Bildung

Fachkräftemangel: Schuld ist unser Bildungssystem

Seit dem großen PISA-Schock im Jahr 2000 rühmt sich die Politik damit, in puncto Bildung richtig viel erreicht zu haben. Die Ergebnisse der letzten veröffentlichten Studie im Herbst 2013 sollten das bestätigen. Kritiker meinen, dass damit Missstände nur schön geredet würden. Kleine und mittelständische Unternehmen beklagen schließlich nicht umsonst, dass das Bildungsniveau von Schulabgängern immer niedriger wird.

Studenten / Studium / Lernen / Menschen / Berufsunfähigkeit
Quelle: Sebastian Bernhard / pixelio.de

Immer schneller, immer effizienter, so soll es an den Schulen der Bundesrepublik zugehen. Abitur nach 8 Jahren Gymnasium statt wie früher nach 9, so soll es sein! Studierende dazu animieren ihr Studium zügiger zu absolvieren, Bachelor und Master werden es richten! Statt Inhalte grundlegend zu reformieren, werden Schüler und Studenten jetzt mit mehr Tempo hindurch gescheucht.

An den deutschen Hochschulen grassiert „Die Legasthenie“

Indem allen Schülern gleichermaßen alle Bildungseinrichtungen offen stehen sollen, wird das System regelrecht egalisiert. Sicherlich war es ungerecht, dass vor 50 Jahren nur Sprösslinge höherer Gesellschaftsschichten ein Gymnasium und im Anschluss eine Universität besuchen konnten. Das war allerdings auch nur im ehemaligen Westdeutschland der Fall.

Es hätte damals im Westen sicherlich auch andere Maßnahmen gegeben, die dann möglicherweise verhindert hätten, was nun schon längst eingetreten ist: Immer höhere Bildungsabschlüsse werden von Schülern angestrebt, die in einer anderen Schulform besser aufgehoben wären.

Das Niveau der Bildung sinkt

Um eben diese Schüler nicht zu entmutigen (vielleicht auch, um die Statistiken zu schönen), werden gute Noten leichtfertiger vergeben. Dasselbe passiert an den Universitäten. Unser antiautoritäres Bildungssystem hat verlernt, schlechte Leistungen als eben solche auch zu bestrafen. Stattdessen wird alles schön geredet. Das Bildungsniveau wird dem schwächsten Schüler angepasst.

Wer in puncto Textverständnis in der Schule nicht viel gelernt hat und auch sonst eher eine mangelhafte Rechtschreibung aufweist, der wird nunmehr, äußerst leichtfertig sogar, als Legastheniker bezeichnet. Im Übrigen wird aus den Ergebnissen zur letzten PISA-Studie auch nur das Positive herausgefischt, nämlich, dass deutsche Schüler unheimlich gut kreativ denken, kreativ schreiben und Probleme lösen können.

Betriebe beklagen Nachwuchsprobleme

Die so viel gepriesene, in der heutigen Zeit beinahe schon utopisch anmutende „Vollbeschäftigung“ haben wir hier in Deutschland noch lange nicht erreicht. Wieso also beschweren sich mittelständische und kleine Unternehmen permanent darüber, dass sie keinen Nachwuchs finden?

Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass im Zuge der Reform von G8 zu G9 auch Lehrpläne umgestaltet wurden. Fächer wie Naturwissenschaften, Mathematik und Deutsch mussten hierfür etwas zusammengestrichen werden. Auch die schon genannte Tendenz, des „kein-Kind-Zurücklassens“ ist von Nachteil. So stellen sich Schulabgänger in Betrieben vor und tragen erhebliche Defizite in wichtigem Grundlagenwissen mit sich herum. Das ist jedoch wichtig, um die Ausbildung mit Erfolg und als dringend gesuchte Fachkraft abschließen zu können. Ist es denn Aufgabe der Betriebe und der Berufsschulen, den Schülern Versäumtes näher zu bringen?

Firmen nehmen diese Aufgabe aktiv war. 73 % der deutschen Unternehmen nutzten im Jahr 2010 Weiterbildungsmaßnahmen zur Qualifizierung ihrer Beschäftigten. Interessanterweise geben Unternehmen laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft pro Mitarbeiter und Jahr durchschnittlich 1.035 Euro für Weiterbildungsmaßnahmen aus.

Oliver Foitzik

2 Kommentare zu “Fachkräftemangel: Schuld ist unser Bildungssystem

  1. wiwo.de, 01.04.2014

    Der Bluff des Zentralabiturs
    Abitur auch ohne Wissen möglich

    von Hans Peter Klein

    Für die Lösung vieler Abitur-Aufgaben muss man nicht in die Schule gegangen sein, findet unser Gastautor und Bildungsforscher Hans Peter Klein. Den Niveauverlust als Erfolg zu verkaufen, hat sogar Methode.

    Betrachtet man sich die Erfolgsmeldungen der Bundesländer mit Zentralabitur in den letzten Jahren, erscheint es mehr als angebracht, sich die dort verwendeten Aufgabenformate einmal näher anzuschauen. Immer mehr Abiturienten und immer bessere Notenschnitte, wie ist das möglich? Es stellt sich die Frage, ob tatsächlich alles Gold ist, was da im Glanz der Bildungspolitik der erstaunten Öffentlichkeit alles an Erfolgen präsentiert wird.

    Insbesondere Hamburg hat durch seine beispielhafte Erhöhung der Abiturientenzahlen binnen weniger Jahre bundesweit Aufsehen erregt. Die von der Schulbehörde intern durchgeführte „KESS-12“-Studie kam zu dem Schluss, dass bei der Abiturprüfung des G8-Jahrgangs von 2011 die erhebliche Steigerung der Abiturientenzahl gegenüber dem G9-Jahrgang von 2005 bei verkürzter Schulzeit nicht auf Kosten der Verringerung der Ansprüche zustande gekommen sei. Schüler des Turbo-Abiturjahrgangs von 2011 sollen dabei sogar bessere Leistungen in Mathematik und den Naturwissenschaften und auch in Englisch erzielt haben.

    Mittlerweile gibt es nach langwierigen qualitativen Analysen der Hamburger Zentralabiturarbeiten im Fach Mathematik der Jahre 2005, 2011 und 2013 erhebliche Zweifel an den aus KESS 12 gezogenen Schlüssen. Ganz im Gegenteil dazu weist eine in Kürze in der Zeitschrift der Deutschen Mathematiker Vereinigung erscheinende Untersuchung, an der der Autor dieser Zeilen beteiligt war, nach, dass die deutliche Erhöhung der Abiturientenzahl auf eine genauso deutliche Absenkung des Niveaus der Mathematik-Aufgaben im Zentralabitur zurückführen ist – und widerlegt damit die Aussagen aus KESS 12.

    Auch das Fach Biologie wurde in diese qualitativen Untersuchungen einbezogen. Als Beispiel für die Entwicklung der fachlichen Ansprüche eignet sich der Vergleich einer Aufgabe zum „Seehundbestand“ von 2005 mit einer zu den „See-Elefanten“ von 2010.

    Beide gehören zum Themenbereich der Ökologie, sind also direkt vergleichbar. Die Aufgabe von 2005 zum Thema „Seehundbestand“ ist für einen Grundkurs angemessen, da sie in allen Teilaufgaben zumindest grundlegende Wissensbestände aus der Biologie voraussetzt, um sie angemessen lösen zu können. Auch wenn die gewählte Thematik zu den eher „leichteren“ Aufgabenstellungen gehört, kann der Schüler sein in der Sekundarstufe II erworbenes Wissen sachgerecht einbringen, um daraus in Zusammenhang mit dem Arbeitsmaterial die richtigen Schlüsse und Bewertungen vorzunehmen.

    Biologie-Abitur auf Fünftklässler-Niveau
    Die See-Elefanten Aufgabe von 2010 ist ähnlich aufgebaut, enthält aber deutlich mehr Text- und Grafikmaterial als die von 2005. In der Teilaufgabe a erhält der Schüler in diesem Material ausführliche Informationen zur Populationsentwicklung der See-Elefanten und eine einfache Grafik auf Siebtklässler-Niveau, die zeigt, dass die Population der See-Elefanten zwischen 800 und 1200 Tieren schwankt. Die Aufgabe lautet nun, die Populationsentwicklung anhand dieses Materials zu beschreiben und zu begründen. „Begründen“ bedeutet, dass der Schüler einen angegebenen Sachverhalt auf Gesetzmäßigkeiten beziehungsweise kausale Zusammenhänge zurückführen soll.

    Der auf diese kompetenzorientierten Aufgabenformate dressierte Schüler weiß aber nun, dass er die Informationen aus dem vorgegeben Arbeitsmaterial nur ab- oder umzuschreiben braucht, um dem Erwartungshorizont vollständig genüge zu leisten. Im Erwartungshorizont wird bestätigt, dass der Schüler diese Informationen direkt aus dem Arbeitsmaterial entnehmen kann. In Wahrheit muss der Schüler also gar nichts begründen, er übernimmt ausschließlich vorgegebene Informationen.

    Man sollte annehmen, dass es kaum möglich ist, diese Teilaufgabe noch zu toppen, aber Teilaufgabe b belehrt uns eines Besseren. Hier soll der Schüler letztlich aus zwei einfachen Grafiken entnehmen, wer von den Haien, Schwertwalen und See-Elefanten wann und wo wen jagt. Ein einfaches Ablesen der dazu zur Verfügung gestellten Grafiken mit dem Lineal – selbst Fünftklässler dürften damit kaum Probleme haben – erfüllt den Erwartungshorizont vollständig.

    Da man Abiturienten aber anscheinend gar nichts mehr zutraut, bekommt der Schüler im Material darüber hinaus anhand dreier Grafiken aus Kinderbüchern gezeigt, wer denn hier überhaupt Weißer Hai, Schwertwal oder See-Elefant ist. Spätestens hier könnte man erwarten, dass auch der letzte Schüler es nun verstanden haben sollte, wer wen frisst. Für diejenigen Abiturienten, die eventuell keine Kinderbücher kennen und auch noch nie etwas von Schwertwalen und Weißen Haien gehört haben oder See-Elefanten für Raubtiere halten, steht nun zusätzlich unmissverständlich im Text des Arbeitsmaterials, dass die Weißen Haie und Schwertwale die Räuber und die See-Elefanten die Beute sind – und nicht umgekehrt.

    Spätestens dadurch wird diese Zentralabituraufgabe zur Realsatire. Was mögen leistungsstarke Schüler bei der Bearbeitung solcher Aufgaben denken? Die Teilaufgaben c und d stehen dann auch den vorgestellten in nichts nach. In Teilaufgabe d soll es ums „Beurteilen“ gehen – der höchste Anforderungsbereich. Man sollte also erwarten, dass der Schüler nun in Kenntnis der grundlegenden Gesetze der Populationsdynamik „zu einem Sachverhalt ein selbstständiges Urteil unter Verwendung von Fachwissen und Fachmethoden formulieren und begründen“ soll. Doch tatsächlich reicht es aus, wenn der Schüler seine aus dem Material a-c entnommen Argumente noch einmal wiederholend zusammenschreibt.

    Studierunfähige Abiturienten
    Selbst in der Hamburger Behörde müssten den Verantwortlichen Zweifel gekommen sein, ob diese Aufgabe für Grundschüler oder für Abiturienten erstellt wurde. Willkommen in der virtuellen Scheinwelt der „Kompetenzorientierung“! Frei nach dem Motto „Mehr Schein als Sein“. Wie unsere weiteren Untersuchungen zeigen, betrifft diese Nivellierung in gleicher Weise auch die Leistungskurse, die in den letzten Jahren in immer mehr Bundesländern gegenüber dem „grundlegenden Niveau“ der Grundkurse als Kurse auf „erhöhtem Niveau“ betitelt werden.

    Das bloße Bestehen der von uns in Mathematik untersuchten Klausuren mit einer bescheidenen Note war beim grundlegenden und erhöhten Niveau annähernd äquivalent. Das wurde 2013 durch wörtlich gleiche Aufgabenteile bewirkt, deren Punkte in der Summe bereits zum Bestehen ausreichten. Somit ist das ”erhöhte Niveau“ zunehmend nur als eine Worthülse zu betrachten. Das Ergebnis des Vergleichs der Aufgaben von 2005 und 2010 weist den eindeutigen Niveauverfall im Hamburger Zentralabitur entgegen den Aussagen von KESS 12 nach.

    Wie unsere laufenden Vergleiche zeigen, findet die Nivellierung fachlicher Ansprüche längst nicht nur in Hamburg statt, sondern insbesondere in den alten Bundesländern.

    Überraschenderweise gibt es in dem ein oder anderen neuen Bundesland, beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern, durchaus fachlich anspruchsvolle Aufgabenformate, die mit den hier beschriebenen nicht annähernd etwas zu tun haben. Auch werden hier in Biologie Themenbereiche wie Zellbiologie und Stoffwechselphysiologie geprüft, die in den alten Bundesländern wegen ihres deutlich höheren Schwierigkeitsgrades längst aus dem Zentralabiturkanon gestrichen sind.

    Man muss fragen, ob solche Aufgabenformate den Ansprüchen des Faches und den Anforderungen der Universitäten gerecht werden und ob solche lesekompetenzorientierten Aufgabenformate an den Hochschulen überhaupt vorkommen. Alle drei Fragen können klar verneint werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das dieses Bildungskonzept auf der einen Seite mit Millionenbeträgen aus Steuergeldern unterstützt, stellt auf der anderen Seite den Universitäten eben solche Beträge zur Verfügung, um nicht studierfähige Abiturienten in Brückenkursen insbesondere wegen ihrer fachlichen Mängel studierfähig zu machen.

    Der Bluff des Zentralabiturs
    Wer jetzt erst recht nach einem bundesweiten Zentralabitur ruft, sollte sich klar vor Augen führen, dass eben dieses seit seiner Einführung in den einzelnen Bundesländern der Hebel war, um höhere Abiturientenquoten mit gesenkten Ansprüchen zu generieren, die in der Außendarstellung als Erfolg verkauft wurden. Ein bundesweites Abitur ist nichts anderes als eine schöne Wunschvorstellung, Leistungen vergleichend auf angeblich hohem Niveau zu überprüfen und zu bewerten. Allein die geringe Gewichtung des schriftlichen Zentralabiturs in drei Fächern im Verhältnis zur Gesamtabiturnote von weniger als 8 Prozent pro Fach sollte alle Zentralabiturenthusiasten auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Mit solchen Aufgabenstellungen – wie oben vorgestellt – wird ein Zentralabitur zu nichts anderem als zu einem großen Bluff.

    Daher sollte man sich hüten, die nach dem gemeinsamen Zentralabitur von sechs Bundesländern 2014 zu erwartenden Erfolgsmeldungen tatsächlich als solche zu bewerten. Allein schon die Geheimniskrämerei, wer denn welche Aufgaben in den Aufgabenpool gibt, deren unbekanntes Niveau, vor allem aber die vermutlich vorhandene Möglichkeit, dass sich die einzelnen Bundesländer beliebig aus dem Pool bedienen können, also auch ihre eigenen Aufgabenstellungen wieder herausnehmen dürfen, könnten das Ganze zur Farce werden lassen.

    Aber selbst wenn in einem gemeinsamen Aufgabenpool anspruchsvollere Aufgaben verpflichtend werden sollten, dürfte die geringe Gewichtung der in der schriftlichen Prüfung erzielten Note entscheidend sein. Bei Abweichung der im Zentralabitur erzielten Note nach unten um mehr als eine Note kann in der mündlichen Prüfung diese wieder nach oben korrigiert werden. Denn in den Schulen hat längst ein Notendumping eingesetzt und die Lehrer können sich dem Druck nach der Vergabe ausschließlich guter Noten kaum entziehen, da schlechte Noten ihnen und nicht den Schülern zur Last gelegt werden.

    Derzeit ist nicht absehbar, was diese Abwärtsspirale in der Nivellierung der Ansprüche aufhalten könnte. Insofern muss man nicht erstaunt sein, dass gerade jetzt die zuständige Ministerin in Niedersachsen nicht nur generell G9 wieder einführen lässt – dafür gibt es sicherlich viele gute Argumente – sondern gleichzeitig auch für G9 weniger Klausuren, weniger Pflichtkurse und vor allem ein leichteres Abitur einfordert. Anscheinend will man in Niedersachsen nicht hinter den Abiturientenquoten von Bremen, Hamburg, NRW und einigen anderen Bundesländern hinterherhinken. Im Gegensatz zu Hamburg behauptet man in Niedersachsen wenigstens nicht, das Niveau zu halten.

    Den Mangel als Exzellenz zu verkaufen, hat leider nicht nur in Hamburg Methode. Es scheint spätestens seit Pisa und Bologna ein neues Phänomen im deutschen Qualitätsmanagement zu sein. Ein Erbe, das wir aus der DDR übernommen haben und das längst nicht nur im Bildungsbereich Einzug gehalten hat.

  2. Wenn das wahr wäre, dass das Niveau derart abgesenkt wurde und sich im Bereich 5. Klasse befindet, dann würde ich Sie bitten, die Abiaufgaben 2014 , z.B. in Mathematik, Deutsch und Englisch LK Hessen zu schreiben. Das Ergebnis wäre interessant.

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