Management

Alt oder neu? Unterwegs auf Kongressen und Veranstaltungen in unserer neuen Businesswelt – Wie Kongress 3.0 funktioniert

… aus der wöchentlichen Anne M. Schüller, UnternehmensorganisationThemenserie von Anne M. Schüller über Marketing, Kundenbindung, Branding und Unternehmensorganisation. Nach dem Doppelbeitrag “So funktionieren Kundenbefragungen in neuen Businesszeiten” (Teil 1 und Teil 2)” und dem Doppelbeitrag “Gendermanagement: Der ‘kleine‘ Unterschied in der Mitarbeiterführung” (Teil 1 und Teil 2) folgt heute: “Alt oder neu? Unterwegs auf Kongressen und Veranstaltungen in unserer neuen Businesswelt.”

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Alles von oben vorzugeben, das funktioniert in unserer 3.0-Businesswelt einfach nicht mehr. Topdown-Gehabe und reine Frontalbeschallung sind out. Auf Kongressen und Veranstaltungen hat sich das aber noch kaum herumgesprochen.

Ich bin als Speaker regelmäßig auf Symposien und Conventions unterwegs, das ist meine Berufung. Und was erlebe ich in aller Regel immer noch dort? Von hoher Bühne herab gibt‘s Frontalbeschallung. Die TeilnehmerInnen sitzen brav in Reih und Glied und harren mal mehr, mal weniger erwartungsfroh und oft reichlich gelangweilt der Dinge, die da kommen mögen:

  • Smarte Herren in Anzug und anliegender Weste (= Panzer)
  • stehen hinter Rednerpulten (= Schutzschild)
  • und lesen ihre Reden von Manuskripten ab (= Verkündung).
  • Mit Laserpointern (=Waffe) beschießen sie Präsentationen, die
  • ab der dritten Reihe keiner mehr lesen kann (= egal!).
  • Sie reden über Schlachten und glorreiche Siege (= wir Helden).
  • Die mitgebrachte Sekretärin (= Dienstbote) klickt dazu
  • 100 vollgestopfte Slides mit Zahlen, Daten und Fakten.

Insgesamt bleibt vieles an der Oberfläche, das meiste wird für den schönen Schein produziert und hinterlässt unberührte Zuhörer, die in der Passivität verbleiben. Und am nächsten Tag ist alles wie immer.

Wie Kongress 3.0 funktioniert

Kongress 3.0? Da stehen lockere Typen – männlich und weiblich – und erzählen darüber, was wirklich in ihren Unternehmen Sache ist, was die Highlights und wo die Knackpunkte sind. Rednerpult und Manuskript brauchen sie nicht. Sie sind auf Augenhöhe mit dem Publikum. Und natürlich auch dialogbereit. Denn noch während der Redner wertvolle Erkenntnisse teilt, haben die Zuhörer via Mobilgerät die interessantesten Aussagen bereits online gecheckt.

So können sie mitdiskutieren und sinnvolle Fragen stellen. An einer Twitterwand kann man live nachverfolgen, was der Saal von all dem dann hält. Sofortiges Feedback ist garantiert – und der Moderator kann bei Bedarf ajustieren. Mithilfe von Live-Voting-Geräten werden Mehrheitsmeinungen abgefragt und bisweilen sogar unmittelbare Entscheidungen herbeigeführt.

Illustratoren begleiten das Geschehen und malen ein visuelles Protokoll, das außer den Fakten auch Emotionen enthält: pointierte Aussagen, leise Töne, Zwischenfälle, Heiterkeit. Ein ‚Livestream-Video‘ sendet alles an die Daheimgebliebenen. Und im Unternehmensblog wird zeitnah das Ganze bereichert. So lassen sich neue Ideen gemeinsam entwickeln und vorantreiben. Die Lust am Umsetzen-wollen ergibt sich dann auch fast wie von selbst. Bei den althergebrachten Verkündungsprogammen hingegen bleibt alles ganz steif und im Müssen.

Wie BarCamps funktionieren

Selbst Großgruppen-Anlässe lassen sich zu produktiven Mitmach-Events umgestalten, indem man zum Beispiel ein sogenanntes BarCamp draus macht. BarCamps sind Konferenzen ohne Tagungsplan und Rednerliste. Nach dem Motto ‚Es gibt keine Zuschauer, nur Teilnehmer‘ werden die Themen von den Anwesenden spontan selbst organisiert.

Charakteristisch für diese Veranstaltungsform – die manchmal auch als Unkonferenz bezeichnet wird – sind die Auflösung von Hierarchien und Abteilungsgrenzen, ein fehlender Programmablauf, der ungehinderte Wissensaustausch und die freie Gestaltung. Per Abstimmung wird entschieden, welche vorgeschlagenen Themen interessant sind und weiter bearbeitet werden sollen.

Jeder Anwesende, gern auch Teilgeber genannt, kann mal impulsgebender Sprecher und mal interessierter Zuhörer sein. Je hochwertiger und konstruktiver der Input, desto qualitativer ist dann auch der Output. Der Aktivitätsgrad ist hoch, das Engagement umfassend, und brauchbare neue Ideen können entstehen. Vor allem aber: Die gravierendsten Bremsklötze, nämlich Hierarchie- und Abteilungsfilter, werden auf diese Weise endlich aus dem Weg geräumt.

Für die Oberen bedeutet all dies vor allem Macht- und Kontrollverlust. Indem die Verantwortung an die ‚Weisheit der Vielen‘ abgegeben wird, kann das Ergebnis ja in völlig unvorhersehbare Richtungen gehen. Doch insgesamt sind die Chancen weit größer als das Risiko. Denn die Mitarbeiter gehen mit einem solchen Vertrauensvorschuss meist sehr sorgfältig um.

Beispiele aus der Praxis

Unter Bloggern sind Barcamps schon seit Jahren sehr populär. Eines der größten derartigen Events im deutschsprachigen Raum ist die re:publica. Anfang Mai luden die Veranstalter schon zum siebten Mal nach Berlin ein, um mit 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern das digitale Leben zu diskutieren und sich auszutauschen. Und auch, um zu feiern.

Schon mehrfach wurde ein BarCamp unter dem Titel ‚Kirche 2.0‘ organisiert. Dabei ging es um kirchliche Sinnangebote im Social Web. Fragestellungen waren unter anderem die: „Wie können Gemeinden das Web 2.0 nutzen? Was kann das interaktive Internet für die kirchliche Arbeit bedeuten? Wie sehen religiöse Sinnangebote online aus?“ Das Fazit, so Tom Noeding, Community Manager von evangelisch.de nach dem ersten Mal: “Die kirchliche Internetszene befindet sich im Aufbruch. Das BarCamp soll daher in den kommenden Jahren zum zentralen Forum für christliche Online-Aktivisten ausgebaut werden.“

Ich selbst schlage, um die Touchpoints eines Unternehmens zu optimieren, heute fast nur noch Großgruppen-Veranstaltungen mit 50 bis 100 Teilnehmern vor. Die so lange gelebte Praxis, gemeinsam mit Unternehmensberatern im ‚stillen Kämmerlein‘ Konzepte auszuhecken, um sie dann nach unten durchzudrücken, führte nicht nur zu Unlust, sondern oft auch zum Flop.

Das ‚Wollen‘ der Mitarbeiter erreicht man vielmehr immer dann am besten, wenn sie freiwillig sagen, sie könnten sich vorstellen, etwas in Zukunft so und so zu machen. Begeisterung für die Sache wird auf diesem Weg gleich mitgeliefert. Und wichtiger noch: Die geplanten Maßnahmen werden dann auch engagiert umgesetzt, denn sie wurden in Eigenregie entwickelt – und nicht von Oben vorgegeben. Am Ende entsteht dann der ‚Mein-Baby-Effekt‘. Und sein Baby lässt man bekanntlich nicht im Stich. Infos dazu unter: www.touchpoint-management.de

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Managementstrategien für unsere neue Businesswelt
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Deutschen Trainerbuchpreis 2012

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ungekürzte Hörbuchfassung, 8 CDs
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Anne M. SchüllerÜber die Autorin

Anne M. Schüller ist Diplom-Betriebswirtin, zehnfache Buch- und Bestsellerautorin und Management-Consultant. Sie gilt als Europas führende Expertin für Loyalitätsmarketing und zählt zu den gefragtesten Business-Speakern im deutschsprachigen Raum. Sie ist Gastdozentin an mehreren Hochschulen. Managementbuch.de zählt sie zu den wichtigen Management-Denkern. Zu ihrem Kundenkreis gehört die Elite der Wirtschaft. Mehr unter www.anneschueller.com

Marc Brümmer

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