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Was der Welthandel mit Schneewittchen zu tun hat

Maschinenbau, Mittelstand Export

Aus den unterschiedlichsten Denkrichtungen wird Ökonomen stets aufs Neue vorgeworfen, Märchenerzähler zu sein. Zum Beispiel hier oder hier. Ein Märchen ganz anderer Art erzählt der Kreditversicherer Euler Hermes. In einer aktuellen Studie bezeichnen die Autoren die Wachstumstreiber der Weltwirtschaft als „Die 7 Zwerge des Welthandels“. Zudem informieren sie darüber, wer die Rolle des langsam erwachenden Schneewittchens und der bösen Schwiegermutter spielt und beantworten die Frage, ob das Märchen 2016 ein Happy End haben wird.

Wachstumstreiber 2016: Klein. Sehr klein

Die Wachstumstreiber der Weltwirtschaft 2016 sind klein. Sehr klein. Quasi Zwerge. So erwarten die Volkswirte von Euler Hermes für das aktuelle Kalenderjahr ein reales Wachstum von 2,8 Prozent und damit zum sechsten Mal in Folge ein Zuwachs unterhalb der drei-Prozent-Marke.

Die gute Nachricht: Die „sieben Zwerge“ haben ein langsam erwachendes Schneewittchen in Form von Unternehmensinvestitionen an ihrer Seite: „Das könnte das Wachstum etwas stützen. In Europa sehen wir zudem steigende Umsätze, eine verbesserte Profitabilität und geringere Kapitalkosten“, so Ludovic Subran, Chefvolkswirt bei der Euler Hermes Gruppe.

Die schlechte: Sie kämpfen gegen die vergifteten Äpfel der bösen Insolvenz-Schwiegermutter. Vor allem die Bauwirtschaft könnte es dieses Jahr besonders hart treffen. Ein Umstand, den wir hier auf AGITANO im Artikel Deutsche Baubranche: Der Boom hat ein Ende bereits thematisierten. Doch generell wird vom Kreditversicherer ein leichter Anstieg bei den weltweiten Insolvenzen erwartet. Im November des vergangenen Jahres war er noch von stagnierenden Zahlen ausgegangen.

Internationale Krisen und Konflikte schaden dem Welthandel

Ob nun die instabile Lage in Russland oder im Nahen Osten, aber auch die Gefahr von Cyberspace-Attacken … die Liste der geopolitischen Risiken für die Weltwirtschaft ließe sich beliebig lang fortsetzen. Sie „ sind weiterhin hoch und der Welthandel wächst nur sehr langsam“, so Subran. „Zudem ist die Volatilität hoch, die Rohstoffpreise sind im Keller und die Schwellenländer leiden unter der China-Grippe und den Zinsanhebungen der Fed. In vielen Märkten steigt die Unsicherheit und wir erwarten aufgrund der jüngsten Entwicklungen für 2016 erstmals wieder einen Anstieg der weltweiten Unternehmenspleiten um +1% nach einem Rückgang um fünf Prozent im vergangenen Jahr.“

Doch wo viel Schatten muss irgendwo auch ein Licht sein. Und tatsächlich: Es gibt auch positive Entwicklungen. Die Volkswirte des Kreditversicherers bezeichnen diese als „Die 7 Zwerge des Welthandels“.

Zwerg Nr. 1: Schlafmütze – müder Handel

Der Welthandel wird 1016 voraussichtlich um +0,9 Prozent im Wert und um +3,7 Prozent im Volumen wachsen. Insgesamt also ein reales Wachstum von 2,8 Prozent. Im Vergleich dazu lagen die Wachstumsraten zwischen 2000 und 2010 bei rund sechs Prozent jährlich und damit etwa doppelt so hoch. 2015 verzeichnete der Welthandel aufgrund niedriger Rohstoffpreise und Währungsturbulenzen sogar einen Einbruch von Minus neun Prozent im Wert der gehandelten Güter.

Zwerg Nr. 2: Brummbär – schlecht gelaunte Schwellenländer:

2015 war für Schwellenländer ein sehr hartes Jahr und einige Länder bleiben auch 2016 sehr anfällig für wirtschaftliche Erschütterungen. Brasilien, Russland, Nigeria, die Türkei und Südafrika sehen sich verschärften externen Finanzierungsbedingungen, Währungsabwertungen und schwierigen politischen Entscheidungen gegenüber. Ursachen dafür sind die dauerhaft niedrigen Einnahmen aus Rohstoffverkäufen, die sich abschwächende Konjunktur in China und die Geldpolitik der USA. Außerdem leiden diese Staaten unter Problemen im eigenen Land wie Inflation, Rückgang der Inlandsnachfrage und soziopolitischen Spannungen.

Zwerg Nr. 3: Pimpel – schüchterne Rohstoffpreise:

Es gibt Volkswirtschaften, die sich über niedrige Ölpreise freuen. Die deutsche zum Beispiel, da sie Öl importiert. So genannten nettoölimportierenden Ländern verschafft diese Entwicklung Rückenwind. Für Nettoölexporteure bedeuten solche Entwicklungen sinkende Einnahmen. Wenn die Brent-Preise auf niedrigem Niveau verharren, ist das Geschäftsmodell der Exporteure in Frage gestellt.

Zwerg Nr. 4: Hatschi – verschnupfte Finanzmärkte:

Die Finanzmärkte bleiben auch 2016 volatil. Dabei erhöht sich der Druck auf die Währungen der Rohstoffexporteure durch die schwierigen Rohstoffmärkte noch weiter. Die Euler Hermes Volkswirte gehen davon aus, dass sich die Preise für Grundrohstoffe wie Nickel, Sojabohnen und Zink 2016 stabilisieren. Im Gegensatz dazu sehen die Prognosen für Rohstoff-Preise, die in der Fertigungsindustrie verwendet werden (Kohle, Kupfer, Eisenerz oder Stahl), düsterer aus. Diese könnten erneut um bis zu zehn Prozent fallen. Auch bei den Währungen könnte es zu einer zweiten Abwertungsrunde (Minus fünf bis Minus zehn Prozent) kommen, vor allem in Brasilien, China, Russland, Südafrika und der Türkei.

Zwerg Nr. 5: Happy – erfreuliche Inlandsnachfrage:

Angesichts der globalen Turbulenzen und strukturellen Veränderungen im weltweiten Handel wenden sich viele Länder dem heimischen Markt zu und stimulieren mittels protektionistischer Maßnahmen das Wachstum des Binnenkonsums. Dieser Trend ist besonders in Schwellenländern wie Indien auffällig, wo der Konsum seit 2013 um 13,2 Prozent gestiegen ist, obwohl sich die Einfuhren nur um schwache zwei Prozent erhöht haben. Unterdessen wird der Aufschwung in den Industrieländern durch die niedrigen Ölpreise nachlassen, da die Inflation langsam anzieht und dabei das Lohnwachstum überflügelt. Das wiederum verringert die Kaufkraft.

Zwerg Nr. 6: Chef – gemeinsame Steuerung:

Trotz der sinkenden Reserven der Schwellenländer wird es dank der Anleihenaufkäufe durch die Japanische Zentralbank, die europäische Zentralbank und die Chinesische Volksbank auch 2016 zu keinen weltweiten Liquiditätsengpässen kommen. Gleichzeitig wird die Fiskalpolitik in einigen großen Volkswirtschaften statt des bisherigen deutlichen Gegenwinds einen moderaten Rückenwind verspüren. In China hilft ein starker Anstieg bei den Staatsausgaben, das Wachstum auf Kurs zu halten. In Europa ist der strikte Sparkurs vorbei: Die meisten Länder haben für 2016 Änderungen bei den Körperschaftssteuersätzen oder gezielte Konjunkturprogramme angekündigt.

Zwerg Nr. 7: Seppl – schlecht durchdachte Entscheidungen und politische Risiken:

Die weltpolitische Lage ist 2016 erneut äußerst unsicher, was den Unternehmen den Blick in die Zukunft erschwert. Vom „Brexit“-Risiko über Entscheidungen zu Sanktionen gegen Russland bis hin zu Wahlen in einigen der größten Volkswirtschaften im Laufe des Jahres, darunter in den USA, herrscht reichlich Ungewissheit.

Über Euler Hermes:

Euler Hermes ist eine Tochtergesellschaft der Alianz und weltweiter Marktführer im Kreditversicherungsgeschäft und anerkannter Spezialist in den Bereichen Kaution, Garantien und Inkasso. Weiterführende Informationen zum Unternehmen im Internet auf www.eulerhermes.de

Die vollständige Studie „Die 7 Zwerge des Welthandels“ finden Sie hier (PDF in englischer Sprache).

Christoph Schroeder

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