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Neue Möglichkeit der Asteroidenabwehr: Russland will Weltraum-Billard spielen

Am 15. Februar 2013 explodierte über dem russischen Ural bei der Stadt Tscheljabinsk ein 17 Meter großer und 10.000 Tonnen schwerer Meteor. Der Asteroid trat mit einer Geschwindigkeit von 64.000 Kilometern pro Stunde (18 Kilometer pro Sekunde) in die Erdatmosphäre ein und zerbarst in einer Höhe von 19 bis 24 Kilometern, was die Zerstörungen in Grenzen hielt. Dennoch wurden von der Wucht der Explosion, die eine Stärke von rund 500 Kilotonnen TNT-Äquivalent bzw. der 33-fachen Stärke der Hiroshima-Atombombe hatte, über 1.000 Personen verletzt. Zahlreiche Kameras hatten das Ereignis zufällig aufgezeichnet.

Videoaufnahmen des Tscheljabinsk-Meteors

Im Jahr 1908 kam es zu dem letzten größeren Asteroiden-Einschlag, dem sogenannten Tunguska-Ereignis. Große Teile der Taiga um den Fluss Tunguska in Sibirien wurden damals durch die Explosion des Asteroiden mit einem Durchmesser zwischen 30 bis 80 Metern verwüstet, der ebenfalls aufgrund des Drucks bei dem Eintritt in die Erdatmosphäre in mehreren Kilometern Höhe zerborsten war.

Bei dem Ereignis mit einer Sprengkraft zwischen je nach Angaben 2 bis 50 Megatonnen TNT wurden Bäume bis in etwa 30 Kilometer Entfernung entwurzelt und Fenster und Türen in über 65 Kilometern Entfernung eingedrückt. Zum Vergleich: Die größte jemals gezündete Wasserstoffbombe hatte eine Sprengwirkung von 50 Megatonnen TNT. Es wird geschätzt, dass auf einem Gebiet von über 2000 km² insgesamt rund 60 Millionen Bäume umgeknickt wurden. Noch in über 500 Kilometern Entfernung wurden ein heller Feuerschein, eine starke Erschütterung, eine Druckwelle und ein Donnergeräusch wahrgenommen, wie unter anderem Reisende der Transsibirischen Eisenbahn berichteten.

Wahrscheinlichkeit für Asteroiden-Einschläge

Monatlich treffen im Durchschnitt drei Objekte mit einem Durchmesser von rund 1 Meter auf der Erd- bzw. Meeresoberfläche auf. Einmal im Jahr ein Objekt mit einer Größe von rund 3 Metern. Ein Ereignis wie nun im Ural tritt statistisch rund alle 50 bis 80 Jahre auf. Ein Asteroid mit einem Durchmesser von über 50 Metern trifft rund alle 100 Jahre die Erde und alle 1000 Jahre ein Objekt mit einer Größe von ca. 100 Metern – ein solch großer Asteroit würde wohl zur Zerstörung einer ganzen Großstadt führen. Die wirklich großen Einschläge, Asteroiden mit einem Durchmesser von einem Kilometer und mehr, dürften statistisch nur alle einige 100.000 Jahre stattfinden.

Asteroiden, die größer als 500 Meter sind, würden nach einem Einschlag einen Krater mit einem Durchmesser von ca. 10 Kilometer und  zu schweren globalen Auswirkungen führen – und wahrscheinlich das Leben eines ganzen Kontinents zerstören. Ein 10 Kilometer großer Himmelskörper würde wahrscheinlich nahezu alles Leben auf der Erde auslöschen.

Neue Möglichkeit der Asteroiden-Abwehr

Das russische Institut für Weltraumforschung und die Higher School of Ecomonics in Moskau haben anhand von Computer-Simulationen eine neue Möglichkeit der Abwehr gefährlicher Asteroiden entwickelt: Sie sollen mit anderen Kleinstplaneten abgeschossen werden. Dafür müssten mehrere dieser kleineren Asteroiden mit einem Durchmesser von 5 bis 15 Metern in einem erdnahen elliptischen Orbit von 100.000 bis 200.000 Kilometer Abstand zur Erde „eingefangen“ werden. Dies funktioniert mittels unbemannten Raketen des Typs Proton, die an der Asteroiden-Oberfläche andocken und zu zuvor fest berechneten Zeitpunkten gesprengt werden, um seine Umlaufbahn etwas zu korrigieren und damit dem Himmelskörper die gewünschte neue Richtung zu geben.

Das Schutzprogramm würde etwa eine Milliarde Dollar für jeden Start einer Proton-Rakete kosten, sei aber durch die möglichen hohen Schäden sowie die hohen Opferzahlen, falls dicht besiedeltes Gebiet getroffen werde würde, gerechtfertigt. Die dafür erforderliche Ausrüstung könnte in zehn bzw. zwölf Jahren entwickelt werden.

NASA hat ähnliches Programm

Die Idee aus Russland ist nicht vollkommen unrealistisch. Die US-Raumfahrtbehörde NASA hatte kürzlich ähnliche Pläne veröffentlicht, wenn auch mit einem anderen Hintergrund. Die NASA plant im Rahmen ihres Asteroid Retrieval and Utilization Projects, einen 500-Tonnen-Asteroiden abzufangen und in einen stationären Mondorbit weiterzuleiten, so dass er nach 2025 bei bemannten Expeditionen erforscht werden könnte. Die erste Phase des Projekts soll 2014 starten und wird mit insgesamt 2,6 Milliarden Dollar veranschlagt. Für das nun vorgestellte russische Projekt sind bislang 4,8 Milliarden Dollar vorgesehen.

(mb)

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