Einsichten & Ansichten

Bilder im Kopf: Playboy, Barbie und die heilige Familie

Was sind Bilder, und wie beeinflussen sie uns? Oder ist es vielmehr andersherum – und unsere Wahrnehmung beeinflusst die Bilder, die wir über Medien, Kunst und in unserem Familienalltag in einer Tour serviert bekommen? Bilder sind mächtig – sie haben Einfluss auf unsere Psyche und andersherum (Mehr darüber auch in Ulrich B Wagners Beitrag Ein Bild geht um die Welt).

An vier Beispielen schildert Ulrich B Wagner in seiner heutigen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET“ heute die Macht der Bilder auf unsere Wahrnehmung.

Jeder von uns ist Kunst, gezeichnet vom Leben

Casper

Die Historiker verfälschen die Vergangenheit, die Ideologen die Zukunft.

Zarko Petan

 

Die Oper

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Eine Szene aus der Opernaufführung “Die Liebe zu den drei Orangen” an der Komischen Oper Berlin. (Bild: © Barbara Aumüller / Szenefoto.de)

Kunst ist Leben, Leben ist Kunst, hieß es in einem Programmheft anlässlich der Premiere der skurrilen und fantastischen Erzählungen des Komponisten Sergej Prokofjew im Jahre 2012. Geschrieben wurden sie zwischen 1917 und 1921, in einer Zeit fundamentaler Umwälzungen auf allen Gebieten. Das Ergebnis: eine Oper, wie sie nicht schöner und gleichzeitig eindringlicher das Hohelied des Lebens als Kunst uns die Kunst als das wahre Leben zu singen vermag: „Die Liebe zu den drei Orangen“. Bis heute sollte sie die meist geschätzte von Profkofjews Opern bleiben. Revolutionär ist sie insbesondere deshalb, weil sie einen Bruch mit den realistischen Geschichten und großen Gefühlen darstellt, die die Oper der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beherrscht hatten. Auf der Bühne wimmelt es nur so von fantastischen Wesen – ob Feen oder Kartenspielfiguren. Prinzessinnen können sich nicht nur im Inneren von Orangen verbergen, sondern auch unversehens in Ratten verwandelt werden. Dazu treibt Prokofjews Musik die Figuren unablässig an und lässt keinen Raum für ariose Selbstbespiegelung. „Und wenn das Treiben auf der Bühne außer Kontrolle zu geraten droht, greifen die zu Beginn des Stücks in Erscheinung getretenen Publikumsfraktionen kurzerhand ein und spielen Schicksal“, heißt es in der Pressemitteilung der Deutschen Oper in Berlin.

Die Bilder und die Wahrnehmung

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Eine Szene aus der Opernaufführung “Die Liebe zu den drei Orangen” an der Komischen Oper Berlin. (Bild: © Barbara Aumüller / Szenefoto.de)

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Vielleicht weiß ich es selbst nicht recht. Manchmal wenn ich in letzter Zeit morgens aufwache, fühle ich mich jedoch wie in einer der Prokofjewschen Erzählungen verfangen. Die Zeit umfängt mich und ich scheine mich in ihr nicht nur zu verfangen, sondern auch zu verhängen, zu verheddern und zu verlieren.

Alles ist Arrangement, Arrangierung, in fortlaufender Abfolge, Überdeckung und Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und dazwischen versuchen wir zu leben.

Begriffe sind Schubladen gegen Gefühle

Leben, jenseits des bloßen Überlebens, des nackten Kampfes, um Raum, Freiraum, um Leben nicht nur fühlen, sondern überhaupt erst einmal denken zu können, ist nicht nur die höchste Form der Kunst, sondern Ausdruck von Mut und Wille zur Veränderung. Die Menschen, das kleine Mädchen, der Junge, die Frau oder der Mann, der Einzelne, jede Einzelne und jeder Einzelne, jedes singuläre menschliche Lebewesen mit eigenem Herz, Seele und Geist, das wir in der abstrakten Kälte des Begriffs Flüchtlingsstrom verstecken, wegpacken und zudecken, könnte ein, sein oder ihr Lied davon singen. Könnte… Ja könnte es, wenn wir es nur zuließen. Wenn wir es auch wirklich hören wollten, doch wir wollen es nicht.

Und dafür gibt es Gründe.

Wir wollen es nämlich nicht nur nicht. Wir können es nicht. Nicht, dass wir es gar nicht könnten, wir können es nicht, weil wir es nicht wollen und dies immer wieder und wieder in einem Fort.

Es sind die Bilder, Bilder in unserem Kopf, die es nicht zulassen, die es verhindern und fast unmöglich erscheinen lassen. Die Bilder, ihre Anordnung, die Ausrichtung, aber insbesondere auch die Auswahl der Bilder in unseren Köpfen, machen aus Möglichkeitsräumen Unmöglichskeitsräume, Flüchtlingsbehausungen, Gefängnisse.

Bilder – auf der Bühne und im Leben

Alles ist Theater, alles ist Lüge und Betrug und wir sind nur die stillen, nichts verursachenden und damit auch zu verantwortenden Requisiten im Publikumsraum? Oder ist es vielleicht nicht doch ein wenig auch wie in Prokowfjews Die Liebe zu den drei Orangen?

Was geht wirklich auf unser Konto? Was von dem, was gerade um uns herum geschieht, ist auch unsere Schuld? Die Schuld eines jeden Einzelnen?

Ist das System schuld – oder doch wir selbst?

Niemals! Der Einzelne kann nie etwas dafür. Es ist das System, die Politik, die anderen, der angebliche Circulus vitiosus aus Schuld und Sühne, den die anderen, schon wieder die anderen seit dem Untergang des Dritten Reiches über uns verhängen, für Verbrechen an der Menschlichkeit, an denen sowieso keiner von uns was kann. Natürlich gab es auch in der eigenen Familie, im eigenen Umfeld, keinen einzigen waschechten Kriegsverbrecher oder Holocaust-Mitwisser. Von echten Tätern erst gar nicht erst zu sprechen. Der Deutsche als Opfer. Als ewiges Opfer des Neids der Missgünstigen, der Faulen, der Nichtsnutze, die es uns ja gerne nachtun könnten, in unserem Streben. Dieses faule Pack, das es sich immer nur leicht machen will, sich nur ins gemachte Nest setzen will und uns dabei so mir nichts dir nichts das von uns wohlverdiente Geld mit beiden Händen aus den Taschen zieht.

Für diesen Luxus nimmt man nämlich auch gerne einmal Tausende von Kilometern, Todesangst, Hunger, Krankheit, Schmerz, Verlust, bis hin zur Selbstaufgabe in Kauf, so toll wie wir sind: Wir Deutsche.

„Deutschland, Deutschland über alles“, bis zum Tode gar, so heißt das Credo der kranken Denke, der ewig Gestrigen: Das ist ihr Bild, das sie von den Menschen haben, die täglich bei uns ankommen. NEIN, nicht ganz vielleicht. Denn ehrlich gesagt haben sie gar kein Bild. Sie haben nur eine nackte Zahl, viele nackte Zahlen. Zahlen die auch Eichmann hatte, um zu funktionieren, um sich zu verstecken, um so zu tun, als ob ihn keine Schuld träfe, er keinem einzigen Menschen auch nur einen Finger gekrümmt, auch nur eine Gasleitung mit den eigenen Händen aufgedreht hätte. Die Zahl, die Umstände, das Überleben der gewohnten Schemata, die Bewahrung des Status Quo, der liebgewonnenen Zuschauerrolle lässt keine anderen Bilder zu, als die, die durch die Macht der Zahlen in unsreren Köpfen inszeniert wird.

Bilder wirken, auch wenn sie längst gegangen sind

Bilder überdauern die Zeit, wirken fort, nicht von allein, nicht ohne uns. Ein Bild an sich ist ein rein physisches, nein, nicht wirklich ein physisches, sondern ein ganz und gar psychisches Objekt in einer Welt psychischer Objekte. Sie kommen und verschwinden mit uns. Mit uns, als unser Bild auf jeden Fall. Was sie vielleicht ohne, oder genauer dann ohne uns treiben, mag auf einem anderen Blatt stehen. Also sind wir es doch. Wir sind es, Schöpfer und Betrachter der Bilder, Bilder, die erst in unserem Kopf Wirklichkeit werden.

Dinge ändern sich. Vieles ändert sich vielleicht, doch was lassen wir zu, dass es sich ändert? Was ist es uns wert, dass wir uns damit auseinanderzusetzen?

Nackt- und Frauenbilder

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Jetzt ohne Nackte: Der Playboy. (Bild: © Jörg Simon)

Unter dem Titel Zeitenwende berichtete N24 beispielsweise Anfang letzter Woche davon, dass der PLAYBOY ab dem kommenden Frühjahr keine Nackten mehr in seinem Magazin zeigen möchte. Wahrlich, es mag zwar das traurige Ende einer jahrzehntelangen Tradition sein, jedoch keinesfalls wohl das Ende, ab frühester Jugend eingeübter Handübungen treuer Leser und Leserinnen (?). Sind nunmehr allen Ernstes die Grundfesten unserer Zivilisation, unseres Miteinanders nicht nur nicht in Gefahr, sondern sogar obsolet? Oder nehmen Sie BARBIE, von Ken ganz zu schweigen. Erst vor Kurzem titelte DER SPIEGEL: Spielzeugbauer Mattel: Barbie bleibt Sorgenkind! Was soll nur aus unseren Mädchen werden, aus unserem Frauenideal, aus unseren Träumen und Sehnsüchten, den trockenen wie den feuchten?

Familienbilder

Und jetzt auch noch das.

Dass das Bild von der heilen Familie religiöse Wurzeln hat, war mir bekannt, doch dass sie im Grunde eigentlich sehr unheil war, gar eine Patchworkfamilie im idealtypischen Sinne, war mir nie so bewusst – bis zur Lektüre des Artikels Und was wird aus der Liebe in der Zeit (Nr. 42).

Dort stehen nämlich solche Bildverrrückungen wie die bereits erwähnte Patchworkfamilie: das Jesukind stammt nicht von Josef, die Geschwister Jesu sind Stiefgeschwister, die Familie ist eine Flüchtlingsfamilie. Man könnte sie, wie der Autor hervorhebt, sogar als die erste Samenspenderfamilie der Geschichte bezeichnen: An die Seite des nominellen Vaters tritt ein ferner Urheber

Doch im kulturellen Gedächtnis Europas blieb etwas anderes haften – die Andachtsbilder Marias mit dem Jesukind. Die Folgen sind uns allen bekannt und wir fürchten daher mit Recht auch schon heute das Fest der Geburt im Kreise unserer heilen Familie, anstatt die Bilder in unserem Kopf zu verändern und die Ankunft des Flüchtlingskindes samt der dazugehörigen Familien zu feiern.

Kunst ist doch stete Verwandlung, und das Altwerden in gewohntem Schema ist Handwerk und nicht Kunst, sagte einmal Ernst Ludwig Kirchner.

Der Tod kann ein Handwerk sein, die Kunst nicht.

Sind wir dabei – oder schauen wir nur zu?

Daran sollten wir vielleicht häufiger denken, in diesen Zeiten in denen so vieles fragwürdig wird. Auch wir, die wir vermeintlich nur im Publikum sitzen. Falls sie es nicht glauben möchten, empfehle ich Ihnen einen Besuch der Oper Die Liebe der drei Orangen oder holen sie sich doch einfach mal schnell einen kleinen Vorgeschmack.

[Anmerkung der Redaktion: Das hier eingebettete Video wurde (vorübergehend) entfernt, ist jedoch weiterhin hier zu finden: Deutsche Oper Berlin / YouTube.]

Ich wünsche Ihnen auf jedem Fall von ganzem Herzen viele neue Bilder im Kopf

Ihr
Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner, irrsinn, das positive denken
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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