Empfehlung

Bullshit oder der Versuch über das kollektive Erbrechen

… aus der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET  – Das Wort zum Freitag“ von Ulrich B Wagner. Nach „Unseligkeit oder der Versuch über die Liebesblödigkeit“ folgt heute: „Bullshit oder der Versuch über das kollektive Erbrechen“.

——-

„Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, dass es so viel Bullshit gibt. Jeder kennt Bullshit. Jeder trägt sein Scherflein dazu bei. Und doch neigen wir dazu, uns damit abzufinden. Die meisten Menschen meinen, sie seien in der Lage, Bullshit zu erkennen und sich vor ihm zu schützen, weshalb dieses Phänomen bislang wenig ernsthafte Aufmerksamkeit gefunden hat und nur unzulänglich erforscht worden ist … “

Harry G. Frankfurt, Bullshit, Suhrkamp 2006

Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte! (Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!)“

Max Liebermann, angesichts des Anblicks eines Fackelzuges zu Hitlers Machtübernahme

——-

Ulrich B Wagner
Die ProSieben-Show „Circus Halligalli“ erhält den renommierten Grimme-Preis. Anlass für unseren Kolumnisten, sich die Sendung genauer anzusehen. (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Am 19. März diesen Jahres erhielten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die mit der ProSieben-Show „Circus Halligalli“ angeblich ein junges Millionenpublikum begeistern, den (bisher) renommierten Grimme-Preis. Nur zur Erinnerung: Der Grimme-Preis (bis 2010 Adolf-Grimme-Preis) ist ein Fernsehpreis und zählt zu den renommiertesten Auszeichnungen für Fernsehsendungen in Deutschland. Er wurde nach dem ersten Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, Adolf Grimme (1889–1963), benannt. Vergeben wird der Preis jährlich vom Grimme Institut in Marl. Seit 1964 würdigt es damit Produktionen und Fernsehleistungen, die „die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Inhalt und Methode Vorbild für die Fernsehpraxis sein können“ (Statut des Grimme-Instituts, siehe auch Wikipedia).

Die Begründung der Jury zur diesjährigen Preisverleihung:

„»Circus HalliGalli« ist daher die witzigste Wundertüte der deutschen Fernsehunterhaltung: weil es Winterscheidt und Heufer-Umlauf immer wieder gelingt, das Publikum und offenbar auch sich selbst zu verblüffen. Sollten sie wider Erwarten in den Schabernack eingeweiht sein, mit denen sie der jeweils andere überrascht, müsste man ihnen über die sonstigen Fähigkeiten hinaus auch noch ein bemerkenswertes schauspielerisches Talent attestieren. Joko und Klaas sind die letzten Anarchisten im deutschen Fernsehen; schon allein das ist preiswürdig.“

Angesichts solch einer gequirlten Sch… möchte man liebsten nur reflexartig die Hände faltend auf die Knie fallen und ausrufen: Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel, oder besser noch den guten alten russischen Alt-Anarchisten Michail Alexandrowitsch Bakunin zur Hilfe rufen.

Einverstanden, ich für meine Person gehöre nicht zur Zielgruppe dieser „Unterhaltung“, was wahrscheinlich allein meinem vorgerückten Alter geschuldet ist. Außerdem stand es mir bisher fern, mir eine Meinung zu bilden, da ich bereits nach den ersten zehen Sekunden bei der ersten Begegnung mit dieser Sendung den Fernseher wieder ausschaltete. Sei’s drum.

Anders nun am Montag dieser Woche. Der Kolumnist, aufgeschlossen und entschlossen sich angesichts dieser hohen Auszeichnung nunmehr ein ehrliches und offenes Bild von dem zu machen, was die Jury als „Wundertüte und die letzten Anarchisten im deutschen Fernsehen“ lobhudelte, stellte sich erneut der Herausforderung, sich diese Sendung anzusehen.

Also, schnell zur Sache, oder, um es mit den Worten der Bild-Zeitung auf den Punkt zu bringen: Sie würgt, schluckt und japst nach Luft – doch der Brechreiz war am Ende stärker

Circus Halligalli, Grimme-Preis, Kotzen
Circus Halligalli. Am Ende ein unendliches Kotzen, in Großaufnahme. (Quelle: prosieben.de*)

Am Montagabend wurde Palina Rojinski (28)  im Rahmen der „Circus Hallgalli“ Show so übel, dass sie sich vor laufender Kamera mehrfach übergeben musste. Auslöser war eine perfide Aufgabe, die auf das Konto von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf geht. Im Heidepark Soltau musste Palina nacheinander 30 Männer daten, die sich über Facebook gemeldet hatten – bei 100 Kilometer pro Stunde in einer Achterbahn. Am Ende winkte ein gemeinsames Candlelight-Dinner mit Ihrem „Traumtyp“.

Joko, der Palina zu ihrer Herausforderung begleitete, grinsend: „Du wirst heute deinen Traummann kennenlernen, so viel ist sicher. Nicht nur dein Herz wird entscheiden, sondern auch dein Magen.“

Am Ende ein unendliches Kotzen, in Großaufnahme, begleitet von einem breiten Grinsen der beiden „ehrwürdigen“ Grimme-Preisträger (s.Bild bzw. das komplette Video. Abrufbar unter folgendem Link).

Seite 2: Kotzen ist „en vogue“, Kotzen ist Kunst!

Christoph Schroeder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.