Einsichten & Ansichten

Franz Alt: Wir haben sie ermordet

Der erste Papst aus Lateinamerika mit seiner Nähe zu den Ar­men sagte gleich auf seiner ersten Reise so eindringlich wie un­diplomatisch: „Wer ist der Verantwortliche für das Blut der Brü­der und Schwestern? Niemand! Wir alle antworten so: Ich bin es nicht. Ich habe nichts damit zu tun.” Der Papst bat um Verge­bung für alle, „die mit ihren Entscheidungen auf globaler Ebene Situationen geschaffen haben, die zu solchen Dramen führen”.

Silvio Berlusconi ließ jahrelang die Flüchtlinge, die auf hoher See aufgegriffen worden waren, rücksichtslos nach Afrika zu­rückschicken oder gar absaufen. Es ist auch deutsche und eu­ropäische Schuld, dass diese Politik möglich wurde. Der Papst hingegen ruft, orientiert an Jesus und dessen Bergpredigt: Selig sind die Barmher­zigen! Selig sind die Friedfertigen! Regierungschefs, die er bis jetzt ge­troffen hat, auch Angela Merkel, hat er mit der einen bohrenden Frage konfrontiert: Was tun Sie gegen Ar­mut und Elend in Ihrem Land?

Zuletzt hielt er im Vatikan eine Rede zum Thema „Eine reiche Kir­che ist eine alternde Kirche”. Dieser Papst wohnt noch immer im Gäste­haus des Vatikans, er will sich nicht an den dortigen Protz und Prunk gewöhnen. Franziskus versucht in seinem Flüchtlingsengagement ganz einfach, seinen Jesus heutig zu ma­chen. Religion versteht er politisch- humanitär. Ein Papst, der seine Hän­de nicht in Unschuld waschen will.

Und wir? Die deutsche Gesellschaft und die Berliner Politik? Was heißt das für uns, Angela Merkel, Chefin der Partei mit dem C im Namen? Bei der Rettung und Integration der 10.000 Boatpeople vor über 3o Jahren haben deutsche Unternehmer und Gewerkschaften, politische Jugendverbände und Kirchen, Politiker und Journalisten beispielhaft zusammengearbeitet. Warum sollte das jetzt nicht noch einmal klappen? Unvergesslich, wie vor vier Jahren Hunderte Vietnamesen im Hamburger Hafen einen Dankes-Gedenkstein einweihten und dabei sangen: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland”. Wolfgang Schäuble hatte Tränen der Rührung in den Augen.

Lampedusa ist bereits ein Leuchtturm der humanitären Hilfe. Er lindert die Not vieler Flüchtlinge. Viele Lampedusas in Deutschland und Europa könnten die Not von noch viel mehr Afrika-Flüchtlingen lindern. Ob sich Humanität in frommen Sprüchen verliert oder zur effektiven Hilfe wird, liegt auch an uns — an wem denn sonst?

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Über Dr. Franz Alt:

Dr. Franz Alt

Dr. Franz Alt hat politische Wissenschaften, Geschichte, Philosophie und Theologie studiert. Er war zwanzig Jahre Leiter und Moderator von “Report Baden-Baden”, bis 2003 Leiter der Zukunftsredaktion des SWR sowie Leiter und Moderator des 3sat-Magazins “Grenzenlos”. In den letzten Jahren hat er sich zudem als anerkannter und leidenschaftlicher Experte für die Bereiche Erneuerbare Energien sowie Energie- und Umweltpolitik etabliert. Er wurde von der EU-Kommission mit dem “Europäischen Solarpreis für Publizistik” ausgezeichnet und hält jährlich hunderte Vorträge im gesamten deutschsprachigen Raum. Darüber hinaus wird er auch regelmäßig von ausländischen Reoierungen gebeten, das deutsche Erneuerbare Energien Gesetz vorzustellen, das international als Vorbild für eine regenerative Energiewende mit der Zielgröße der Energieautarkie gilt. Für weiterführende Informationen siehe seine Website www.sonnenseite.com

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Sein aktuelles Buch

Franz-Alt-Buch kleinFranz Alt
Auf der Sonnenseite
Warum uns die Energiewende zu Gewinnern macht

256 Seiten
€ 9,99 (D) / € 10,30 (A) / sFr 14,90
ISBN 978-3-492-30351-4 [WG 2985]

Bereits ein Viertel unseres Bedarfs wird durch Ökostrom gedeckt: Die Energiewende hat Deutschland zum Vorreiter alternativer Energiequellen gemacht. Doch warum sind wir immer noch von Öl, Gas, Kohle und Atomstrom abhängig? Warum stehen Lobbyisten weiter unter dem Schutz der Politik? Franz Alt deckt auf, wer die Energiewende bremst und warum sie dennoch alternativlos ist. Der langjährige Berater von Regierungen und Konzernen legt eine brisante Analyse vor, die Lobbyisten, Energiemultis und Politikern nicht gefallen wird. (Link)

Christoph Schroeder

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