Energie & Umwelt

Nachhaltige Stadtentwicklung: Megacities – neue Herausforderungen, neue Lösungen- Interview mit dem Corporate Vice President bei Siemens One

Corinna Lang von CleanEnergy Project hat Pedro Miranda, den Corporate Vice President bei Siemens One, zu dem Wandel und den Problemen der Megacities interviewt. Siemens versteht sich selbst als "grüner Infrastrukturpionier", der durch intelligente Technologien hilft, die Erde an vorderster Front zur Nachhaltigkeit umzubauen.

Im Jahr 2030 werden Schätzungen zu Folge über 60 Prozent aller Menschen in Städten leben. Besonders schnell wachsen dabei die sogenannten Megacities, also Städte mit über zehn Millionen Einwohnern. Doch mit der zunehmenden Urbanisierung wachsen auch die technischen Herausforderungen an eine nachhaltige Stadtentwicklung. Das CleanEnergy Project sprach mit Pedro Miranda, Corporate Vice President bei Siemens One, über verschiedene Cleantech-Lösungen für Megacities.

Herr Miranda, mit welchen technischen Lösungen ist es möglich, in Megacities Wasser zu sparen?

Wir bieten Kommunen eine Vielzahl von Produkten und intelligenten Lösungen für die Wasseraufbereitung an. Ein schönes Beispiel ist die Wasserrückgewinnungsanlage in Singapur. Mit unseren Membranfilteranlagen werden täglich 228 Millionen Liter Wasser wieder aufbereitet. Das qualitativ sehr hochwertige Wasser wird vor allem von der Industrie verwendet, was die natürlichen Trinkwasserressourcen der Stadt schont. Zudem entwickeln wir neue Verfahren wie beispielsweise den Membranbioreaktor, um den Energiebedarf für die Wasseraufbereitung weiter zu senken.

Wie lässt sich der Müll in den Megastädten reduzieren?

Das Thema Abfall ist eine gesellschaftliche Frage, Technik kann hier aber eindeutig unterstützen. Beim Abfallmanagement steht Abfallvermeidung an erster Stelle. Wo das nicht geht, wird der anfallende Abfall dem Material- oder thermischen Recycling zugeführt. Nicht recyclingfähiger Abfall muss nach Möglichkeit umweltfreundlich entsorgt werden. Hier braucht es aber auch klare Vorgaben von Seiten der Kommunen, um eine größere gesellschaftliche Sensibilität zu erzeugen.

Welche Möglichkeiten haben die Städte, ihre Energieeffizienz zu erhöhen?

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man schon mit relativ bescheidenen Mitteln viel erreichen kann. Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Rund 40 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs fallen in Gebäuden an. Bund, Länder, Kommunen und immer mehr Organisationen entdecken deshalb in ihren Gebäuden die eigentliche Energie- und Kostensparquelle. Die Einsparmöglichkeiten sind mit der heute verfügbaren Technik enorm. Wichtig ist, dass alle Systeme und Komponenten eines Gebäudes aufeinander abgestimmt sind. Mit einem klaren Optimierungsprozess kann die Energieeffizienz von Gebäuden deutlich gesteigert werden. Schon heute sind im Rahmen einer mehrjährigen Energiespar-Partnerschaft mit dem Land Berlin unsere Lösungen in 180 Gebäuden im Einsatz. Dadurch spart die Stadt rund 5,3 Millionen Euro jährlich. Gleichzeitig konnten wir den CO2-Ausstoß um 29.000 Tonnen pro Jahr um ein Viertel senken.

Auf welche Art und Weise lässt sich am besten Energie für die vielen Einwohner erzeugen?

Sicherheit, Erschwinglichkeit und Umweltfreundlichkeit müssen bei der städtischen Energieplanung im Gleichgewicht stehen. Wir bieten hierfür Lösungen für die gesamte Energieumwandlungskette. Das beginnt bei der Gewinnung von erneuerbaren Energien mit Wind- und Solarkraftwerken oder zum Beispiel der Stromerzeugung in hocheffizienten Gas- und Dampfturbinenkraftwerken. Der anschließende Transport des erzeugten Stroms in die Verbrauchszentren kann auch über weite Entfernungen verlustarm über Hochspannungs-Gleichstromverbindungen erfolgen – eine Technik, bei der Siemens übrigens Marktführer ist. Durch den wachsenden Bedarf an Elektrizität und die Zunahme erneuerbarer Energien werden künftig intelligente Stromnetze eine immer größere Rolle spielen.

Was ist nötig, um die Mobilität in den Megacities nachhaltig zu gestalten?

Verkehr gehört zu den größten Klimakillern, Staus sind ein enormer Kostenfaktor. Gelingt es, Transport- und Informationssysteme zu vernetzen, hilft das gegen den Verkehrskollaps. Außerdem reduziert intelligente Verkehrssteuerung den Kraftstoffverbrauch und die Luftverschmutzung. Das geht aber nicht ohne den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und ihrer Verknüpfung mit Verkehrsinformations- und Verkehrsmanagementsystemen. Wie wirkungsvoll das sein kann, zeigt ein Beispiel in London. Siemens hat dort ein Verkehrssystem umgesetzt, das sich sehen lassen kann: Seit seiner Einführung im Jahr 2003 verringerte sich das Verkehrsaufkommen um 20 Prozent, die Zahl der Verkehrsstaus ging um rund 30 Prozent zurück und die Stadt spart so 150.000 Tonnen CO2 pro Jahr ein.

Inwieweit ist es ökonomisch sinnvoll, die Strukturen bestehender Großstädte zu modifizieren, statt neu zu bauen?

Es ist natürlich sinnvoll und auch technisch machbar. Bestehende Strukturen können und müssen modernisiert werden, es ist kein Problem auf ihnen aufzubauen, es muss nur intelligent gemacht werden. Wenn sich die Einwohnerzahl einer Stadt in kurzer Zeit verdoppelt, dann müssen Städte ihre Basisinfrastruktur verbessern und modernisieren. Wer kann schon bei Null anfangen, in Europa ist das ausgeschlossen, gerade durch unsere gewachsenen Strukturen.

Führen neue technische Lösungen nicht eher zu einem Gegentrend zur Urbanisierung, also dazu, dass die Bevölkerung wieder aufs Land zieht? (Erneuerbare Energien ermöglichen Selbstversorgung; IKT-Lösungen führen dazu, dass Nähe zum Firmensitz an Relevanz verliert.)

Den Trend der Verstädterung kann niemand umkehren. Es ist eine Tatsache, dass weltweit Städte immer schneller wachsen, der Zuzug in städtische Gebiete ist unaufhaltsam.

Können Sie uns zum Schluss noch den „Green City Index“ von Siemens näher erläutern? Welches Ziel verfolgt der Green City Index?

Wir wollen mit unserer Forschungsreihe, dem Green City Index, einen Beitrag zur weltweiten Debatte um Umweltschutz und Nachhaltigkeit in Städten leisten. Bislang haben wir mit Hilfe der Economist Intelligence Unit mehr als 120 der wichtigsten Metropolen der Welt untersucht. Jede Stadt wurde in verschiedenen Umweltbereichen analysiert – zum Beispiel Energie und CO2 oder auch Gebäudenutzung, Verkehrsstrukturen und Umweltmanagement. Die Studie analysiert letztlich Stärken und Schwächen der Metropolen, und zeigt ihnen auf, wo sie in punkto Umwelt und Nachhaltigkeit stehen. Die Ergebnisse können für Städte natürlich Ansporn sein, sich zu verbessern, wenn belegt ist, dass die Stadt XY bei einigen untersuchten Aspekten deutlich besser rangiert und quasi den Benchmark vorgibt. Nach dem European Green City Index, den wir im Jahr 2009 veröffentlichten, haben wir noch Studien für Lateinamerika, Asien, Nordamerika und Afrika beauftragt. Am Index für Australien und Neuseeland arbeiten die Experten gerade.

Herr Miranda, ich danke Ihnen für das Gespräch.

(Quelle: Corinna Lang / CleanEnergy Project)

 

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