Empfehlung

Am Anfang war die Pyramide – wie die Häuser der Zukunft durch Energieautarkie für uns arbeiten

Timo Leukefeld, Energieautarkie

Er gilt als „Energierebell“, die Bundesregierung nennt ihn diplomatisch Energiebotschafter. Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld ist Experte für vernetzte Energieautarkie, seine Entwürfe für energieautarke Gebäude wurden mehrfach ausgezeichnet. Fernsehzuschauern ist der Dozent, Unternehmer, Buchautor und Keynote-Speaker vor allem als Globetrotter in Sachen Zukunft bekannt. Den Freiberger treibt eine zentrale Frage: Wie werden wir in Zukunft leben? Im Interview erklärt Leukefeld, warum Zukunftsfähigkeit integrales Denken erfordert und was die Pyramiden mit dem Silicon Valley zu tun haben.

„Saubere Energieversorgung war schon vor 30.000 Jahren relevant“

Sie waren vor kurzem in Bosnien, um bei den Ausgrabungen der angeblich größten Pyramiden Europas zu helfen. Welche Erkenntnisse haben Sie dort gewonnen?

Es spricht vieles dafür, dass in Visoko Pyramiden im Berg verborgen liegen und weniges dagegen. Einige Forscher denken, dass sie einst zur Energieerzeugung dienten. Es sind noch viele Fragen offen, aber eines ist klar: Der Pyramidenbau war seinerzeit disruptiv und veränderte das Leben der Menschen vor Ort. Sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, heißt für die Gegenwart zu lernen und bestenfalls daraus Prognosen für die Zukunft abzulesen.

Und was lesen Sie aus dem Pyramidenbau für unsere Zukunft ab?

Unter anderem, dass die Frage der sauberen, unerschöpflichen Energieversorgung schon vor 30.000 Jahren relevant war – und das Kulturen untergegangen sind, obwohl sie hochentwickelt waren. Sie waren quasi erste Opfer der Disruption. Um zukunftsfähig zu bleiben, ist integrales Denken erforderlich, das auf dem Wissen um Zusammenhänge beruht. Wir sollten Disruption nicht als Bedrohung ansehen, sondern als Denkanstoß, als Impuls zur Neuausrichtung und Weiterentwicklung. Im Silicon Valley ist Disruption der Treiber jeden Tuns. Man spürt Störfelder zwischen Kunde und Anbieter auf und entwickelt Lösungen dafür.

Energieautarkie verändert Perspektiven von Mietern und Eigentümern

Und wie sähe die Lösung eines alten Problems aus, die Frage der sauberen Energieversorgung?

Intelligente theoretische Konzepte gibt es genug. Für mich ist Energieautarkie die Antwort, d.h. vernetzte Gebäude, die sich energetisch selbst versorgen und ohne öffentliche Energieversorgung auskommen. Unsere Häuser werden vom Energieverbraucher zum Energieerzeuger. Aus dem kostenlosen und krisensicheren Sonnenlicht gewinnen sie so viel Energie, dass sie sie speichern und damit für Wärme, Strom und sogar Mobilität sorgen können. Und sie könnten sogar der Allgemeinheit zugutekommen.

Erklären Sie das bitte näher.

Sämtliche Speicher dieser Gebäude (Elektrospeicher von Haus und Auto, sowie Langzeitwärmespeicher) können den regionalen Energieversorgern zur Lagerung von Energieüberschüssen zur Verfügung gestellt werden. Damit sparen die Versorger jene Kosten, die anfallen, wenn sie z.B. den Betreibern von Windkraftanlagen eine Einspeisevergütung zahlen müssen, auch wenn diese die Anlagen wegen eines Stromüberhangs vorübergehend abschalten und keinen Strom liefern. Durch die dezentrale Speicherung werden die Stromnetze stabilisiert, ein für beide Seiten profitables System. Energieautarke Gebäude speisen zudem eine hauseigene E-Tankstelle. Für Mehrfamilienhäuser bedeutet das eine kalkulierbare Pauschalmiete mit Energie-Flatrate, die neben Wärme und Strom auch E-Mobilität umfasst.

Das klingt spannend. Existieren solche Häuser schon?

Ja. Seit 2013 stehen zwei energieautarke Wohnhäuser im sächsischen Freiberg, die ich gemeinsam mit einem Bauunternehmen entwickelt habe. Mittlerweile sind energieautarke Mehrfamilienhäuser in Cottbus hinzugekommen, weitere entstehen gerade in Wilhelmshaven. Sie sind ein disruptives Beispiel der Gegenwart, denn sie verändern die Perspektiven von Hauseigentümern, Mietern, Vermietern und Energieversorgungsunternehmen. Die Lösungsformel für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung könnte lauten: Effektivität vor Effizienz – plus erneuerbare Energien – mit gesundem Menschenverstand zum Quadrat.

Lieber Herr Leukefeld, herzlichen Dank für die Einblicke in das spannende Feld der Energieautarkie.

Das Interview mit Timo Leukefeld führte Oliver Foitzik, Geschäftsführer der Fomaco GmbH.

Timo Leukefeld, Jahrgang 1969, lehrt an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg und an der Berufsakademie Sachsen, Staatliche Studienakademie Glauchau, das Thema energieautarke Gebäude. Leukefeld ist Unternehmer, Redner, Buchautor und Energiebotschafter der Bundesregierung. Mehr Informationen unter www.timoleukefeld.de

Oliver Foitzik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.