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Bullshit oder der Versuch über das kollektive Erbrechen

Kotzen ist „en vogue“, Kotzen ist Kunst!

Performance-Kunst, Millie Brown
Kotzen ist Kunst, so die Ansicht der New Yorker Performance-Künstlerin Millie Brown. (Quelle: welikethat.de**)

Was uns bereits die angesagte amerikanische Pop-Diva Lady Gaga im Rahmen des berühmten texanischen SXSW-Festival, das vom 07. Bis 11. März 2014 in Austin stattfand unter Beweis stellte, als sie sich publikumswirksam von Millie Brown – einer Künstlerin, die Bilder mit Erbrochenem „malt“, in den Ausschnitt und sonst wohin bekotzen ließ, während sie halb wahnsinnig auf ein Becken einschlägt und aus vollem Leibe ins Mikro grölt, als wäre sie die schwerst an Borderline erkrankte Alex Forrest, gespielt von Glenn Close, aus dem 1987 erschienenen Filmthriller „Eine verhängnisvolle Affäre“ von Adriane Lyne. Lady Gaga begründete die Aktion später im amerikanischen Fernsehen mit den folgende Worten:  „Doch, wir beide glauben wirklich an künstlerischen Ausdruck und starke Persönlichkeiten. Für uns war diese Performance Kunst in ihrer reinsten Form. Wir verstehen aber total, dass manche Leute nicht darauf stehen. Ob wir diese Kontroverse wollten? Ich glaube, dass das egal ist. Wir machen die Dinge nicht aus irgendeinem bestimmten Grund, wir wollen einfach nur das Publikum unterhalten und etwas erschaffen, das für den Moment lebt. Es war nicht für die »Today Show« gedacht, sondern für eine Show in einem Club in Austin.“ (s. hierzu auch folgendes Video von Lady Gaga bzw. eine Performance der New Yorker Künstlerin Millie Brown und die Bilder).

Kunst oder nicht, das mag jeder für sich entscheiden. Meiner Meinung nach kann nämlich  jeder so viel kotzen wie er will am Ende des Tages, was auch, nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), rund 600.000 Menschen in Deutschland landauf und landab  in „rein“ künstlerischem Interesse jeden Tag mehrfach praktizieren. Nur so am Rande sei angemerkt, dass dieser „Künstlerkreis“ sich in der Regel zu 85 Prozent aus Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren zusammensetzt.

Lady Gaga, Millie Brown
„Es war nicht für die »Today Show« gedacht“ (Quelle: promicabana.de***)

Am Ende des Tages konnte ich, auch bei jedem Angewidertsein oder auch nicht, zumindest noch ein wenig Kunstverständnis für die Performances des großen österreichischen Künstlers und ehemaligen Städel Professors Herman Nitsch oder der schon legendären serbischen Marina Abramovic aufbringen. Alles hat nämlich seine Zeit und seinen Kontext, oder wie es Marshall Mc Luhan auf den Punkt brachte: „Das Medium ist die Message.“

Das, was wir jedoch derzeit erleben, ist meines Erachtens jedoch reine Affekthascherei und ist damit nichts anderes als Bullshit, wenn nicht sogar schlimmeres.

Die beiden Grimme-Preisträger sind für mich darüberhinaus am Ende des Tages sowieso nur Arschlöcher. Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Es geht leider nicht anders, denn wie Robert L. Sutton es in seinem Klassiker „Der Arschloch-Faktor“ auf den Punkt brachte: „Begegne ich einem übel gesinnten Menschen, ist mein erster Gedanke: Wow ,was für ein Arschloch … . Man könnte sie auch Mobber, Menschenschinder, Despoten oder enthemmte Egomanen schimpfen, aber zumindest, was mich betrifft, bringt der Ausdruck Arschloch meine Angst vor diesem niederträchtigen Menschenschlag und meine Verachtung am besten auf den Punkt.“

Die beiden Grimme-Preisträger werden sich angesichts meiner Zeilen wahrscheinlich sogar geadelt fühlen und in ihrem Tun bestätigt sehen. Fernsehen hat jedoch irgendwie, zumindest im Rahmen des Grimme-Preises, auch eine Bildungsaufgabe. Juhu, kann ich da nur sagen, wenn die Adepten dieser Sch… auf unsere Unternehmen und unsere Gesellschaft losgelassen werden …

Ich würde jetzt am liebsten mit Max Liebermann schließen!

Dieser Ausweg bleibt uns aber, nach den obig beschriebenen Aktionen, leider verwehrt. Wir Übriggebliebenen werden nun also gezwungenermaßen neue Mittel und Wege als Zeichen unseres Abscheus und unserer Verachtung finden müssen.

Ich wünsche Ihnen und mir selbst viel Glück dabei.

Sollte ich vor Ihnen ein adäquates Zeichen finden, werde ich es Sie auf jeden Fall im Rahmen dieser Kolumne wissen lassen.

Herzlichst

Ihr

Ulrich B Wagner

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Über Ulrich B Wagner:

Ulrich B Wagner
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

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Komplette Quellenangabe zu den Bildern:

* http://www.prosieben.de/tv/circus-halligalli/videos/35-akte-rojinski-speed-dating-teil-2-clip

** http://www.welikethat.de/2011/04/28/millie-brown-wenn-kotzen-zur-kunst-wird/

*** http://www.promicabana.de/lady-gaga-buehne-vollkotzen/

Christoph Schroeder

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