Deutschland

Dr. Franz Alt: Vom Elend der Großprojekte

Uns ist im Laufe der Jahre von Stuttgart 21 klar geworden: Der größte Kostensteigerungsfaktor ist die Unwahrheit. Die meisten Großprojekte werden deshalb so teuer, weil sie am Anfang trickreich schöngerechnet werden, um Politik und Öffentlichkeit zu täuschen. Aber wir haben Politiker nicht gewählt, damit sie mit den Größenwahnsinnigen kungeln, sondern damit sie unsere Interessen vertreten. Und wenn sie das nicht mehr tun, dann machen wir es selbst und wählen die Politiker ab. Die Schwarzen haben Jahre lang gelästert, dass die Sozis nicht mit Geld umgehen können. Heute rufen wir den Schwarzen zu: Lernt Ihr endlich mal anständig mit unserem Steuergeld umzugehen.

So wie die Kosten kleingerechnet werden, so werden die Folgekosten der Großprojekte verdrängt, verleugnet oder einfach vergessen.

Inzwischen wissen es alle: Stuttgart 21 ist tot, aber keiner der Verantwortlichen will es offen aussprechen. Auch nicht die Landesregierung. Es wird nur noch der Schwarze-Peter der Schuld hin und her geschoben. Der derzeitige Zustand des Bahnhofs sagt alles über die Chaoten-Pläne der Bahn für Stuttgart 21: Kräne, Rohre, Baugruben, stillstehende Tunnelbohrer, Plastikplanen, ein kahl rasiertes Parkgelände. Es geht nichts vorwärts und nichts rückwärts. Ratlosigkeit überall. Peinlicher geht es nicht mehr.

Stuttgart 21 ist ein einziges Geld-Loch. Das teuerste Loch der Republik. Aber die Bahn will noch immer weitermachen.

Der Bund sagt inzwischen, er sehe keine „ausreichende Grundlage“ für weitere Milliardenausgaben. Am Ende könnte noch viel mehr verschwendet werden als wir heute ahnen. Für die Bahn ist das wirklich ein Debakel, aber es wird von Tag zu Tag größer, solange das Scheitern des Projekts nicht eingestanden wird. Der Imageschaden wird bald so groß sein wie am Berliner Flughafen. Stuttgart 21 ist bis jetzt eine Blamage, aber allmählich wird es für alle Beteiligten zum unkalkulierbaren Risiko. Es gilt endlich zu erkennen: Wenn andere mit einem Kopfbahnhof im 21. Jahrhundert gut leben können, dann gilt das auch für Stuttgart. Der einzig logische Schluss ist ein sofortiger Rückzieher von Stuttgart 21.

Und die Volksabstimmung?  Sie war eine Farce, weil ihr völlig falsche Zahlen zugrunde lagen. Auf der Basis der heutigen offiziellen Zahlen war die Volksabstimmung ein weiterer Betrug.

Als beinahe täglicher Bahnfahrer mit einer Bahncard 100 mache ich der Bahn diesen Vorschlag: Steckt die vielen Milliarden, die ihr bei Stuttgart 21 sparen könnt, so rasch wie möglich in tausende verlotterte Bahnhöfe und in die Infrastruktur einer modernen, wirklich zukunftsfähigen Bürgerbahn. Bürgerbahn statt Größenwahn!

In diesen Tagen war zu lesen: Der Bund drohe mit einem Ende des Projekts. Wir bitten hier und jetzt den Bund: macht Eure Drohung endlich wahr.

Wie viele Jahrzehnte soll es denn noch dauern bis die sogenannten Experten begreifen, was die einfachen Bürgerinnen und Bürger schon lange verstanden haben. Unsere Zeit ist geprägt vom Größenwahn der Großprojekte. Und von einem rastlosen Gigantismus. Was wir aber brauchen ist eine Rückkehr zum menschlichen Maß. Small is beautiful. Ökonomie muss dem Gemeinwohl dienen, nicht der Raffgier und dem Größenwahn weniger. Die Bundeskanzlerin hat in diesen Tagen den starken Satz gesagt: „Stuttgart 21 muss sich aber auch rechnen.“ Frau Bundeskanzlerin: Wenn Sie diese Erkenntnis ernst nehmen, dann hat sich Stuttgart 21 von selbst erledigt.

So wie es möglich war, die einst geplanten Großprojekte Frankfurt 21 und München 21 zu beerdigen, so ist es auch möglich, Stuttgart 21 endgültig zu begraben. Der erste Schritt dazu ist ein sofortiger Baustopp. Wenn Wackersdorf, Whyl und Brokdorf gestoppt werden konnten, weil der Widerstand und die Kosten zu groß wurden, dann kann auch Stuttgart 21 noch aufgehalten werden. Hinzu kommt, dass die Brandschutzbestimmungen der Stuttgarter Feuerwehr so wenig erfüllt werden können wie am Berliner Flughafen. „Oben bleiben“ heißt die Alternative. Und endlich Schluss mit den Erpressungsversuchen der Deutschen Bahn gegenüber der Stadt und dem Land.

Nur ein Abschied vom alten Verkehrs-Größenwahn macht den Ausstieg aus der irrationalen Stau- und Autogesellschaft möglich. Wir fordern eine intelligente, eine rationale, eine effiziente und eine bezahlbare Verkehrswende. Nur dann wird auch Autofahren eines Tages heilbar.

(Dr. Franz Alt 2013)