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Markus Jotzo: SPD-Mitgliederbefragung ist eine „Schnapsidee“

Um Mitternacht endete die Frist für die SPD-Mitgliederbefragung zum Koalitionsvertrag. Mit einem Ergebnis wird am Samstagnachmittag gerechnet. Markus Jotzo, Leadership Trainer, Autor und Keynote-Speaker erklärt in seinem Kommentar, warum er die Befragung für eine „Schnapsidee“ und warum die Parteiführung in diesem Fall wohl „Angst vor Verantwortung“ hat.

SPD und CDU/ CSU schlagen mit der Großen Koalition zurzeit einen unbequemen Weg ein. Politische Welten treffen aufeinander und der Rückhalt für eine Große Koalition ist in der Bevölkerung nicht besonders hoch. Um die Entscheidung für diese Koalition abzusichern, befragt die SPD Führung nun ihre Basis. Das ist sehr demokratisch, aber in Sachen Führung eine völlige Schnapsidee.

Führungskräfte, die sich nicht zu führen trauen?

Großkoalitionäre, schwarz-rote Koalition
SPD-Mitgliederbefragung zum Koalitionsvertrag, eine „Schnapsidee“. (Bild: S.-Hofschlaeger / pixelio.de)

Im Grunde bin ich ein großer Freund davon, Mitarbeiter zu befragen. Sätze wie „Beziehen Sie die Mitarbeiter in die Lösungsfindung ein”, „Stellen Sie Ihren Mitarbeitern viele Fragen“ und „Nehmen Sie die Bedenken ihrer Mitarbeiter ernst, um dann eine noch bessere Lösung zu finden“ entsprechen meiner Überzeugung. Die dienen dazu, Mitarbeitern Vertrauen zu schenken, sie zu fordern, zu fördern und wertzuschätzen.

Die Entscheidung für oder gegen eine politische Koalition ist jedoch eindeutig eine strategische und damit fällt sie in den Aufgabenbereich der Leitwölfe. Ich frage mich, wie sollen Mitarbeiter motiviert werden, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen, wenn der Chef nicht die Cojones hat, zu seinen Entscheidungen zu stehen? Hier drängt sich der Verdacht auf, dass wir es mit Führungskräften zu tun haben, die sich nicht zu führen trauen

80 Millionen Bundestrainer zur WM

Diese Mitgliederbefragung ist so, als ob Jogi Löw vor der WM alle 80 Millionen „Bundestrainer“ zur Mannschaftsaufstellung befragen würde. Aber Jogi Löw trägt die Verantwortung für die Ergebnisse der WM. Er teilt diese Verantwortung mit seinen Spielern, aber wenn die Erfolge ausbleiben, dann schaut letztlich jeder auf den Trainer.

Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Hannelore Kraft tragen die Verantwortung für eine erfolgreiche (was auch immer das bedeutet) Politik als Teil einer geplanten Großen Koalition, nicht die Mitglieder – völlig unabhängig davon, ob sie ihre Parteimitglieder befragen oder nicht.

Anecken und gegen den Strom schwimmen

Meiner Meinung nach sind Führungspersönlichkeiten Menschen, die anecken, Menschen, die nicht immer „Ja“ sagen, auch mal gegen den Strom schwimmen. Führungspersönlichkeiten polarisieren und trauen sich, unbequeme Wege zu gehen. Eine Koalition der SPD mit der CDU /CSU ist ein solcher unbequemer Weg. Die Entscheidung für einen solchen Schritt muss aber die Führungsspitze einer Partei treffen. So wäre das auch in jedem gut geführten Unternehmen. Das Votum ihrer Mitglieder nutzt ihnen gar nichts. Denn die Parteispitze führt jeden Tag, jede Woche der nächsten vier Jahre Gespräche, diskutiert und löst Probleme.

Mein Tipp an alle Führungskräfte:

Wenn Sie bei der Umsetzung einer Strategie immer wieder Ihre Mitarbeiter zu Rate ziehen, so ist das sinnvoll, da die Mitarbeiter die Umsetzungs-Details häufig besser kennen als der Chef. Das wirkt motivierend auf die Mitarbeiter und die Details der Umsetzung gewinnen an Effektivität.

Wenn Sie aber strategische Entscheidungen fällen möchten, dann haben Sie genug Cojones, um diese – gern nach gezielten Konsultationen und Beratungen – allein und eigenverantwortlich zu treffen. Wir brauchen Führungskräfte, die sich was trauen. Gute Entscheidungen sind manchmal unbequem. Bitte treffen Sie sie trotzdem.

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Führungskräfte-Trainer, Keynote Speaker und Autor Markus Jotzo
Markus Jotzo (Foto: © www.markus-jotzo.com)

Über Markus Jotzo:

Markus Jotzo leitet das Hamburger Institut Markus Jotzo – Leadership Development und ist Deutschlands Experte für den Bau von Parkplätzen für das Ego von Führungskräften. Sein Ziel ist es, Führungsarbeit effektiver und zielgerichteter zu gestalten. Er ist Führungskräfte-Trainer, Keynote Speaker und Autor. In seinem Blog (http://www.markus-jotzo.com/blog/) kommentiert Markus Jotzo regelmäßig aktuelle Ereignisse und gibt Führungskräften Tipps für’s Loslassen, Fokussieren und Anregungen zu einer neuen Art der Mitarbeiterführung im Hinblick auf Effektivität, Mitarbeitermotivation und -bindung.

Christoph Schroeder

Ein Kommentar zu “Markus Jotzo: SPD-Mitgliederbefragung ist eine „Schnapsidee“

  1. Ein Unternehmen ist keine politische Gesellschaft, daher hinkt Ihr Vergleich vollkommen. Während die Parteien eine Pflicht zur politischen Gestaltung unter demokratischen Regeln haben, ist das bei Führungskräften und Chefs nicht der Fall. Sie argumentieren elitenorientiert und im Sinne einer Corporate Democracy, was Sie deutlich in der Gleichsetzung von Politikern mit Geschäftsleuten und Parteien mit Unternehmen demonstrieren: Parlamentsferne Demokratie sollte Ihrer Meinung nach nur angewandt werden, wenn sie bequem ist und der Legitimation dient.

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