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Syrien vor dem Krieg…oder doch nicht? Corporate Trust kommentiert die aktuelle Lage im Land

Wie sind solche Drohungen und Ankündigungen zu bewerten? Weder Sanktion, Diskussionen über eine Flugverbotszone und ein militärisches Eingreifen, noch diplomatischer Druck haben Syriens Präsident Assad in den vergangenen zwei eineinhalb Jahren zum Einhalten bewegt. Die jetzige Drohung ist die vorletzte Eskalationsstufe, die den westlichen Staaten zur Verfügung steht, um das Regime zum Einlenken zu bringen. Eine solche Drohung muss, wenn sie denn gemacht wird, überzeugend sein und bedarf „konkreter“ Schritte um ihr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ein entsprechendes Vorpreschen von Regierungschefs zählt dazu, wobei meist die demokratischen und sonstigen politischen Hürden und Tretmühlen für einen solchen Einsatz außer Acht gelassen werden. Für einen unmittelbaren Vergeltungsschlag wäre es nun zwar zu spät. Die Drohung muss dennoch für eine politische Lösung des Konflikts aufrechterhalten werden.

Erfolgsaussichten und Folgen eines Militärschlag: gering bis fatal

Eine gezielte Bombardierung einzelner Einrichtungen des syrischen Militärs in allen Teilen Syriens und vor allem Damaskus würde kaum nicht zum Sturz des Assad Regimes führen. Zudem birgt eine solche Operation ein hohes Risiko an zivilen Opfern, da viele der militärischen Einrichtungen in dicht besiedeltem Gebiet liegen, insbesondere in Damaskus. Eine der strategisch wichtigsten Standorte des syrischen Militärs und Geheimdienstes einschließlich Flughafen und damit potentielles Ziel für Angriffe, liegt im Damaszener Stadtteil Mezzeh, einem Wohngebiet der syrischen Mittelschicht. Der syrische Präsident Assad droht währenddessen, bei jeder „Aggression von außen“ von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch zu machen. Da eine direkte Reaktion gegen die USA unwahrscheinlich ist, wächst die Angst vor asymmetrischen Vergeltungsschlägen gegen Israel oder die Türkei. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Syrien auf eine solche Bombardierung gar nicht reagieren würde bzw. könnte. Eine weitere Kriegsfront, bei der Syrien sicherlich die schwächere Partei wäre, könnte das Regime in Damaskus auf Grund der Auslastung der eigenen militärischen Kräfte nicht führen. Zudem würde ein Einsatz gegen einen Verbündeten der USA / NATO, allen voran Israel, zu umfassenden militärischen Maßnahmen des Westens und damit zum sicheren Ende des Assad Regimes führen. Assad ist an der Machterhaltung in Syrien interessiert, um die er gerade erbittert kämpft. An einem regionalen Konflikt hat er kein Interesse. Sich dessen bewusst, setzt Assad rhetorische Drohgebärden ein, um einen solchen ersten Schlag zu verhindern.

Selbst unter der Annahme, eine gezielte Operation gegen das Assad-Regime würde zu dessen Sturz führen, bleibt die Frage, was danach kommt. In Syrien gibt es derzeit keine Gruppe, Organisation oder Einrichtung, die die diversen Rebellen- und Oppositionsgruppen einigen und eine Übergangsverwaltung bilden könnte. Das darauf folgende Chaos am Boden wäre nur durch einen Einsatz von Truppen vor Ort handlebar. Alles andere wäre tatsächlich der Beginn eines Flächenbrandes. Auf einen ähnlichen glücklichen Verlauf wie dem NATO-Einsatz in Libyen kann in Syrien nicht gehofft werden.


Lesen Sie die Fortsezung auf Seite 3 und erfahren Sie mehr zu den Alternativen eines Militärschlages.

Christoph Schroeder

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