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Architektur und Bau nutzen revolutionäre Kraft der Fasern

Jenseits von Abschattungen, Dämmmatten und Dachkonstruktionen machen innovative Textilien für Bau und Architektur verstärkt von sich reden. Experten sehen einen zeitnahen Durchbruch voraus, seit zu Jahresbeginn das sogenannte Eisbärhaus in Denkendorf bei Stuttgart seinen Probebetrieb aufgenommen hat.

Solarkollektoren ganz aus Textilien für große und ganz kleine Dächer. Witterungsflexible Gebäudehüllen, die im Sommer kühlen und im Winter isolieren. Oder: Erschwingliche mobile Speicher, die Energie aus heißen Tagen verlustfrei bis in die Weihnachtszeit vorhalten. Die Aufzählung fasst nicht die Wunschträume ambitionierter Forscher zusammen, sondern zielt auf bereits genutzte Neuentwicklungen, die kurz vor der Marktreife stehen. Zu besichtigen sind sie im kürzlich eingeweihten Eisbärhaus – so benannt nach dem textilbionischen Effekt seiner zeltartigen Hülle

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Eisbärbau / Bild: ITV / Qingwei Chen

Hinter diesem neuesten Hightech-Wahrzeichen „in“ Textil stehen sechs Forschungspartner unter Federführung des Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf. Der energieautarke Pavillon für ganzjährige Nutzung besitzt neuartige textile Solarkollektoren aus mehreren Membranschichten, die eine hohe Wärmeisolation aufweisen. Vorbild dafür ist das Funktionsprinzip, das die Textiler der Natur – in diesem Fall dem Eisbärfell – abgeschaut haben: Einfallendes Sonnenlicht trifft auf ein schwarz beschichtetes Textilgewebe und eine hoch poröse Membran mit Wärmetransportschicht, die für die Erwärmung der durchströmenden Luft sorgen. Warme Sommerluft gelangt so in ein Langzeit-Speichersystem mit Silikagel, in dem sie bis in die Winterzeit hinein „gelagert“ wird. Eine weitere Schicht in der Gebäudehülle hingegen sorgt für eine hohe Wärmedämmung nach außen – zuständig für das Fernhalten der Winterkälte.

Folgeprojekte bis Spanien in Sicht

Bereits wenige Monate nach der Inbetriebnahme zeigte sich Dr.-Ing. Jamal Sasour als Leiter der ITV-Forschungsgruppe Umwelttechnik, überzeugt von der Anstoßwirkung, die von dem Demonstrationsbau ausgeht. „Die Resonanz ist gewaltig. Viele Architekten und Baufachleute haben den Wunsch geäußert, nach diesem Prinzip bauen zu wollen.“ Sie seien fasziniert von der Idee, sich Energie, die „einfach da“ sei, ins Haus zu holen. „Nach der Testphase von einem Jahr wird es wohl möglich sein, diese Technik auf dem Markt anzubieten“, ist der Experte optimistisch. Die ebenfalls für die neue Speichertechnologie verantwortliche TAO Trans-Atmospheric Operations GmbH aus Stuttgart kann inzwischen schon weiterführende Projekte im Allgäu, in der Schweiz und in Spanien benennen. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Echo“, bilanzierte Geschäftsführer Prof. Dr. Bernd Helmut Kröplin.

Faserbasierte Baumaterialien im Kommen

Nicht nur in Sachen Energieeffizienz, auch bei Baumaterialien schreitet die textile Revolution voran. Dünnwandiger Textilbeton als Kombination aus textilen 3D-Gelegen und eigens entwickeltem Feinbeton, erdacht und erprobt von Textil- und Industrieforschern aus Sachsen und NRW, ist schon jetzt eine Alternative zu schwergewichtigen Instandsetzungs- und Verstärkungslösungen aus Beton und Stahl. Damit nicht genug: Ein neuartiger „Hybrid“-Werkstoff aus Textilbeton und glasfaserverstärktem Kunststoff, eine Gemeinschaftsinnovation der Uni Chemnitz, des Sächsischen Textilforschungsinstituts STFI sowie mitteldeutscher Bauunternehmen, vereint die Vorteile zweier „starker“ Materialverbünde: extreme Festigkeit und nahezu grenzenlose Formgebung. Erstmals sind nun auch Fassaden möglich, die organischen Strukturen nachempfunden sind und unregelmäßig gekrümmte Oberflächen aufweisen.

Größte textile Forschungslandschaft in Europa

In Deutschland sorgen 16 Textilforschungsinstitute und eine Industriesparte, die zu den innovationsfreudigsten Branchen zählt, für technotextilen Fortschritt wie nirgendwo sonst in Europa. Zu den zehn wichtigsten Textil-Potenzialfeldern mit Blick auf das Jahr 2025 gehören Bauwesen/Architektur. „Bahnbrechende Produkt-, Technologie- und Anwenderfortschritte sind hier oft nur auf textilem Wege möglich“, weiß Dr. Klaus Jansen vom Forschungskuratoriums Textil e.V., das Forschungseinrichtungen mit insgesamt 1.000 Experten verschiedenster Fachrichtungen betreut. Nach fast 20 Jahren Industrieforschung zu diesem Großvorhaben steht für ihn außer Frage: „Textilbeton als Verbundmaterial aus Feinbetonmatrix und textiler Bewehrung ist der Baustoff der Zukunft: korrosionsbeständig und gleichzeitig hochfest mit Bauteilen, die deutlich leichter und schlanker sind“. Zusätzlich schone Textilbeton Rohstoffe, spare Energie bei Herstellung, Transport und Rückbau.

(InnoMedia / www.innomedia-berlin.de)

Marc Brümmer

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