Einsichten & Ansichten

Das Bild im Aufbau der Moralen … . Ein Abgesang auf die Wirklichkeit

Ist ein Bild lediglich ein Abbild der Wirklichkeit oder vielmehr ihr konstruierendes Element? Eine Frage, die man sich allen voran dann stellen sollte, sobald durch ein Bild der ursprüngliche Inhalt einer Botschaft verfälscht wird. Im heutigen Beitrag von QUERGEDACHT & QUERGEWORTET zeigt Kolumnist Ulrich B Wagner, zu welchen Trgschlüssen die Fehlinterpretation von Bildern führen kann.

Der Eigensinn der Bilder führt dazu, dass sie Fakten nicht bloß repräsentieren, sondern aus sich selbst heraus konstruieren.“

Horst Bredekamp

Komplexität begreifen? Schier unmöglich!

»Put ur hands on VR«, stand auf den Brillen von Angela Merkel und Barack Obama, die sich beide vor ihre Augen hielten, als sie sich vor der Presse auf der Hannover Messe ablichten ließen. Warum eigentlich noch die Hände auf Etwas legen, in dem wir bereits versunken sind?

Wo sind die Grenzen zwischen Virtualität und Realität? Was gar, wenn sie wirklich ineinander verschmelzen? Sind sie es nicht vielleicht schon und wir haben es gar nicht bemerkt, da wir als echte Zeitzeugen dem Prozess des Verschmelzens mit Haut und Haaren nicht nur bei, sondern innegewohnt haben?

Komplexität nicht nur zu erkennen, sondern auch zu begreifen, sie gar zu leben an dieser Stelle erst einmal ganz ausgegrenzt gelassen, verlangt einiges, insbesondere auch das fast schier Unmögliche: Zeitgenossenschaft.

Bilder, Fundament unserer Weltsicht

Zu Zeiten der Erfindung des Buchdrucks kam der Ausdruck in Umlauf, dass das Buch in der Hand eines Unwissenden in Katastrophen endet. Doch was ist mit dem Bild, dem Visuellen, bewegt oder unbewegt?

Wir bieten Sprachkurse, lernen Vokabeln, Satzzeichen und Grammaik von Kindesbeinen an, doch wo und vor allem von wem erhalten diese Unterstützung in der Bildsprache. Ein Bild wird im Gehirn 60.000 mal schneller verarbeitet als das Wort. Betrachtet man nun auch den Aspekt der gewonnenen Sympathie aus einer Kommunikation, so beruht der Anteil der darin enthaltenen nonverbalen Anteile laut der Formel des amerikanischen Psychologen Albert Mehrabian bei 93 Prozent.

Das nonverbale Bild konstruiert unsere Wirklichkeit, es bietet nicht nur Orientierung, es strukturiert sie nicht nur, sondern erschafft sie erst.

Bilder sind damit das Fundament unsrer Weltsicht, doch was bilden diese Bilder dann ab? Die Realität, wie wir sie vorfinden, oder dienen sie nur noch als Vorbilder, als Gebrauchsanleitungen einer Lesart des Seins?

Am Anfang war das Wort? Mit Gewissheit nicht.

Böhmermanns „Song“ funktionierte, ja bekam erst in der Verbindung mit dem Visuellen, der Form der Darstellung und Inszenierung im Bildnerischen, erst die finale Form, die es zu dem werden ließ, mit dem wir uns jetzt auseinandersetzen. Dann erst durch dieses Verwandlung gelangte es auch erst ins Auge des Sultans. Es ist das Bild, das den Text transportiert. Alles wird visualisiert, für das Auge inszeniert, selbst das Wort an sich wird nur noch im Kontext des Bildes ersichtlich.

Es verliert an Sichtbarkeit, es verschwindet in seiner reinen Form. Am Anfang war das Wort? Mit Gewissheit nicht. Diese Aussage war das Mittel der Zeit zur Ausgrenzung der Masse. Jetzt wenden wir uns halt wieder dem Visuellen hin.

Der Kampf zwischen Oben und Unten ist ein Kampf um das Recht am Bild. Es ist ein Kampf mit unfairen Mitteln. Auf der einen Seite die Meister des Bildes, auf der anderen Seite die große Mehrheit der bildnerischen Analphabeten. Er wird es auch sein, der darüber entscheidet, was wir in Zeiten des Dualismus von Virtual Reality und Augmented  Reality am Ende noch haben werden.

Wir brauchen daher keine Zensur des Bildnerischen, sondern eine Schulung in ihr. Und wenn Frau Merkel dem Sultan in Istanbul publikumswirksam die Hand reicht, heißt dies nämlich nicht, dass sie ihm in den Allerwertesten rutscht, sondern mit ihm verhandelt, da es auch der Dank der europäischen Partner keine andere Alternative gibt als mit dem Despoten zu verhandeln.

 

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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