Kolumnen

Claus-Peter Schaffhauser: Mindestlohn und Ablasshandel

… aus der Kolumne von Claus-Peter Schaffhauser: “Mindestlohn und Ablasshandel.”

In den letzten Tagen wurde ich von Weinkrämpfen geschüttelt. Schuld daran war eine Reportage über die Zustände beim Multi Amazon. Im Besonderen hat es mir das Schicksal von Silvana angetan. Silvana ist arbeitslos und lebt mit ihrer Familie in Spanien. Nicht nur Silvana ist arbeitslos, sondern mit ihr 30 Prozent der spanischen Bevölkerung. Noch schlimmer sieht es bei den Jugendlichen aus, jeder Zweite ist ohne Job und damit ohne Einkommen. Silvana wurde also vor Weihnachten im fernen Spanien angeworben, als Hilfskraft im Lager von Amazon in Bad Hersfeld zu arbeiten. Kost und Logis frei, Stundenlohn 9,30 €.

Das ist immerhin doppelt so viel wie Bärbel Höhn vom Bündnis 90 / Die Grünen einem ihrer Praktikanten zahlen wollte und fast dreimal so viel wie der Ostdeutsche FDP-Politiker, Thomas L. Kemmerich (eigentlich müsste der sich Kämmemich schreiben), Mitglied des Landesverbandes für Friseur und Kosmetik Thüringen und Vorstandvorsitzender der Friseurkette Masson, als gerechten Lohn für Friseusen empfindet (nämlich 3,81 € brutto). Deswegen ist Thomas Kemmerich, aus Aachen stammender Rechtswissenschaftler, ehemaliger Karnevalsprinz und passionierter Cowboy-Stiefelträger (mit handgenähtem Rahmen) auch vehement gegen einen flächendeckenden Mindestlohn, „weil sich dann das Geschäft für ihn nicht mehr rentieren würde.“ Ja, manche Leute müssten eben „aufstocken“ aber da kann weder er noch die FDP was dazu, es sind eben die besonderen Lebensumstände der Betroffenen. Dass diese Leute – meist Frauen – später nur eine minimale Rente beziehen werden, ist Schnee von morgen. Die freie Marktwirtschaft oder der Sozialstaat werden‘s schon richten. Handgenähte Cowboy-Stiefel haben eben ihren Preis.

Auch der DGB bezahlt Leiharbeiter in gewerkschaftseigenen Betrieben keinen Mindestlohn.

Wir lernen daraus: Mindestlohn gilt immer nur für andere Betriebe. Wahrscheinlich haben die miserabel bezahlten Friseusen von Herrn Kemmerich am Abend ebensolche Blasen an den Füßen, wie sie angeblich Silvana beklagt haben soll. Es kann natürlich aber auch sein, dass die freien Redakteure Peter Onneken und Diana Löbl sich beauftragt sahen einen Skandal zu liefern und das dann auch getan haben. BILD-Reporter sind nun mal so.

Dass der Bericht im Ersten Deutschen Fernsehprogramm ausgestrahlt wurde, lässt aber vermuten, dass die BILD-Zeitung, nach Wulff und Schavan geläutert, nur noch seriös recherchierte Fakten veröffentlicht und ARD und ZDF sich durch die neu erhobenen Zwangsgebühren genötigt fühlen, für das viele Geld, neben Florian Silbereisen, Carmen Nebel und jeder Menge Schleichwerbung Qualitätsjournalismus zu liefern.

Silvana jedenfalls musste sich mit einer Kollegin die Dusche teilen. Meine Frau, unsere große Tochter (16) und ich müssen uns zu dritt (!!!) eine Dusche teilen, weil meine jüngere Tochter (13) praktisch in der anderen Dusche wohnt. Sie ist sehr reinlich und duscht täglich ein- bis zweimal, weil sonst die Haare so schnell fetten. Da ich nicht dem Landesverband für Friseur und Kosmetik Bayern angehöre, kann ich mir meinen Ratschlag weniger zu duschen und damit Haut und Haare zu schonen gleich in letztgenannte schmieren. Morgens duscht meine Tochter lange, weil sie nebenbei noch ein kleines Nickerchen halten muss, abends werden die Beine rasiert, um im Schulbus nicht zu stacheln.

Apropos Schulbus. Der fährt bei uns nur zweimal am Tag (morgens und nachmittags), und die Kinder müssen im Winter in der klirrenden Kälte draußen warten. Onneken, übernehmen Sie! Ein klarer Fall von Kindsmißhandlung!

Dazu habe ich gestern eine Quittung von unserem Bürgermeister erhalten, zusammen mit der Information über die neu zu errichtende Hundesteuer. Der Zweithund kostet demnach jetzt 70 Euro im Jahr. Da wir nicht mal einen Ersthund haben, muss sich der Bürgermeister sein Geld anderswo holen. Aber natürlich unauffällig.

Anfang der Woche kam die Abrechnung für das Wassergeld. Wir haben im abgelaufenen Jahr 3 Kubikmeter mehr Wasser verbraucht als sonst. Da ich nur ab und zu ein Bier trinke, war die Schuldige schnell identifiziert: weiblich, pubertär, duschabhängig. Aber 115 Euro jährlich, das sind ja noch nicht einmal 10 Euro pro Monat – soviel verdient Silvana bei Amazon in einer Stunde. Außerdem, wir erinnern uns entfernt aus der Kolumne “Wasser, marsch”, muss die Kanalisation regelmäβig gespült werden, um die Entstehung giftiger Gase zu vermeiden.

Und Ende der Woche dann der Höhepunkt: die Abrechung für Abwasser und Niederschlagswasser. Nach der Logik unseres Bürgermeisters verschwindet, was aus dem Hahn kommt, automatisch wieder in „seiner“ Kanalisation – und das kostet, und zwar nicht zu knapp. Also will er dafür 340 Euro zusätzlich haben. Dass meine Frau sich morgens eine große Thermoskanne Tee macht, sie mit in die Arbeit nimmt und den Inhalt verstoffwechselt am Arbeitsplatz lässt, interessiert den Bürgermeister nicht. Auch der Umstand, dass wir stolze Besitzer einer Regenwassernutzungsanlage sind, welche 5000 Liter speichert, interessiert ihn nicht die Bohne, da dieser Speicher, wenn er übervoll ist, sich ebenfalls in die Kanalisation ergießt. Und dass unsere Büsche und Bäume besonders durstige Exemplare sind, weshalb im Sommer kein einziger Regentropfen in der Kanalisation landet, überzeugt unseren Bürgermeister schon gar nicht. Er braucht das Geld nun mal dringend, um seine Kanalisation auszubessern. Ergo: das dauerduschende Kind wird nicht als abschlagskostenmindernd herangezogen, es quersubventioniert praktisch ganz Windach. Dafür riecht es aber auch immer sehr gut!

Silvanas Hund, ein kleiner Welpe, der seine Mutter zu früh verloren hatte, heulte laut Peter Onneken und Diana Löbln übrigens die ganze Zeit unter einem kahlen Weihnachtsbaum ohne darunterliegende Geschenke. Was diese Pulitzer-Preis verdächtigen Journalisten aber nicht geschrieben haben: Tag der Bescherung ist in Spanien erst am 6. Januar. Da war Silvana schon längst wieder zu Hause.

Ihr Claus-Peter Schaffhauser

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Zum Autor:

Claus-Peter Schaffhauser, Mindestlohn, AblasshandelClaus-Peter Schaffhauser war in mehreren Unternehmen verschiedener Branchen (Elektronik – Siemens, Informationstechnologie – HP, Befestigungstechnik – HILTI) in unterschiedlichen Führungspositionen tätig (u.a. EDV, Logistik, Vertrieb, Revision). Er berät seit 17 Jahren Kunden verschiedener Branchen in der Optimierung von Logistikprozessen (Lieferantenanbindung, Aufbau- und Ablauforganisation, Reklamationsmanagement) und in der Baustellenlogistik (Optimierung letzte Meile). Claus-Peter Schaffhauser spricht Deutsch und Englisch. In seiner Freizeit schreibt er Kolumnen und arbeitet als Künstler.

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