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“Hört auf zu arbeiten!” – Interview mit Anja Förster und Peter Kreuz

Sie schreiben auch, dass unser Schulsystem einen Haufen wirtschaftlicher Analphabeten produziert. Nun sind die Wirtschaftswissenschaften ja alles andere als homogen. Der Sekundärmarkt der Börsen stellt den Primärmarkt selbst in Frage und untergräbt damit die Rolle der Kreditversorgung für die Realwirtschaft. Der angelsächsische Liberalismus wiederum kann sich mit ordnungspolitischen Eingriffen, wie beispielsweise im Sinne des Klimaschutzes oder der Entwicklung von Entwicklungsländern benötigt, nicht anfreunden.
Kurz gefragt: Wie kann man von Analphabetismus sprechen, wenn innerhalb der Wirtschaftswissenschaften ein babylonisches Sprachwirrwar existiert?

AF: Wir sprechen nicht generell von Analphabeten, denn Lesen und Schreiben funktionieren ja ganz gut in Deutschland. Unser Argument ist vielmehr, dass unsere Schulen einen riesengroßen Bogen um Wirtschaft, insbesondere um Betriebswirtschaft und Management machen. Sie produzieren somit ein Heer von wirtschaftlichen Analphabeten. Man kann heute locker ein Einser-Abi machen, ohne den Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn begriffen zu haben. Und, bitte: Das ist keine Polemik!

Eine Handlungsempfehlung zum Schluss: Wie können sich Unternehmen auf die Arbeitsplätze der Zukunft einstellen und diese antizipieren?

PK: In viel zu vielen Unternehmen gibt es Strukturen, Prozesse und Kontrollmechanismen, die das Engagement und die Kreativität der Menschen ersticken. Das führt dazu, dass viele Unternehmen weniger fähig sind als die Summe der in ihnen arbeitenden Menschen. Das ist eine kolossale Verschwendung menschlichen Potenzials, die wir uns nicht mehr länger leisten können. Um es ganz deutlich zu sagen: die Herausforderungen der Zukunft können nicht gelöst werden, indem traditionelle Managementpraktiken verbessert oder einfach nur besser umgesetzt werden. Wir brauchen eine fundamental andere Art des Managements. Eines, das auf Vertrauen, Freiraum und Selbstbestimmung fußt. Das Wesen der Macht und Autorität wird sich nachhaltig ändern. Wer künftig noch will, dass Menschen ihm folgen, muss verdammt gute Antworten darauf finden, warum Menschen ihm freiwillig folgen sollten.

Gibt es hier ein paar Best Practice Beispiele, quasi als Wegmarken?

AF: Nehmen Sie beispielsweise das Technologie-Unternehmen W. L.Gore & Associates, bekannt für Gore-Tex. Dort hat man schon lange begriffen, dass die Führungsrolle und die damit verbundene Anerkennung seitens der Mitarbeiter etwas ist, das sich eine Führungskraft jeden Tag aufs Neue erarbeiten muss. Bei Gore gibt es bis auf ganz wenige Ausnahmen weder Hierarchien noch Jobtitel, weder Chefs noch Abteilungsleiter oder Manager. Trotzdem gibt es Führungskräfte. Wie die zu ihrer Rolle kommen? Die Mitarbeiter stimmen mit den Füßen ab. Jeder darf zum Beispiel ein Meeting einberufen. Aber nur derjenige, zu dessen Besprechungen auch Leute erscheinen, hat tatsächlich eine Führungsrolle. Aber auch die ist nicht dauerhaft, sondern temporär und an den geleisteten Wertbeitrag geknüpft.
Sehr geehrte Frau Förster, Sehr geehrter Herr Kreuz, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Marc Brümmer, Chefredakteur von AGITANO – Wirtschaftsforum Mittelstand.

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Förster, Kreuz
Anja Förster und Peter Kreuz

Über Anja Förster und Peter Kreuz

Anja Förster und Peter Kreuz gehören zu einer neuen Generation von Vordenkern für Wirtschaft und Management. Sie arbeiten als Berater, Referenten und erfolgreiche Buchautoren. Förster und Kreuz leben das, was sie schreiben – und sind deswegen zum Vor- und Querdenken berufen. Ihr Buch “Alles, außer gewöhnlich” wurde 2007 Wirtschaftsbuch des Jahres. Der aktuelle Titel “Hört auf zu arbeiten!” ist ein Spiegel-Bestseller. Mehr über die Autoren erfahren Sie auch unter www.foerster-kreuz.com.

 

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Das Buch

Hört auf zu arbeitenAnja Förster, Peter Kreuz
Hört auf zu arbeiten!
Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt
Pantheon Verlag
ca. € 14,99  [D] / € 15,50 [A] / CHF 21,90
ISBN 978-3-570-55189-9

Weitere Informationen zum Buch erhalten Sie unter folgendem Link.

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Christoph Schroeder

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