Einsichten & Ansichten

Eigentlich ist alles anders … . Über das Surfen in der Uneigentlichkeit

Friede, Freiheit, Gleichheit, Eigentlich

Eigentlich müssen wir wieder lernen selbst Verantwortung für unsere Entscheidungen zu übernehmen. Uneigentlich verstecken wir uns im Schutz und in der Anonymität der Masse. Kolumnist Ulrich B Wagner zeigt auf, warum es nicht ausreicht, sich in seinem Handeln bloß auf das „Man“ berufen, soll das geschützt werden, was allen so wichtig ist: Friede, Freiheit und Gleichheit

„Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man urteilt; wir ziehen uns aber auch vom »großen Haufen« zurück, wie man sich zurückzieht.

Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.“

Martin Heidegger: „Sein und Zeit“

God save the Queen!

Sie ist Geländer, Richtungsschnur und Fels in der Brandung und dennoch in ihrer öffentlichen Darbietung ein bloßes „Man“ oder auch nicht? Machen Sie sich selbst – auch und gerade auch als Nicht-Brit(e)in – einen Reim darauf. Vielleicht gibt es sie in unserer Mitte, in anderer Form ja „eigentlich“ auch? … :

  • Das macht man so.
  • Man kann nicht anders.
  • Man ist ja nur ein kleines Rädchen im großen Spiel der Anderen.
  • Und eigentlich würde man ja sowieso alles anders machen.

Doch was ist alles und wer verbirgt sich wohl am Ende des Tages hinter dem ominösen „Man“? Wer oder was ist es dann eigentlich und was bloß tun mit dem Uneigentlichen? In welche Tonne, welche Tüte, welches Behältnis unsres Seins stecken wir es bloß?

Wir sehen alles nur halb

Eigentlich, Kindheit, Friede, Freiheit
Selbst für unsere Kindheit haben wir den universellen Müll für die Tonne. (Bild: © Jörg Simon / 2016)

Das Öffentliche in unserer Gesellschaft ist das Trennende. Durch die Ideologie der Trennung in das Gelbe, das Braune, das Blaue und Schwarze werden so am Rande noch die Überbleibsel dessen in ihrer verfremdeten Fratze erkennbar, was einmal das Fundament unseres Zusammenlebens ausmachte: Gemeinschaft. Wir haben Kunststoffe, Glas, Papier, die Lebensmittel und halt zu guter Letzt den universellen Müll für die Tonne unserer Kindheit, in der wir nunmehr all das Hineinstopfen für das noch keine Unterscheidung gefunden wurde.

Alles zersplittert, zer(ver)teilt sich, differenziert sich, atomisiert sich und löst sich damit aber auch auf: Verflüssigt sich, verdampft und/ oder gefriert. Um fortwährend nunmehr gereinigt, gespült oder auch nur durchgespült, um dann von neuem in den Kreislauf des Großen und Ganzen eingespült zu werden.

Wir sehen alles nur halb, weil der andere Teil von uns noch woanders oder schon ganz woanders vor sich hin wuselt. Der leidige Rest ruht im Jetzt, in der Gegenwart und lässt sich Treiben. Geht in ihr auf und in ihr unter. Ein Treiben, das der Getriebenheit des Einzelnen, in der Zeit und der mit ihr verbundenen Zunahme an Geschwindigkeit zugeschrieben wird.

Hinter das Leben kann das Denken nicht zurückgehen

Doch jeder ist dabei der Andere, keiner er selbst. Jeder ein Kind seiner Zeit. Ein Kind nicht der Echtzeit, des Hier und Jetzt, sondern seines Verstehens.

Damit ist aber auch das Verstehen Teil seines Sich-Erklärens des Vorhandenen, und nur das bildet das Vorhandene ab, was durch Klassifikation auch wieder aufgetrennt werden kann, denn auch nur das ist per definitionem auch wirklich verfügbar und damit auch gegenwärtig.

Ich glaube es war Dilthey, der in diesem Kontext einmal den Satz prägte: „Hinter das Leben kann das Denken nicht zurückgehen.“

Der Horizont bestimmt demnach die Perspektive und nicht andersherum. Alles erscheint bloß, nicht nur sprichwörtlich, sondern auch erscheint auch nur unter der Lichtquelle des Zeitlichen. Die Zeit ist es, unsere, deine, Ihre und meine Zeitlichkeit, die den Verständnishorizont erst erschafft, aber damit im selben Moment auch begrenzt.

Der Zeitgeist, der unsere Debatten derzeitig beherrscht, ist eigentlich schon lange abgelaufen. Wie lange schon ist sekundär, da er eh in dem verortet ist, was sich unserem Tun entzieht.

Ruf des Gewissens

Verstehen ist nämlich kein Ding an sich , sondern immer ein Lebensvollzug, der sich im Tun und in der mit ihr verbundenen Aktion offenbart. Veränderung und damit aber auch das Verständnis entsteht einzig und Allein im Tun oder Lassen.

Die Angst verstellt das Vertrauen und legt über unser Miteinander den ausgewaschenen Mantel des Zeitalters des Misstrauens, der in seiner Begrenztheit ein angemessenes Tun zur Unmöglichkeit verkommen lässt.

Lassen Sie uns ihn endlich in den Restmüll werfen, anstatt in die Altkleidersammlung. Er ist es nicht wert, wieder getragen zu werden, egal wie kalt es auch sein mag.

Das was wir mit den neuen Kommunikationsmedien eröffnet, er- und auch wiederweckt haben, lässt sich nicht mehr wegschließen: Die Besen sind zum Leben erweckt und es liegt an uns, dasjenige aus ihrer Reichweite zu stellen, was uns heilig ist: Der private Raum.

Denn nur der Privatraum des Einzelnen bietet hierfür genug Platz. Doch er muss neu geordnet, neu gewährleistet und sichergestellt werden. Das Öffentliche beschützt ihn und begrenzt ihn zugleich. Das Öffentliche soll das was vorderhand so abstrakt und lebensfern klingen mag sicherstellen: Freiheit und ein friedliches Miteinander, das den Konflikt über das ermöglicht, was ins Private gehört. Nicht, um es auszugrenzen, sondern sein Überleben jenseits der Einebnungen des Allgemeinen zu garantieren.

Doch damit eine solche Wende hin zu einem, wie auch immer gearteten, authentischen Leben stattfinden kann, ist etwas vonnöten, was leider in großen Zügen aus unserem neoliberalen Turbokapitalismus, aber auch in der gegenüberliegenden Extremposition des Gottesstaates, als universelles Gut verschwunden ist und von Heidegger gern als „Ruf(es) des Gewissens“ bezeichnet wurde. Gemeint ist in diesem Zusammenhang eine Struktur, in welcher das Gewissen das eigene Dasein dazu „aufruft“, es selbst zu sein.

Es reicht nicht aus, dass wir unser Dasein dadurch für uns verständlich machen, dass wir uns in unserem Handeln bloß auf das „Man“ berufen.

Wir müssen wieder lernen selbst Verantwortung für unsere Entscheidungen zu übernehmen. Jeder für sich allein und nicht erst im Schutz und in der Anonymität der Masse. Vielleicht wird sie, die Königin, zur Hälfte immerhin auch erst dadurch zur Identitätsstifterin wird, die in sich die Abstraktheit der gemeinschaftlichen Werte von Friede, Freiheit und Gleichheit vereint?

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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