Kolumnen

Wird das ewige Eis Schnee von gestern?

… aus der wöchentlichen Kolumne von Dr. Franz Alt.

Je intensiver die Wissenschaftler vor der Klimakatastrophe warnen, desto geringer waren bisher die Erfolgsaussichten der Weltklimakonferenzen. Und das seit 20 Jahren! Gilt diese pessimistische Prognose auch für die nächste Konferenz, die vom 28. November bis zum 9. Dezember mit über 8.000 Teilnehmern in Durban/Südafrika stattfindet? In den letzten Jahren hat sich die Situation des Weltklimas dramatisch verschlechtert – wie der Umweltjournalist Franz Alt beobachten konnte. Eine Reportage von Franz Alt zur Weltklima-Konferenz in Südafrika.

Im letzten Juli waren meine Frau und ich auf Grönland und Island in der Arktis und ein Jahr zuvor in der Antarktis. Wir wollten auf einem Expeditionsschiff zusammen mit Wissenschaftlern den Klimawandel studieren. Am Nord- und Südpol zeigt sich die Klimaerwärmung am deutlichsten.

Grönland ist die größte Insel der Welt, fünfmal so groß wie Deutschland, aber hat nur etwa so viele Einwohner wie Baden-Baden. Grönland, das sind großartige arktische Landschaften, Fjorde mit blau-weißen und türkisfarbenen Eisbergen, kristallklares Wasser, vielfarbige Eskimosiedlungen und wahrscheinlich mehr Schlittenhunden als Menschen. Aber Grönland – Grünland hatte Erik der Rote aus Island die Insel vor 1000 Jahren getauft – bietet auch für jeden mit offenen Augen den stärksten Anschauungsunterricht für die größte Bedrohung der menschlichen Spezies: den Klimawandel. Die Bundeskanzlerin spricht von der „Überlebensfrage der Menschheit“.

85% der Insel sind vom noch „ewigen Eis“ bedeckt. „Ist dieses ewige Eis bald Schnee von gestern?“ fragten wir uns während dieser Reise. Grönlands Eiskappe ist 2.000 Kilometer lang, 1.000 Kilometer breit und bis zu dreitausend Meter dick. Wir erleben Grönlands weiße Unendlichkeit. Wer vor einem Eisberg oder Gletscher steht, dem ist als ob er an einem weißen und stillen heiligen Tempel Halt gemacht hätte.

Während ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich folgende Meldung: „Arktis schmilzt im Rekordtempo.“ Noch nie seit Beginn der Klimaaufzeichnungen ist das Meereis im hohen Norden so dramatisch zurückgegangen wie im Sommer 2011.

Von ähnlichen Beobachtungen haben uns Forscher ein Jahr zuvor in der Antarktis berichtet. Das Schmelzen des Eises gilt als der wichtigste Indikator für das Fortschreiten des Klimawandels. Wird Grönland grün?

Der Klimawandel schreitet zurzeit an den Polen unseres Planeten etwa doppelt bis dreimal so schnell voran wie in anderen Regionen. Das berichtet die Fachzeitschrift „Nature Climate Change“. Im Vergleich zu 1950 ist 2011 die Hälfte des damaligen Sommereises in der Arktis verschwunden. Zurzeit schmelzen dort jedes Jahr 250 Kubikkilometer Eis. Das ist etwa das fünffache Volumen des Bodensees.

In der Arktis und Antarktis wird es immer wärmer. Wir haben zwei Tage im Juli erlebt, an denen es in Grönland wärmer war als in Deutschland. Der Sommer 2011 hatte Grönland im Schwitzkasten. Im ersten Halbjahr lag die Temperatur durchschnittlich um 1,5 bis 2,5 Grad über dem Niveau der letzten 30 Jahre – regional waren es sogar bis zu sieben Grad. Die uns begleitenden Wissenschaftler erwarten einen völlig eisfreien Arktis-Sommer schon bis 2020.

Die gesamte Nordost-Schifffahrtsroute zwischen Grönland und Ostasien ist jetzt im Sommer erstmals ohne Eisbrecher befahrbar. Das gleiche gilt für die Nordwest-Passage zwischen Grönland, Alaska und Kanada. Im letzten Bericht des UN-Klimarats (IPCC) im Jahr 2006 war diese Situation für das Jahr 2070 erwartet worden.

Der Meeresspiegel könnte nicht nur um 50 Zentimeter bis zum Ende unseres Jahrhunderts ansteigen wie im letzten Bericht des Weltklimarats angenommen, sondern um einen bis fünf Meter. Schon bei einem Anstieg um einen Meter wären bis zu 150 Millionen Menschen betroffen, die dann keinen Boden mehr unter ihren Füßen hätten und fliehen müssten. Hauptsächlich Menschen in Millionenstädten an den Küsten rund um den Globus: zum Beispiel In Shanghai und Hongkonk, in Calcutta und Bombay, in Dacca und Chittagong, in Kapstadt und Alexandria, in Rio und in Buenos Aires.

In der Arktis taut bereits der Permafrostboden auf und setzt den Klimakiller Methan frei. Ein Methangas-Molekül zerstört das Klima etwa 22mal mehr als das Haupttreibhausgas CO2. In den Eisschichten Grönlands sind gewaltige Kohlenstoffvorkommen eingelagert, die sich dort in Jahrhunderten aus absterbenden Pflanzen gebildet haben.

300 Kilometer nördlich des Polarkreises fliegen wir mit einem Hubschrauber über den Ilulissat-Fjord, der Weltnaturerbe der UNESCO ist. Hier kommen die größten Eisberge Grönlands zur Welt. Eisberg heißt auf grönländisch „Ilulissat“. Vor über 100 Jahren brachte ein Eisberg, der von diesem Fjord kam, die Titanic zum Sinken.

 

Grönland: weißer Schnee – weiß-blaue Eisberge – kahl-schwarze Bergkuppen. In die 1.8 Millionen Quadratkilometer große Insel könnte Deutschland fünfmal hineinpassen und die Zugspitze würde darin verschwinden. Doch das einzigartige Naturparadies in Weiß scheint dem Untergang geweiht. Unsere Wissenschaftler diskutierten nicht mehr wie noch vor einigen Jahren die Frage, ob das Eis verschwindet, sondern nur noch die Frage, wann das sein wird. 20 Kilometer schrumpfte der Ilulissat-Gletscher in letzten 10.000 Jahren vor 1850 . Allein in den letzten sieben Jahren schmolz das Eis um 10 Kilometer. Das Gebiet, das von der Eisschmelze betroffen ist, wächst permanent. Beim Flug lassen wir uns zeigen wie der Gletscher noch vor 150 Jahren fast den gesamten Fjord bedeckte. Doch heute ist der Fjord voller Eisberge, die vom Gletscher abgebrochen sind.

„Die Gletscher kalben“, nennen die Wissenschaftler das Phänomen. Der ganze Fjord ist voller „Kälber“. Schließlich stehen wir am Rande der Abbruchkante des Gletschers. Es „ kalbt“ und kracht und poltert hier pausenlos. Auf acht Kilometer Länge „kalbt“ hier der Gletscher täglich mehr Eis in den Fjord wie in den Alpen alle Gletscher in einem Jahr zusammen.

Auf einer Karte haben die Wissenschaftler die Eisschmelze des Gletschers seit 1850 dokumentiert (siehe Grafik Nr. 2). Wir erschrecken über das zunehmende Tempo. So dramatisch hatten wir uns den Klimawandel nicht vorgestellt. In meinen weltweiten Vorträgen zu diesem Thema und zu den Erneuerbaren Energien gibt es immer noch gelegentlich Zweifel am Klimawandel. Ich werde künftig diese Bilder zeigen und die Skeptiker fragen: „Warum schmilzt in Grönland das Eis, wenn es keinen Klimawandel gibt?“

Ob solche Berichte und wissenschaftliche Erkenntnisse die 8.000 Delegierten aus 192 Ländern, die jetzt 12 Tage lang in Durban ein Nachfolge-Abkommen zum Kyoto-Protokoll ausarbeiten sollen, anspornen, weltweit für wirklichen Klimaschutz zu sorgen? Das an sich schon harmlose Kyoto-Protokoll läuft nämlich 2012 aus.

Und die Hauptklimasünder, die USA und China, weigern sich nach wie vor, mehr für den weltweiten Klimaschutz zu tun.

Doch die Zeichen des Klimawandels stehen schon jetzt auf Sturm und sie mehren sich! Und zwar weltweit, nicht nur in der Arktis und Antarktis.

2010 war das heißeste Jahr seit Beginn der globalen Temperatur-Messungen vor 150 Jahren. 2011 wurde über der Arktis ein Ozonloch festgestellt, das erstmals so groß war wie dieses über der Antarktis.

Ursache war eine Erwärmung der unteren Luftschichten, der Troposphäre, was den Austausch mit der darüber liegenden Stratosphäre verhinderte. Wissenschaftler rätseln noch, ob sich dieses Phänomen wiederholen wird.

Die Eisverluste in Grönland und am Südpol werden immer größer. Die Extremwetter-Situationen nehmen aber auch in Europa zu. Immer mehr Klima-Skeptiker wie zum Beispiel der renommierte Physiker Richard Miller und seine Mitarbeiter an der Universität Berkeley müssen zugestehen, dass der von Menschen verursachte Klimawandel eine Realität ist. Sie werden vom Klima-Saulus zum Klima-Paulus.

Ein kanadisches Forscherteam legte jetzt Berechnungen vor, nach denen spätestens ab 2020 die weltweiten Treibhausgas-Emissionen sinken müssen, wenn das Klima nicht völlig aus dem Gleichgewicht geraten soll. Entsprechende Beschlüsse der Weltgemeinschaft sind aber jetzt in den nächsten Tagen in Durban nicht zu erwarten.

Deshalb befürchten Wissenschaftler wie Professor Mojib Latif vom Institut für Meereskunde an der Universität Kiel eine globale Erwärmung von bis zu sechs Grad in Deutschland zum Ende dieses Jahrhunderts. Das wären dann Sommer-Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius. Europa würde Afrika und Afrika würde unbewohnbar.

Auch Professor Stefan Rahmsdorf am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung befürchtet, dass die bisherigen dramatischen Berichte des Weltklimarats noch untertrieben waren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde alles noch viel schlimmer als bis jetzt erwartet. Der Meeresspiegel steige durch die rasche Eisschmelze an den Polen etwa dreimal so schnell wie bisher vermutet.

Die Hitzewelle und die Waldbrände im Sommer 2010 waren in Russland extremer als der Hitzesommer 2003 in Westeuropa. Damals starben 47.000 Menschen in Westeuropa am Hitze-Tod. Solche extreme Hitzesommer könnten bald normal werden.

Die Erwartungen an den Klimagipfel in Durban sind so gering wie nie zuvor bei einem solchen Treffen. Die Vor-Konferenzen geben nur Anlass zum Pessimismus.

Aber die Wissenschaftler und Forscher sehen immer klarer, was uns, unseren Kindern und Enkeln droht. Die aktuelle Wirtschaftskrise ist eine Krise von zwei oder drei Jahren. Die globale Klimakrise aber ist eine Krise der nächsten 2000 bis 3000 Jahre. Wenn das Weltklima kippt, braucht es Jahrtausende bis es wieder halbwegs in Balance ist.

Am Ende der Konferenz wird Franz Alt wieder eine Bilanz ziehen.

 

Quelle: © Franz Alt 2011

 

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