Kolumnen

Mr. Facebook – Made of Likes

Kennen Sie Mr. Facebook? Den stets freundlichen, zugänglichen, offenen, charmanten und kommunikativen Super-Netzwerker-Kollegen? Speaker, Trainer, Impro-Comedian und Moderator Ralf Schmitt hat nur zwei Dinge für jene Spezies übrig: Neid und Verachtung! Warum, das berichtet er Ihnen im heutigen Beitrag seiner wöchentlichen AGITANO-Kolumne „Ich bin total beliebt, es weiß nur keiner“.

Liebe Leser, heute möchte ich Ihnen von einem Gefühl berichten, das so mancher Kollege bei mir immer und immer wieder auslöst. Es kommt aus der Tiefe meiner Seele, bohrt sich durch die Leber und lässt meine Galle überkochen. Können Sie beim Lesen spüren, wie ich beim Schreiben grün werde? Grün vor Neid! Ja, es ist Neid, was ich diesen Menschen gegenüber empfinde. Und zu allem Überfluss geht dieser Neid auch noch gerne eine widerwärtige Koalition mit der Verachtung ein.

Mr. Facebook – von allem einen Hauch zu viel

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Mr. Facebook – der Super-Netzwerker! (Bild: Gerd Altmann / pixelio).

Ich nenne den Typus, der das alles bei mir hervorruft, gerne Mr. Facebook. Klar, dass diese Kollegen gefühlt 1.345 mehr Freunde bei Facebook haben als ich. Das kann ich jedoch verschmerzen. Das ist aber nicht der Grund, warum ich sie so getauft habe. Sie sind einfach überall perfekt vernetzt. Und genau da habe ich meine Defizite. Diese Kollegen sind freundlich, zugänglich, offen, charmant, kommunikativ … in meinen Augen immer einen Hauch zu viel von all dem.

Doch aufgrund ihrer lockeren Art kommen Sie mit vielen leicht ins Gespräch. Sie plaudern und lachen viel, mit allem und jedem. Sie scherzen, erzählen auch einmal einen schlüpfrigen Witz, schicken via E-Mail lustige Bildchen an ihren gesamten Verteiler und keiner reagiert genervt. Alle schmeißen sich weg vor Lachen! Und am allerschlimmsten finde ich, dass sie noch nicht einmal etwas dafür tun müssen. Ihre beruflichen Leistungen spielen einfach keine Rolle. Sie sind ohne ersichtliche Erfolge einfach nur so beliebt. Ich halte es da eher mit Attributen wie professionell, kreativ und manchmal ein wenig misanthropisch.

Alle beglückwünschen ihn

Gerade erst hat es sich zugetragen, dass ich wieder einmal eine wunderbare Projektidee hatte. Nicht nur ich selbst, auch mein Kunde findet das Projekt großartig. Zusätzlich zur Übernahme der Finanzierung hat man mir „zur Unterstützung bei der Umsetzung“ einen Mr. Facebook an die Seite gestellt. Ich arbeite also, feile an Ideen, mache Verbesserungsvorschläge, entwickle weiter … Er spricht drüber – über „unser“ Projekt und alle kleben an seinen Lippen, beglückwünschen ihn zu den großartigen Ideen. Er schreit sie in die Welt hinaus und erntet jede Menge Anerkennung und, darum geht es ihm eigentlich, jede Menge Aufmerksamkeit. Wohingegen ich, zugegebenermaßen oft ein wenig miesepeterig dreinschauend, gerne übergangen werde, obwohl Mr. Facebook großzügig darauf hinweist, dass wir zusammen an diesem Projekt arbeiten.

Ganz arme Schweine

Einige schlaflose Nächte und Coaching-Sitzungen später bin ich nun der Meinung, liebe Leser, Menschen wie diesen Mr. Facebook müssen wir nicht beneiden und nicht verachten. Nein, im Grunde sind sie nämlich ganz arme Schweine. Sie brauchen permanente Aufmerksamkeit, können einfach nicht alleine sein. Finden keinen Frieden mit sich selbst. Brauchen Zerstreuung, permanente Ablenkung, weil sie sonst feststellen müssten, dass in ihnen selbst nichts ist. Gar nichts. Nur ein leeres Loch, wo andere eine Seele haben oder einen Glauben oder eine Persönlichkeit. Deshalb jagen sie die Beachtung, wie andere Menschen Schnäppchen im Schlussverkauf. Jedes Schulterklopfen und Lachen ist für Sie ein Gefällt-mir-Klick. Also, schließen Sie Ihren Frieden mit dieser Gattung. Belächeln Sie sie milde. Begeben Sie sich mit Mr. Facebook auf den Pfad der Kontemplation und seien Sie für ihn die windstille Stelle im Zentrum des Orkans, das Auge des Sturms.

Oder gehören Sie eventuell selbst zu dieser Spezies? Dann machen Sie sich klar, dass Sie diese Aufmerksamkeit, diesen ewigen Trubel um Ihre Person in Wirklichkeit nicht brauchen. Auch in der Ruhe liegen zahlreiche Vorteile wie Konzentration und Fokus. Dann können Sie selbst vielleicht auch einmal ein Problem durchdenken, von allen Seiten betrachten, gute Ideen entwickeln und umsetzen.

Ralf Schmitt, Kollegen
Experte für Spontaneität, Improvisation und Interaktivität. (Foto: © Ralf Schmitt)

Über Ralf Schmitt:

Ralf Schmitt arbeitet seit mehr als 15 Jahren erfolgreich als Speaker, Trainer, Impro-Comedian und Moderator. Er gilt als Experte für Spontaneität und Interaktivität, hat die Methode der Navituition® entwickelt und ist Mitglied der German Speakers Association. Schmitt ist branchenübergreifend tätig und kennt die deutsche Wirtschaftslandschaft aus dem Effeff. Seine inhaltliche Mitarbeit im Vorfeld und seine Auftritte bei unzähligen Tagungen und Kongressen geben ihm eine externe Sichtweise auf innerbetriebliches Geschehen und Veränderungsprozesse in Unternehmen verschiedener Größenordnungen. Darüber hinaus ist er Autor der Bücher „Ich bin total spontan, wenn man mir rechtzeitig Bescheid gibt“ und „Ich bin total beliebt, es weiß nur keiner“.

Mehr über Ralf Schmitt erfahren Sie auf seinem AGITANO-Expertenprofil.

Lesen Sie hier seinen Beitrag von letzter Woche: Wie die korrekte Sybille das Loslassen lernt

Christoph Schroeder

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