Einsichten & Ansichten

Verhüllungen der Gereiztheit: Prousts Madelaine und die Wiederkehr des Feigenblatts

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei und zum kommenden Sonntag bereits drei. Bald ist Weihnachten. Und wir alle sind in freudiger Weihnachtsstimmung! Jedoch, was ist diese Weihnachtsstimmung überhaupt und was lehrt uns die Vorweihnachtszeit? Unser Kolumnist Ulrich B Wagner geht im heutigen Beitrag von  „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET — Das Wort zum Freitag“ diesen Fragen näher auf den Grund.

Sieht man den Strom der Weltliteratur zurück – dorthin wo das Feigenblatt zum ersten mal in Erscheinung trat, in der Genesis, dann fällt die enorme Kluft zwischen zwei Sätzen auf.
Der erste lautet: »Und die beiden, der Mensch und sein Weib, waren nackt und schämten sich nicht.«
Der zweite: »Und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sie Schurze.«
Was lag zwischen Unbefangenheit und Scham: nicht gemäß der biblischen Mythologie, sondern in dem Vorgang den sie nur verhüllt? Die Geburt der Entrüstung! Etwas Ähnliches muss sich um die Wende des Siebzehnten zum Achtzehnten Jahrhunderts zugetragen haben.

Ludwig Marcuse: Obszön

Willkommen in einer gestimmten Welt.

Die Straßen und Fenster sind festlich erleuchtet. In den Werbeblöcken erklingen Weihnachtslieder und von Zeit zu Zeit rieselt über allem leise der Schnee. Gibt es vielleicht doch ein Ventil der Befreiung vom gesellschaftlichen Druck, dem einen wie dem anderen? Ich meine jenseits des alltäglichen Gefühls der Ohnmacht, des Hasses, der Wut und der Gewalt.

Phantasien, Träume und Sehnsüchte, die Einfallstore des Weichen begleiten uns von Kindesbeinen. Sie sind da und weg zur gleichen Zeit. Sie sind nicht nur der paradoxalen Gleichheit des Verschiedenen, der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen geschuldet, sondern in uns selbst, als integraler Bestandteil dessen was wir als Identität unserer Selbst erfühlen.

Ist es wirklich meine Stimmung?

Wer stimmt wen, möchte man gerne fragen. Wer Instrument, wer Stimmgabel? Wer färbt wen die Wand den Maler oder doch bloß der, der auch den Pinsel führt? Stimmungen sind Tönungen, Wertungen, Vorklänge, die mir und meinem Erleben eine mehr oder weniger unbewusste AusRichtung verleihen.

Es war der große Stimmungsphilosoph Heidegger, der betonte, dass jedes Weltverhältnis ein gestimmtes Weltverhältnis ist. Jede Erkenntnis, jede Einsicht, jedes Urteil, damit immer auch ein mehr oder weniger gestimmtes sei. Ist unsere ach so hochgeschätzte Rationalität, unsere Vernunft und unsere Nüchternheit, vielleicht nicht lebensfähig ohne Stimmung, ohne ein Gefühl, das trägt. Erinnerung, Geschichte, Ausblick, Sein und Schein, ein Widerspiel der Konstruktion, geführt von unserer sinnlichen Erinnerung, wie Prousts Madelaine?

Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Mißgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen. Woher strömte diese mächtige Freude mir zu? Ich fühlte, daß sie mit dem Geschmack des Tees und des Kuchens in Verbindung stand, aber darüber hinausging und von ganz anderer Wesensart war. Woher kam sie mir? Was bedeutete sie? Wo konnte ich sie fassen?

Proust, M.: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, Bd. 1, 1979, S. 63

Wer weiß?

Ist sie vielleicht nicht auch, oder gerade erst einer vollkommenen Unbefangenheit geschuldet? Einem Schweben jenseits der Scham, einem Augenblick geschuldet, der frei und ohne Hüllungen, ohne Blätter des Feigenbaums das Hier und Jetzt bestimmt? Vielleicht hat Weihnachten in diesen Zeiten ja doch etwas Gutes. Erklärt uns gar die vorweihnachtliche Gereiztheit, unsere eigene, die unserer Lieben um uns herum, die so bekannte Gereiztheit der Beziehungswelt, die der Welt um uns herum?

Erklärt dieser Extremismus der Erregung den Verlust der Nacktheit, das Verstellen, Verbergen, die neue Spießbürgerlichkeit einer an sich erschöpften Gesellschaft, ihre kranken Aufmerksamkeitsdynamiken und Ohnmachtsphantasien? Besteht Weihnachten vielleicht auch gerade darin, das Leben mit allen Sinnen zu begreifen? Meine Stimmung ist es dann auf jeden Fall jedenfalls. Wer weiß?

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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