufgewertet werden würde, würde er dann nicht auch teurer im Verhältnis zu den anderen Währungen, was sich dann auch auf den Export Deutschlands niederschlagen würde?

 

Das ist richtig. Wenn der Euro stärker wird, dann reduziert das letztlich unsere Exporte. Umgekehrt lässt es uns günstiger importieren. Insofern hätte das sowohl positive wie auch negative Folgen.

 

Herr Professor Bräuninger, ein kurzer Themenwechsel zum Schluss: Als Wirtschaftswissenschaftler haben Sie ja auch eine besondere Sichtweise auf Unternehmen. Wie sieht für Sie als Wissenschaftler denn die ideale Unternehmensstruktur aus?

 

Ich weiß nicht, ob es die ideale Unternehmensstruktur überhaupt gibt. Es gibt sehr unterschiedlich geführte Unternehmen. Ich selbst bevorzuge, wie bei uns hier am Institut, wenn sehr viel Verantwortung auf viele Schultern verlagert wird, indem jeder bestimmte Verantwortungsbereiche übernimmt und es eine flache Hierarchie gibt. Ich denke, dass ist eine sehr sinnvolle Struktur für viele Bereiche, insbesondere auch für den Wissenschaftsbereich. Inwiefern sich das auch auf den Industriebereich übertragen lässt, kann ich so nicht genau sagen.

 

Gibt es ein spezielles Unternehmen, das Sie besonders reizen würde, einmal für einen Tag von Innen kennen zu lernen?

 

Ich denke, kein Unternehmen kann man an einem Tag kennen lernen, man würde sehr viel länger dafür brauchen. Es gibt aber viele Unternehmen, die mich reizen würden, angefangen von den großen Industrieunternehmen, deren Strukturen ich sehr interessant finde, bis hin zu Banken und auch verschiedene andere Sektoren.

 

Mal angenommen, Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich von ihm für den Standort Deutschland und die deutsche Wirtschaft wünschen?

 

Die deutsche Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt, wir haben die Krise sehr gut überstanden und sind sehr schnell wieder aus ihr herausgekommen. Wir haben hervorragende Wachstumsperspektiven für die nächsten Jahre und darüber hinaus auch sehr gute Beschäftigungsperspektiven. Es kommt jetzt darauf an, die guten Dinge zu erhalten und fortzuführen. Das heißt insbesondere, dass man die Reformen am Arbeitsmarkt beibehalten muss, die in der letzten Dekade durchgeführt worden sind, und dass man eine Lohnpolitik betreibt, die beschäftigungssichernd ist, so dass sich die Beschäftigung weiter verbessern und die Arbeitslosigkeit weiter zurückgehen kann.

 

Herr Professor Bräuninger, vielen Dank für das Gespräch.

 

Gerne.

 

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