Einsichten & Ansichten

Digitalisierung & Holocaust. Für ein neues Verständnis von Effizienz & Erfolg

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Leben wir Deutschen in einem Land, welches die Steigerung der Effizienz als DIE Losung ausgibt? Falls dem so ist, was macht das aus uns? Fragen, die man sich aufgrund der Entwicklungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte durchaus stellen sollte. Unser Kolumnist Ulrich B Wagner hat genau das getan. Er fürchtet sich vor den Konsequenzen, die unser vermeintlich „rationales“ Handeln, sowohl für uns selbst als auch für unsere Mitmenschen, haben könnte.

Ein Hohelied auf Effizienz und den Erfolg?

Es werden die wenigsten unter uns sein, die sich noch bewusst oder auch unbewusst an Heiner Kipphardts Stück „Bruder Eichmann“ erinnern können.

Warum auch? Deutschland ein Sommermärchen? Vielleicht. Shakespeares ein Lied von Schein und Sein? Oder dann doch nur schnell im Abgesang ein Hohelied auf Effizienz und den Erfolg?

Man vergisst – verdrängt – so einiges im Laufe der alltäglichen Routinen und insbesondere in einer Zeit in der sich ein bis in die letzte Konsequenz vollzogenes „rationales“ Kapitalismusverständnis als ultima ratio, als gesamtgesellschaftliches Lösungsmodell und als allein seligmachendes gesellschaftliches Prinzip nicht nur anbietet, sondern schon im Denken einbetoniert hat.

Willkommen im Zeitalter der Extreme.

Von Verrücktheiten an dieser Stelle noch ganz zu schweigen. Man nehme in diesem Kontext nur die von Byung-Chul Han* vollzogene Visualisierung des, kollektiv zwar nicht zur Gänze Verstehbaren, aber damit auch umso stärker Fühl- und Erfühlbaren des derzeitigen Ausnahmezustands: Auf der einen Seite der New Yorker Flagship-Store von Apple, ein Kubus aus reinem Glas und auf der anderen sein architektonisches Gegenbild, die Kaaba in Mekka mit ihrem schwarzem Umhang, mit dem sich jedwede Transparenz, auch des Denkens in ihr gegenteiliges Extrem verflüchtigt hat.

Nur so am Rande: „Kaaba“ heißt wirklich wörtlich genommen „Kubus“. Soweit so gut erst mal.

Vielleicht sind sie ja, wenn auch nicht auf den ersten Blick, dann doch Brüder im Geiste. Im Geiste dessen was wir schlechterdings als Macht, Ordnung und Identität nicht nur bezeichnen, sondern auch „noch“ als solche verstehen wollen und damit hüben wie drüben, im schwarzen und im gläsernen gleichermaßen als Konstanten der Realität ansehen.

Allahs Wille, Gottgewollt, vermeintlich selbst gewählt oder doch nur den „freien“ Gesetzen der Märkte geschuldet ist, einer normativen Kraft des ehemals Faktischen, einem letzten, tönernen Strohhalm Orientierung in einer „neuen“, noch unbekannten Welt. Einer Welt, deren Chancen und Risiken wir auch deshalb nicht in ihrer Komplexität begreifen können, weil wir selbst, Alle, die Transparenten im selben Ausmaß wie die Verhüllten, nicht nur mittendrin stecken, sondern auch die Worte und Bilder, deren wir mächtig sind, diese nicht mehr beschreiben, sondern in ihr auch der ihnen bisher als inhärent betrachteten Bedeutung beraubt wurden.

Das Allgemeinverständnis des Deutschen

Und irgendwie stecken wir aber halt Alle drin. Aber?! Aber, folgt man der internationalen Presse, insbesondere, so scheint es auf alle Fälle im ersten Moment, auch oder gerade „wir Deutsche“.

Vorausgesetzt natürlich, man folgt dem platten Allgemeinverständnis des Deutschen, was allein einer eigenen Kolumne Thema genug sein könnte: Rationalisierung (als Veralltäglichung des Außeralltäglichen, vgl. Max Weber), Rationalität, Hierarchie, Ordnung, Beharrlichkeit und/oder Beharrungsvermögen, Bodenständigkeit, Perfektionismus, aber auch Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Arroganz und Spießigkeit, stecken gerade wir nicht nur mittendrin, sondern schon bis zu den Ohren (zum Glück nur als Typus und Vorbildfunktion für so einiges verkehrt verstandenes), nicht nur sprichwörtlich, in der Scheiße.

Betrachten Sie bloß die zwei ehemaligen Aushängeschilder der deutschen Wirtschaft: Volkswagen und Deutsche Bank – und Sascha Lobos Feststellung, dass in der digitalen Transformation ehemals ökonomische Stärken sich in Schwächen verwandeln, droht sich zu einem düsteren das gesamte Selbstverständnis der deutschen Wirtschaft negierendem Untergangsszenario aufzuschwingen.

Es geht nicht um Re-Moralisierung

Einer Misere, die in der Leugnung einer veränderten, einer wahrhaft verrückten Welt ihren Ursprung nahm. Einer Welt die im wahrsten Sinne des Wortes verrückt ist und nicht meschugge, sondern durch die Dehnung von Raum und Zeit einen anderen Platz im Miteinander, oder besser ausgedrückt in der Wahrnehmung eines jeden Einzelnen im Großen und Ganzen, bekommen hat.

Einem Selbstverständnis, das mit Rationalismus, Effizienz und Moralfreiheit verbunden ist und das fast unbemerkt seinen Siegeszug im Reich des ökonomischen Denkens spätestens seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrtausends begonnen hatte und damit aber auch unser gesamtes Weltverständnisses verändert hat. Es mag vielleicht keine Möglichkeit zum Abschied vom Rationalismus geben. Mag sein, macht aber auch nichts.

Denn „Rationalismus“ wird nicht per se aus seiner ehemals positiven Grundbestimmung zu einem Verhängnis, sondern verwandelt sich erst durch seine Ausweitung auf Teilbereiche des Sozialen, durch die neue Vergöttlichung, die Verallgemeinerung, dessen was wir unter Rationalisierung und/oder Digitalisierung verstehen wollen zu einem tödlichen Gift: dem „stahlharten Gehäuse [der Hörigkeit]“ (vgl. Weber, M.: „Die protestantische Ethik I“, Gütersloh 1981.

Mit Gewissheit, nur um etwaigen Missverständnissen oder besser gesagt wohlgemeinten „Reflexen“ des Einen oder Anderen an dieser Stelle vorzubeugen, geht es mir nicht um einen Re-Moralisierung der Ökonomie oder der Lebenswelt, sondern um eine neue Wahrnehmung von Komplexität und Kontingenz in einer im Zuge der Digitalisierung komplett verrückten Welt: Einer Bereitstellung von Möglichkeitsräumen und einer neuen Form des kommunikativen Handelns in einer digitalisierten Welt, deren Vernetzung des Denkens erst Problemlösung ermöglicht.

Eine falsch verstandene Rationalisierung, ein falsch verstandenes Wir

Einer Welt, die nur vordergründig binär, schwarz oder transparent, richtig oder falsch ist, sondern deren Errungenschaften, nicht auf der Hardwareseite, dem Greifbaren liegen, sondern auch im Visionären, dem wirklich Anderen, der Verwirklichung des Neuen und nicht einer ständigen vermeintlichen Erneuerung des schon Bestehenden, dem kontrafaktischen Wiederbeleben des Totgeweihten oder aus der Zeit gefallenen.

Einem Denken und Handeln, das einem falsch verstandenen Rationalismus entsprungen ist, der alles zu Gütern verkommen lässt, der die menschliche Existenz, indem er auch die Segnungen der Digitalisierungen, des Internets, der grenzenlosen Kommunikation wieder mittels ökonomischer Quantifizierungen in reine kommerzielle Beziehungen verwandeln will. Was jedoch, das Beispiel Indien äußerst eindrücklich, aber auch die sozialen Bewegungen der im Digitalen aufgewachsenen Generationen schon ansatzweise zeigt, nicht in Gänze (hoffen wir es) gelingen wird.

Eine falsch verstandene Rationalisierung, ein falsch verstandenes Wir, ein Gebilde des Eigenen, das dem eigenen Selbst huldigt, das den Egoismus lobpreist, den Kampf aller gegen Alle als Maximierung des Erfolgs, die Steigerung der Effizienz als die wesentlichen Losung ausgibt und nun im Druck der Veränderung, des Aufbrechens des Selbstverständlichen, das Andere nicht mehr (wenn jemals überhaupt) als Möglichkeit erkennt, sondern als bloße Gefahr fürs Kollektive. Es als Eindringlinge beschreibt, ob nun Flüchtlinge oder die Digitalisierung in das klassische Ökonomie- und Managementverständnis. Es verändert unsere Kommunikation. Es verändert unser Selbstbild und damit auch das der Welt. Veränderung macht Angst. Veränderung in dieser Tragweite und in dieser Geschwindigkeit der Dehnung von Raum und Zeit phobokratisch.

Willkommen im Panikland.

Es geht mir nicht um Moral. Es geht um mehr: Es geht um Werte. Echte Werte die leichtfertig durch phobokratisches, im Grunde irrationales Handeln im Namen der angeblichen Rationalisierung und Rationalität der Märkte über Bord geschleudert werden.

Es geht um den Wert der freien Wirtschaft, der Freiheit per se, der Menschenwürde, der Gemeinschaft, der Kommunikation, des Lebens und seiner Entfaltung.

Wir leben derzeitig und das ist das Einzige, was ich mir mit Gewissheit zu sagen erlaube, in einem Ausnahmezustand, einem in between. Es fehlt an Erfahrung, aber insbesondere an einem: der Bereitschaft des Ausprobierens, des trial und errors und damit aber auch der Aufgabe des in den veränderten Raum-Zeit Koordinaten nicht nur unmöglich gewordenen Perfektionismus.

Was tun, mögen Sie fragen?

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Könnte unser Missverständnis von Effizienz uns wieder zurück in jene Unzeiten katapultieren, in denen industriell organisierter Massenmord zu einem allgemeinen Gesetz wird? (Bild: © Jörg Simon / 2016)

Endlich tun möchte ich ihnen antworten, handeln, Stellung beziehen, sich dem Neuen stellen und es nicht, nicht nur in Sachen Flüchtlingen, sondern auch im Kontext der Digitalisierung, ob nun in technischen und/oder ökonomischen Fragestellungen, in der Hoffnung, das es wieder vorübergeht vor die eigenen Grenzen zu drücken und wenn dies nicht mehr gelingt, es zu vernichten. Sorry, das hatten wir schon einmal und die Folgen waren für alle fatal.

Eine Einsicht, die auch bei den Enkeln und Ur-Enkeln unseres Bruder Eichmann Einzug halten sollte. Nur zur Erinnerung: Eichmann beharrte von Beginn des Prozesses bis zu seinem späteren Gnadengesuch darauf, dass er im juristischen Sinne unschuldig sei, und berief sich darauf, nur auf Befehl von Vorgesetzten gehandelt zu haben. Bei über sechs Millionen unschuldig getöteter Menschen, die als nutzlose Fremdlinge und Bedrohung angesehen wurden!

Die Aussage ihres geistigen Ur-Vaters**: „Zur Norm habe ich die kantsche Forderung erhoben, und zwar schon sehr lange. Nach dieser Forderung habe ich mein Leben ausgerichtet, und ich habe hier auch nicht Halt gemacht in meinen Apostrophierungen vor meinen eigenen Söhnen, wenn ich die Erkenntnis hatte, dass sie sich gehen ließen. Bei Faulheit, Desinteressement an ihrer Weiterbildung habe ich sie ebenfalls mit geharnischten Worten zur Räson zu bringen versucht. […]“ bringt den falsch verstandenen Rationalismus des neoliberalen Kapitalismusbegriff zum Greifen nah.

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (vgl. Kant, I.: „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, S. 421).

Wie kann jemand, ob nun wie im Fall Eichmann gesehen, jemand allen Ernstes wollen, dass ein industriell organisierter Massenmord zu einem allgemeinen Gesetz wird oder Offenheit und Transparenz so ins Gegenteil verkehrt wird, wie die Revolution des Digitalen durch seine vermeintliche Rationalisierung ins Ökonomische?

Kants Imperativ bezieht seine enorme Evidenz daraus, dass er Menschlichkeit zum allgemeinen Maßstab erhebt, nicht die pure Unmenschlichkeit. Kants Philosophie läuft nämlich, wirklich Ernst genommen, auf verantwortliches Denken hinaus und nicht auf abgerichtete, gehorsame Nicht-Denker und Hüter des reinen Eigeninteresses durch Ausgrenzung von Möglichkeitsräumen.

Rationalisierung schafft Ordnung, Ordnung die zum Leben und Überleben wichtig ist, wenn sie zur Quantifizierung ihres Erfolgs, nicht nur das Pekuniäre heranzieht, sondern auch das was menschliches Leben, erst menschlich macht: den Mensch.

Den Mensch und ein heterogenes Wir, das seinen Wert gerade auch in der fehlenden Homogenität zu sehen begreift und diese wieder zum Ursprung seines Erfolgs erwachsen lässt oder um es mit Hölderlin auf den Punkt zu bringen: Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre als die Deutschen.“

Eine Möglichkeit wäre es ja vielleicht…

Ihr Ulrich B Wagner

* Vgl.: Han, B.-C.: „Die Totalausbeutung des Menschen“, Essay, veröffentlicht auf sueddeutsche.de, zuletzt abgerufen am 24.06.2016

** Vgl.: von Lang, J.: „Das Eichmann-Protokoll. Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre“, Paul Zsolnay Verlag,
Wien 1991, S. 250-252.

Ulrich B Wagner

Ein Kommentar zu “Digitalisierung & Holocaust. Für ein neues Verständnis von Effizienz & Erfolg

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