Einsichten & Ansichten

Ich will…! Versuch über den freien Willen zwischen Illusion und spielerischer Leichtigkeit

Einen freien Willen zu haben nützt nichts, wenn die äußeren Umstände einen daran hindern. Ist er deshalb nur eine Illusion? Schließlich legt die Hirnforschung schon lange nahe, dass wir uns den freien Willen nur einbilden. Stattdessen wird unser Handeln vornehmlich von unseren Erfahrungen und von unserer genetischen Disposition bestimmt.

Der Bahnstreik bringt Ulrich B Wagner zur Einsicht: Manchmal muss man die äußeren Umstände einfach hinnehmen. Dann ist man viel freier, als wenn man auf seinem Willen beharrt. Heute in „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET DAS WORT ZUM FREITAG“.

Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie als ob er die bekannteste Sache von der Welt sei. Aber es dünkt mich immer wieder: Wollen scheint mir vor allem etwas Kompliziertes.

Friedrich Nietzsche

Keiner kann anders, als er ist. Der freie Wille ist eine Illusion. Die Annahme zum Beispiel, wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, weil wir es ja auch hätten anders machen können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar.

Wolf Singer, Max Planck Institut Frankfurt

Wir haben so viel Mühe gehabt, zu lernen, dass die äußeren Dinge nicht so sind, wie sie uns erscheinen, – nun wohlan! mit der inneren Welt steht es ebenso

Friedrich Nietzsche

 

Ich will, ich will, ich will!

Ich will auch soviel und das nicht nur wenn der Tag lang ist. Wo sind sie hin, die Tage als das Wünschen noch geholfen hat, der Wille noch Berge versetzen konnte? Von der Leichtigkeit des Seins an dieser Stelle ganz zu schweigen.

Eigentlich will ich erst einmal ganz einfach nach Frankfurt… Ich will! Doch das interessiert unseren Gianis Weselsky (siehe auch DER SPIEGEL) ungefähr so sehr, als ob in Athen bei seinem großen Bruder im Geiste die Bockwurst verbrennt. Wen interessiert eigentlich, was ich will? Von meinem freien Willen erst mal ganz zu Schweigen. Doch ganz langsam und der Reihe nach.

Der freie Wille – eine Illusion

Ich glaube es war, wenn ich mich in meinem Zorn auf den irrlichternden Trotzbrocken von der GDL nicht aufs falsche Gleis habe lenken lassen, Marie von Ebner-Eschenbach, die einmal geschrieben hat, dass, wer an die Freiheit des menschlichen Willens glaubt, nie geliebt und nie gehasst hat.

Der Gedanke an die Unfreiheit des menschlichen Geistes und die Illusion des freien Willens, da mag die Sonne morgens um halbacht noch so schön auf den Bahnsteig scheinen, führt, was auch ein wenig den obigen Umständen geschuldet sein mag, entweder zu einem unüberlegten, spontanen Zornesanfall oder direkt in eine mittelschwere bis schwere Major Depression.

Freies Handeln und freier Willen

In diesem Dilemma scheint auch, der wie durch Zauberhand aus alten Schulzeiten entfleuchte David Hume, mit seiner Unterscheidung zwischen Handlungsfreiheit und Willensfreiheit mich für das Erste nicht wirklich weiter zu bringen. Zur Erinnerung (für den einen oder anderen, denn ich war selbst überrascht, dass es bei mir noch funkte): Handlungsfreiheit ist demnach dann gegeben, wenn wir tun können, was wir wollen (in meine Fall: ich will mit der S-Bahn nach Frankfurt).

Vorausgesetzt also, dass wir keinem äußeren oder inneren Zwang unterliegen und auch noch die eine oder andere Handlungsalternative im petto haben sollten, von den mit unserer Persönlichkeit zwangsläufig verbundenen Verhaltensmotiven erst einmal ganz zu schweigen. Freiheit des Willen, wie sie beispielsweise von Kant gesehen wurde, unterstellt dagegen, dass wir in der Tat aus reinem Willensentschluss uns über diese Motive hinwegsetzen können, die uns beispielsweise auch dazu antreiben könnten, etwas Gesetzeswidriges zu tun. Folgt man den jüngsten Auseinandersetzungen in diesem Kontext, wie sie insbesondere von Seiten der der Psychologie und der Hirnforschung vorangetrieben werden, so ist der freie Willen ein bloße Illusion, da unser Handeln von bewussten oder unbewussten Motiven bedingt wird, die unserer Persönlichkeit entstammen.

Gene siegen über den freien Willen?

Und hier liegt nun der Hase eigentlich sprichwörtlich im Pfeffer. Denn diese unsere Persönlichkeit mit ihrem angeblichen „freien Willen“ entsteht zum größten Teil aus einem komplexen Zusammenspiel aus genetischen Dispositionen, frühkindlicher Bindungserfahrung und einer mehr oder weniger gelungenen Sozialisation in der Jugend. Sie beschreibt – oder besser gesagt: begrenzt – dann auch im weiteren Lebenslauf auch den Möglichkeitsraum, in dessen Rahmen wir dann Erfahrungen sammeln können. Oder ganz simpel ausgedrückt: Unser Wille ist durch unsere Erfahrungen determiniert.

Keine Handlungsfreiheit, keine Willensfreiheit: Eigentlich ein Gefühl, um sich ohne lange zu zögern direkt vor den nächsten Zug zu werfen. Geht ja Dank unserem GDL Gianis ja aber auch nicht.

Vergessen ist eine Gabe

Willen, Sonnenbrille, Ulrich B Wagner
Manchmal muss man einfach alles hinnehmen wie es ist, um seinen Willen zu bekommen. (Foto: © Ulrich B Wagner & Alistair Duncan / alistairduncan.de)

Doch Rettung naht. Spontane Eingebung, einige kurze Anrufe, und das beste aus dem sonnigen Tag trotz der Vorbestimmtheit unsres Handeln und der angeblichen Illusion des freien Willen herausgeholt.

Ein großer Dank geht in diesem Zusammenhang auch in Richtung Österreich. Der Quantenphysiker Hans Briegel vom österreichischen Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) und der Universität Innsbruck entwickelte nämlich ein theoretisches Modell, das nicht nur unser Verständnis der Naturgesetze mit der Idee von Freiheit versöhnen könnte, sondern uns auch ein Stück verloren geglaubter spielerischer Leichtigkeit ins Leben zurückschenken könnte.

Nach dem von ihm und seinen Kollegen vorgestellten Modell, entsteht Kreativität und Freiheit dadurch, dass abgespeicherte Erfahrungen sich zufällig ändern können. Oder, um es anders auszudrücken, dass man sich halt nicht richtig erinnert und dadurch neue Variationen oder Verbindungen entstehen. Gespeicherte Erfahrungen, also Erinnerungen sind zwar auch in diesem Modell das Material, welches unser Zukünftiges maßgeblich bestimmen. Doch durch diese durch den großen Zauberer namens Zufall entstandenen Variationen, oder salopp ausgedrückt, fiktive Erinnerungen, entstehen Vorlagen wie es auch hätte sein können. Ich wusste es ja schon immer: Vergessen ist eine Gabe.

Kreative Erinnerung schafft Raum für neue Erfahrungen

Insofern liefern sie das Material für das Denkbare und Vorstellbare auf der Grundlage realer Erfahrungen. Wichtig ist dabei, dass diese Veränderungen nicht beliebig sind, sondern vom bewährten Erfahrungsschatz ausgehen. Werden diese dann als Vorlagen für künftige Aktionen herangezogen, dann definiert dies in einem kreativen Akt nicht nur neue Handlungsoptionen, sondern das vermeintlich Neue an sich.

Ohne diese Optionen gäbe es keine Freiheit und keinen freien Willen.

Willen, Lachen, Sonnenbrille
Wer zuletzt lacht, lacht am besten. (Foto: © Ulrich B Wagner & Alistair Duncan / alistairduncan.de)

Brüder im Geiste: Weselsky und Varoufakis

Man muss halt manchmal nicht auf den ersten Blick alles richtig machen. Das gleiche gilt vielleicht auch für unsere zwei von Zeit zu Zeit irrlichternden Brüder im Geiste: Weselsky und Varoufakis. Ihr ICH WILL, erscheint auf den ersten Blick so abstrus und unverschämt, dass ihr Gegenüber, allein aus Gründen der Selbstachtung ihre Forderungen abschmettern müssen.

Das Unmögliche wollen!

Beide bekommen dadurch aber auch etwas Tragisches. Denn im Grunde brauchen wir mehr von diesen Menschen, die das Unmögliche, die die Rebellion wollen, denn ähnlich wie durch unser vermeintlich „falsches Erinnern“ werden durch sie nicht nur ernsthafte Debatten erst überhaupt wieder möglich, an deren Ende ein alternativer Weg, sondern auch die vielleicht erlösende, kreative Idee für eine bessere Zukunft stehen könnte.

Einfach? Verstanden! Stehen könnte, aber nicht steht. Denn der Typus Gianis Weselsky macht es seinen Kritikern so leicht, dass die Verwalter des Ist-Zustands triumphieren wie DER SPIEGEL trefflich bemerkte. Doch wir brauchen mehr davon.

Mehr Rebellion, mehr falsches Erinnern und dadurch mehr Kreativität und mehr echte Alternativen.

Für meine Person hat es funktioniert. Ich habe die Bahn die Bahn, meine Termine meine Termine sein lassen und auf diesen Weg wie von Zauberhand für mich meinen freien Willen wiedergefunden.

In diesem Sinne, wünsche ich uns Allen mehr Mut das Unmögliche so zu behandeln als ob es möglich wäre.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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