Einsichten & Ansichten

Nächster Halt Gegenwart. Ein Hoch auf die Gegenwärtigkeit in Zeiten ihres Abgesangs

Gegenwart, Ulrich B Wagner

Was geschieht mit unserer Gegenwart? Nimmt sie noch an unserem Leben teil, oder ist unser Leben zu schnell und wir vergessen, dass wir im Hier und Jetzt leben sollten anstatt in der Vergangenheit oder der Zukunft. Unser Kolumnist Ulrich B Wagner stellt sich eben diese Frage in seiner Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET” und stellt überraschendes fest.

„Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.”

Pablo Picasso

„Die Zeiten sind vorbei, in denen wir noch alleine gegen die Welt bestehen konnten.”

Stephan Hawking im Gespräch mit dem britischen Fernsehsender ITV

Ist das Ende der Gegenwart allen Ernstes so nah, wie es Georg Diez in seiner Kolumne (Das Ende der Gegenwart ist nah) auch anhand des Buches Der Zeitkomplex: Postcontemporary (IMD) von Avanessian und Malik, 2016, uns weismachen will? Wobei mir Weißmachen allen Ernstes schon lieber wäre. Das wäre aber wieder ein ganz anderes Thema.

Daher schnell mal anders gefragt: Welche Gegenwart meint er eigentlich, wenn er so von ihrem Untergang schwärmt?

Meine, deine, unsere, oder gar die Gegenwart per se?

Doch was bedeutet dann wiederum Gegenwart so ganz ohne uns? 
So völlig losgelöst von uns, von Raum und Zeit? (wobei so die Theorie auf jeden Fall ja schon ausreichen soll, wenn die Raum und der Zeit verschwindet, damit sie verschwindet. Mit uns wird es wohl dann das Selbe sein oder doch nicht? Sei’s drum, erst mal weitermachen 🙂 )

Die Gegenwart also…

Allen Ernstes gar, ein sich wandelndes Fest, dem die Kunst nicht nur einen Ort gab, sondern sie, angesichts des Dauerrauschens des vermeintlich Gegenwärtigen, sogar zur Ideologie ausrief?

Schluss aus (Punkt.).
 Vor lauter Fragezeichen verliere ich nämlich gerade selbst den Bezug zur Gegenwart, wenn ich ihn überhaupt je hatte … doch davon später vielleicht mehr.

Das Ausrufen der “Contemporary Art” war es nämlich (so Diez), das an dem ganzen Schlamassel Schuld ist. Passt schon. Schuldiger ausgemacht. Weitermachen…

Andy war’s, Andy war’s, höre ich sie schon Alle rufen, während sie mit ihren hageren, von den Zeichen der Zeit gezeichneten und verbitterten Zeigefingern auf Warhols Polaroids und Bilder deuten, bevor sie sie in der Schublade der Entarteten Kunst verschwinden lassen.

Es ist wirklich so ein Problem mit der Gegenwart (als ob wir nicht schon genügend davon hätten…)

Kaum werden wir ihr gewahr, so scheint sie schon wieder im Dunkel des Unabänderlichen, des Vergangenen, des schön war’s, oder auch nicht zu verschwinden. Wobei wir eigentlich vielleicht doch eher schon wieder bei etwas ganz Anderem wären: dem Augenblick, dem Kairos, den es, im Zuge des sich Vergegenwärtigen, am Schopfe zu packen gilt.

Gegenwart, Ulrich B Wagner
Gibt es die Gegenwart noch? (© Jörg Simon)

Die Zeit (chronos), der Augenblick (kairos) und dann auch noch die Gegenwart, als Jetztzeit , der jetzigen Zeit, aus dem auch irgendwie auch unser nun gemacht zu sein scheint. Unser kleines Adverb nun das wiederum mit dem alt-griechischen nutum verwandt ist, dem Ruck, dem eintretenden Moment, der sich in einer rhythmischen Geste zum Ausdruck bringt.

Erst von diesem demonstrativen Gebrauch erweitert sich nämlich der bloße Begriff der Jetztzeit (der Gegenwart) vom reinen nun zur Dauer eines Zustands. Zu einem begrenzten oder eingegrenzten Abschnitt auf dem Kontinuum der Zeit, eingebettet zwischen dem was wir als Vergangenheit und Zukunft beschreiben.

So gesehen, kann (könnte) sie also gar nicht verschwinden: die Gegenwart

Sondern sie beschreibt die einzige Zeit auf die wir Einfluss haben, die wir gestalten, formen, aber auch eindampfen und ausdehnen können. Sie bleibt sie wie alles andere auch, Teil unserer, bis zu einem gewissen Grade bestimmt auch persönlichen, aber insbesondere, wenn nicht sogar zu Gänze, gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit geschuldet. Sie ist kein Naturzustand, kein Gottesurteil, sondern bleibt als Begriff, ein Bestandteil eines unser ganzes (?) Leben umfassenden Ordnungssystems.

Die Dinge sind, um nochmals an Berger und Luckmann (Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, 1966) zu erinnern, nämlich in der Regel nicht so wie sie sind, sondern wie eine Gesellschaft sie für ihre Mitglieder deutet. Deutungen der Dinge, die in „normalen“ Zeiten im Alltagswissen der jeweiligen Gesellschaft gebündelt sind und damit auch die Bedeutungs- und Sinnstruktur einer Gesellschaft, die soziale Ordnung per se definieren und begründen.

In der Routine, dem Routinehandeln des Alltags, vergewissern wir uns demnach wechselseitig der Wirklichkeit, indem wir tagtäglich auf das gemeinsame Wissen und die damit verbundenen Annahmen zurückgreifen. Es entstehen Modelle, die sich schließlich zur Einsparung von Kraft, weil wir nicht mehr grundsätzlich darüber nachzudenken gezwungen sind, aus der Routine heraus, schlicht und einfach reproduzieren lassen. Vereinfacht ausgedrückt: Es entsteht die Objektivität der institutionalen Welt, die nicht (mehr?), (noch nicht?) oder gar nicht verändert oder vernichtet werden kann. Womit sie jedoch für den Einzelnen zu großen Teilen aber auch unverständlich und unüberschaubar wird.

Wirklichkeit und damit aber auch das, was wir Gegenwart nennen, besteht jedoch nicht für sich, sondern für konkrete Menschen, für mich, für Dich, für Sie, für konkrete Individuen in einer Gesellschaft, die wiederum selbst durch das (in ihr selbst, aber auch außerhalb von ihr verfügbare) Wissen und/oder Institutionen beeinflusst wird.

So betrachtet kann das, was wir WIR nennen, und dieses WIR ist ein wir von noch nie dagewesenem Ausmaß, entstanden maßgeblich durch Identität, einem Gefühl der Dazugehörigkeit, einem Phänomen das durch Dialektik, durch Rede und Gegenrede, durch Abgleich und Angleichung der unterschiedlichen Bilder, und der ihnen zugrundeliegenden „Wahrheiten“ zustande kommt.

Es zieht ein Ruck durch die Gesellschaft

Der fundamentale Wandel besteht daher meiner Meinung nicht in dem Verschwinden der Gegenwart, sondern in der Ausdehnung des Raums (der Erreichbarkeit des Anderen) und der gleichzeitigen, enormen Zunahme an Beschleunigung. Unsere Kommunikation, unsere Wahrnehmung, unser Zusammenleben hat sich mit einem enormen Ruck, Dank und Fluch des Internets, verändert. Damit aber auch die Dialektik, die darüber entscheidet, ob wir nun eine Identität haben oder nicht. Ob wir sie erweitern, verändern oder gar neu herausbilden können.

Gegenwart, Ulrich B Wagner
Gibt es die Gegenwart noch? (© Jörg Simon)

Der Ruck ist das laute Aufwachen der Gegenwart in Zeiten ihres Abgesangs. Wahrhols Medium war die Polaroid-Kamera. Sie war es die in der Vor-Internetzeit schnelle, authentische, unmittelbare (gegenwärtige) Abbilder der Gegenwart produzierte. Ihre Bilder, ihre Verwendung bildet, zu gewissem Maße auch, das Vorbild unseres Internets und es scheint dem gleichen Verlangen geschuldet zu sein: einem mehr und/oder Meer an Gegenwart.

Unsere, Ihre, unser aller Identität gerät, aber auch so vor unseren Augen, nicht nur ins Wanken, sondern scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Doch wir alle sind, gleichzeitig auch, ein integraler Bestandteil dieses Fallens, das sich als ein Stürzen durch Raum und Zeit anfühlt. Wodurch uns natürlich aber auch selbst, in gleichem Maße das Gefühl entgegenspringt, dass uns, statt einem Mehr an, die Gegenwart an sich verloren zu gehen scheint.

Wir haben die Gegenwart nicht verloren

Doch dieses Gefühl trügt, denn das was uns verlorengegangen ist, ist nicht die Gegenwart, sondern das WIR als Ankerpunkt in der beschleunigten Ausdehnung von Raum und Zeit. Unterstützt wird dies für das ICH dadurch, dass der Optimierungszwang des im oder mit dem Internet entstanden Turbo-Kapitalismus nun sogar sein Pendant im vormals stinknormalen Essen findet, das den (bisher) letzten Schritt des ins Private hineingetragenen Selbstoptimierungszwangs zur Blüte gereifen lässt.

Vielleicht ist ja auch einfach einmal die Zeit gekommen HALT zu machen und sich zu vergegenwärtigen was uns die Gegenwart vielleicht doch noch so zu bieten hat, außer ihrem angeblichen Verlust oder ihres Versagens.

Ihr

Ulrich B Wagner

Lydia Hagen

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