Alte Energiewirtschaft

Internationale Protestaktion: Shell muss für Ölschäden in Nigeria endlich gerade stehen

Die Bilder von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko vom April 2010 sind noch allgegenwärtig: Nach der Havarie der Ölbohrinsel „Deepwater Horizon“ war es zu der schlimmsten Ölkatastrophe der US-Geschichte gekommen: Elf Arbeiter starben und über drei Monate lang flossen aus dem beschädigten Bohrloch in 1.500 Metern Tiefe rund 780 Millionen Liter Öl ungehindert ins Meer. Die Schäden werden auf rund 40 Milliarden Dollar geschätzt. Drei Konzerne streiten seit dem, wer die Hauptschuld an dem Desaster trägt: Der Ölmulti BP, der Dienstleister Halliburton, dem die Lieferung von minderwertigem Zement für das Bohrloch vorgeworfen wird sowie der Betreiber der Tiefseeplattform Transocean (Details: hier).

Der in der Presse als „Gesicht der Ölpest“ geschasste ex-BP-Chef Tony Hayward, ist hingegen im September 2011 wieder ins Ölgeschäft eingestiegen. Er hatte die Katastrophe stets heruntergespielt und war dadurch international scharf kritisiert worden – auch wegen den Nachlässigkeiten, die sich auf der Tiefseeplattform im Vorfeld offenbar zugetragen hatten. Hayward hat im Sommer 2011 zusammen mit dem Multimilliardär Nathaniel Rothschild aus der gleichnamigen schillernden Bankiersfamilie, dem früheren Goldman-Sachs-Manager Julian Metherell und dem Unternehmer Tom Daniel die Investmentfirma Vallares PLC gegründet und an die Londoner Börse gebracht. Im September 2011 hat die Firma dann für 2,1 Milliarden Dollar den türkischen Ölförderer Genel Energy International gekauft, inklusive lukrativer Bohrrechte im nördlichen Irak. Genel Energy ist der größte Ölförderer in der kurdischen Region des Nordiraks. Nun sollen weitere Firmenteile von weltweit agierenden Öl- und Gaskonzernen folgen. Für Hayward heißt es somit wieder: „Drill Baby, drill!“

Der US-Ölkonzern Chevron wiederum war im Februar 2011 in Ecuador zu einem Schadensersatz von 8,6 Milliarden Dollar verurteilt worden. Chevron hatte 2001 den US-Ölkonzern Texaco übernommen und muss nun in der Folge für dessen gravierende Umweltzerstörungen im Amazonasgebiet Ecuadors in den 1970er und 1980er Jahren gerade stehen. Texaco habe in den 26 Jahren seiner Tätigkeit in Ecuador Millionen Tonnen an Erdölrückständen und hochgiftiges Förderwasser einfach in den Regenwald gepumpt. Die Proteste der Anwohner hatten dann 1991 zu dem Rauswurf Texacos aus Ecuador geführt. Daraufhin hatten 30.000 Anwohner auf Wiedergutmachung geklagt und zusammen 27 Milliarden Dollar gefordert. Das Gericht hatte die Schadensersatzsumme zunächst in der Höhe von 8,6 Milliarden Dollar festgelegt, aber damit gedroht, die Summe noch weiter zu erhöhen, wenn sich das US-Unternehmen weigern sollte, sich für seine Handlungen öffentlich zu entschuldigen. Chevron, das alle Vorwürfe abstreitet, kam der Aufforderung nicht nach. Entsprechend hat das Gericht nun seine Drohung wahr gemacht und die Summe im Januar 2012 auf 18 Milliarden Dollar erhöht.

Die bisher größte Ölkatastrophe fand in Nigeria statt

Die bisher größte Ölkatastrophe der Menschheitsgeschichte hat sich allerdings auf der anderen Seite des Atlantiks im Nigerdelta Nigerias zugetragen. Die Entkolonialisierung wurde in Nigeria 1960 vollzogen und die offizielle Unabhängigkeit verkündet. Das extrem erdölreiche Land konnte seine Bodenschätze aufgrund der grassierenden Korruption unter den wechselnden autokratischen Regierungen und Militärregimen bis zur Jahrtausendwende allerdings nicht zur gesellschaftlichen Entwicklung nutzen: Von den 400 Milliarden Dollar Öleinnahmen seit der Unabhängigkeit bis zur Demokratie 1999 verschwanden laut der nigerianischen Kommission zur Bekämpfung der Wirtschafts- und Finanzkriminalität zwischen 1960 und 1999 etwa 320 Milliarden Euro in den Taschen der korrupten „Elite“. Ein Großteil dieses Geldes ins Ausland transferiert wurde. Diese Summe entspricht in etwa dem Betrag der internationalen Hilfe, die in vier Jahrzehnten in den gesamten afrikanischen Kontinent geflossen ist. So erklärt sich auch, warum das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Nigeria 2002 auf ein Viertel des Höchststands, den es Mitte der siebziger Jahre erreicht hatte, und unter das Niveau zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit fiel, obwohl Nigeria eines der rohstoffreichsten Länder der Welt ist. Die Bevölkerung wurde allerdings an dem Erdölboom dennoch beteiligt: Die gewaltige Erdölförderung im Nigerdelta (v.a. Shell) führte zu der größten Ölkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Die örtliche Bevölkerung rebelliert seit Jahren sowohl gegen die ökonomische Benachteiligung bei der Verteilung des Reichtums, als auch gegen die enormen Umweltverschmutzungen mit einem koordinierten bewaffneten Widerstand. Von den wirtschaftsliberalen Teilen der internationalen Presse werden die Widerstände dennoch dämonisiert (vgl. Le Monde diplomatique)

Nichtregierungsorganisationen starten Protestaktion gegen Shell

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert gemeinsam mit seiner nigerianischen Partnerorganisation „Environmental Rights Action“, mit Friends of the Earth Niederlande („Milieudefensie“) und mit Friends of the Earth Europa den holländischen Ölkonzern Shell auf, die bei der Ölförderung im Nigerdelta angerichteten Umweltschäden innerhalb der nächsten drei Jahre zu beseitigen. Außerdem müssten die Trinkwasserversorgung und die medizinische Betreuung der dort ansässigen Bevölkerung endlich gewährleistet werden.

„Die massiven Umweltschäden der Shell-Ölförderung in Nigeria wirken sich auf die Gesundheit der einheimischen Bevölkerung verheerend aus. Viele Dörfer haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser mehr, die Belastung von Brunnen mit Benzol übersteigt den von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Wert bis zu neunhundertfach. Vor zwei Jahren haben die Vereinten Nationen Shell und die Regierung Nigerias aufgefordert, Maßnahmen zur Säuberung der Region zu ergreifen. Passiert ist bisher nichts“, sagte die BUND-Referentin für internationale Klimapolitik, Inga Römer. Der BUND und sein internationaler Dachverband Friends of the Earth bezweifelten inzwischen, ob Shell überhaupt ein Interesse an der Beseitigung der Ölförder-Schäden habe.

Mit parallel anlaufenden online-Protestaktionen fordern die Umweltverbände vom Shell-Konzern und vom nigerianischen Staat, schadhafte Ölförderanlagen zurückbauen und noch laufende Anlagen regelmäßig zu warten. Auf keinen Fall dürfe es zu neuen Ölverseuchungen kommen.

„Shell muss endlich die ölverseuchten Regionen in der nigerianischen Heimat des Ogoni-Stammes säubern und ihren früheren Zustand wiederherstellen. Unternehmerisches Handeln darf nicht darin bestehen, dass sich große Ölkonzerne an den Ressourcen anderer Länder bereichern und diese dann am Ende auf den angerichteten Schäden sitzen bleiben“, sagte Römer.

An der Online-Aktion gegen Shell beteiligen sich außerdem Friends of the Earth International, Friends of the Earth England, Wales and Northern Ireland, Friends of the Earth Australia, Friends of the Earth Frankreich („Les Amis de la Terre“), Friends of the Earth Norway („Norges Naturvernforbund“) sowie der Bundesverband der BUND-Jugend.

Mehr Informationen zu der internationalen Protestaktion

Zur BUND-Online Aktion contra Shell
Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zu den Schäden der Shell-Ölförderung im Nigerdelta

(mb / mit einer PM des BUND)

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Marc Brümmer

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