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Besinnliche Weihnachten? Über Sinnlichkeit und Kommerz

Jetzt liegt sie vor uns, die Weihnachtszeit. Aber werden es auch besinnliche Weihnachten? Ulrich B Wagner bezweifelt es. Schließlich waren es wir Deutschen, die bereits in der frühen Neuzeit mit Handel und Weihnachtsmärkten besinnliche Weihnachten zu Geld machten. In seiner heutigen Kolumne  “QUERGEDACHT UND QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” schreibt Ulrich B Wagner über Stress, Völlerei – und darüber, wie es uns vielleicht gelingen könnte, doch noch besinnliche Weihnachten zu erleben.

 

Die Musik steckt nicht in den Noten,
sondern in der Stille dazwischen.

Johann Wolfgang von Goethe

Sinnlichkeit ist die Eintrittskarte in den Garten der Gefühle.

Ernst Ferstl

Besinnung in der Dunkelheit

In Frankfurt gibt es ein Museum, in dem es auf den ersten Blick nichts zu sehen gibt. Dem Besucher ist es schlicht und einfach nur schwarz vor den Augen, und dennoch gibt es wahre Welten zu entdecken.

Das Frankfurter Dialogmuseum lädt nämlich dazu ein, das Unsichtbare zu entdecken. In sechs verschiedenen Erlebnisräumen erfährt man die Welt aus der Perspektive der Nicht-Sehenden. Geleitet von den blinden Mitarbeitern des Museums und bewaffnet mit einem Blindenstock bekommt die Umgebung eine komplett neue Qualität.

Verwirrt, ängstlich, neugierig und nachdenklich lernen wir Sehenden neu zu ‚sehen‘.

Das Spannende ist jedoch, wie sehr sich auf einmal die anderen Sinne zu Wort melden und uns, wenn wir es zulassen, eine komplett andere Realität vermitteln.

Alles wirkt neu, feingliedriger und gebrechlicher als in der Welt des Sehens, wobei man fast davon sprechen kann, dass man schlicht und ergreifend erlernt, mit den verbliebenen Sinnen zu sehen.

Es ist eine sinnliche Erfahrung die sich auftut. Es gibt zwar nichts zu sehen, doch dafür enorm viel zu fühlen, zu riechen, zu schmecken und zu hören. Es ist eine andere Form der Stille und der Konzentration.

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Sehen so besinnliche Weihnachten aus? (Bild: uschi dreiucker / pixelio.de)

Die Weihnachtszeit lädt zur Besinnung

Doch warum erzähle ich Ihnen das? Auf der einen Seite möchte ich Sie neugierig machen auf einen Besuch. Doch auf der anderen Seite war es mir eine Parabel zu der jetzt vor uns liegenden Weihnachtszeit. Auch wenn man kein gläubiger Christ ist, hat die Weihnachtszeit doch irgendwie immer etwas Sinnliches und Besinnliches.

Auch sie lädt dazu ein, das Tempo ein wenig zu reduzieren, innezuhalten und den Blick einmal nach innen zu richten. Wenn man es zulässt, können besinnliche Weihnachten eine sehr sinnliche Erfahrung sein.

Besinnliche Weihnachten – oder die stressigste Zeit des Jahres?

Doch statt besinnliche Weihnachten zu feiern, kann man auch die schlimmste Zeit des Jahres verbringen. Nur Stress, Fressen, Saufen, auf Knopfdruck geheuchelte Menschenfreundlichkeit und vor allem: kaufen, kaufen, kaufen. Das Weihnachtsfest verkommt zum Horror.

Und wer ist schuld daran? Unsere amerikanischen Freunde mit ihrem kitschigen gefräßigen und ununterbrochen Coca-Cola-saufenden Santa Claus? Mit ihren Häusern, die in einem kitschigen Lichtermeer funkeln und die Energie von mehreren Kernkraftwerken verbrauchen?

Nein, auch bei uns ist, wenn man durch die großen Städte der Nation läuft, die Weihnachtszeit zum Teil der Gipfel der Geschmacklosigkeit und des Kommerzes. Und das Ganze hat auch noch Tradition. Bereits im 14. Jahrhundert hielten Spielzeug- und Schmuckmacher im Advent öffentliche Märkte und Messen ab und verkauften dort ihre Waren als Geschenkideen. Dies könnte zu Recht als der bittere Anfang der Kommerzialisierung von Weihnachten angesehen werde.

Deutschland, die Wiege des Kommerzes

Schon lange vor der Industrialisierung überschwemmten wir Deutschen in einem unglaublichen missionarischen Eifer den Rest der Welt mit billigem Holzspielzeug und Weihnachtsschmuck, den man im Erzgebirge in Massen und mit fast chinesischem Eifer produzierte.

Ich für meine Person schließe angesichts dieses Horrors die Augen und hoffe, dass sich für einen Moment dieses kindliche Gefühl der sinnlichen und besinnlichen Weihnachtszeit wieder einstellt.

Manchmal muss man einfach die Augen schließen und alles um sich herum im Dunkeln versinken lassen, um in andere Welten abtauchen zu können, was man im Frankfurter Dialogmuseum sehr gut üben kann.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen besinnliche Weihnachten.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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