Einsichten & Ansichten

Schreib mal wieder! Der Brief: Wiederentdeckung eines Kommunikationsmediums

Wann haben Sie zuletzt einen Brief bekommen oder geschrieben? Und zwar keine Rechnung oder Mahnung, sondern einen Brief von oder an jemandem, der Ihnen wirklich wichtig ist? In Zeiten beschleunigter elektronischer Kommunikation zwingt der Brief zum Innehalten – und bleibt in einer Schublade oder einem Schuhkarton lange liegen und spendet Trost in schweren Zeiten.

In seinem heutigen Beitrag zur Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” meint Ulrich B Wagner: “Schreib mal wieder!”

 

Ich habe in meinem Leben nicht mehr als ein oder zwei Briefe empfangen,
die das Porto wert waren.

Henry David Thoreau

Briefeschreiben ist wie Wetterleuchten; da verblitzt sich alles,
und das Gewitter zieht nicht herauf.

Theodor Fontane

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Beim Briefeschreiben fehlt es den meisten von uns an Übung.
© Ulrich B Wagner & Alistair Duncan / alistairduncan.de)

Wann haben Sie Ihren letzten Brief bekommen?

Wann haben Sie den letzten Brief bekommen und dann wieder und wieder in den Händen gehalten? Vielleicht sogar von Zeit zu Zeit an ihm geschnuppert, ihn, die Gedanken und Gefühle bereits auf die Reise hin zu dem Absender des Briefes geschickt, zwischen den Händen zärtlich hin und her gleiten gelassen, um ihn dann, zum Schutz vor den Widrigkeiten dieser alles fressenden Welt, zwischen zwei Buchdeckeln verschwinden zu lassen?

Den Brief…?!

Wer schreibt heute eigentlich noch einen Brief? Wer schreibt eigentlich noch mit der Hand einen Brief, einen Brief auf echtem Papier, das man streicheln kann, beschnuppern oder gar zärtlich neben sich auf das Kopfkissen legen kann?

WhatsApp, SMS, E-Mail und Messenger sind die Schnellfeuerwaffen unserer Kommunikation. Sie sind die großen Verführer, Lügner und Gefühlskiller. Sie sind immer schon irgendwie da, sie sind verfügbar, egal zu welcher Uhrzeit, egal an welchem Ort wir uns, auch ohne Nachsendeantrag, auf dieser Welt gerade befinden. Sie gaukeln uns fortwährende Allgegenwart und Immer-Erreichbarkeit vor.

Sie suggerieren uns, dass wir nicht einsam sind, allein oder gar bereits mit Haut und Haaren an den Rand des gemeinschaftlichen Lebens gedrängt wurden, wenn nicht gar aus ihm heraus. Sie suggerieren uns, auch wenn der Blick in die analoge Welt etwas ganz anderes sagt, dass uns das „Netzwerk“ Geborgenheit schenken kann, Nähe und ein vermeintliches Miteinander.

Doch Handy, SMS & Co. sind flüchtig, so flüchtig wie die Zeit, die uns zwischen den Fingern zerrinnt.

Der Brief: edel, rein, authentisch

Ein echter Brief hingegen, der handgeschriebene Brief, gehört mit Gewissheit in eine ganz andere Kategorie, wenn nicht sogar in eine andere Zeit. Er besitzt etwas Edles, etwas Reines und ganz und gar Authentisches. Ich kann ihn fassen, anfassen, befühlen, beriechen, zerknittern und wieder glatt bügeln, ihn mit Bändern in Schachteln und Truhen oder zwischen Buchrücken aufbewahren, bewahren für mich und für Dich, vor den Kommunikationsstürmen der neuen Welt. (Lesen Sie unter Authentische Kommunikation – Wie kriegt man das hin? Was Ulrich B Wagner und andere über Kommunikation in der heutigen Welt denken.)

In letzter Zeit wurde genug geschrieben und gesprochen über die Notwendigkeit, wieder einmal in die Gegenwart zurückzukehren, in das echte Hier und Jetzt, weil wir dank Smartphones, Tablets und sonstiger Segnungen des Internetzeitalters zwar immer irgendwie dabei zu sein scheinen, doch nie ganz richtig da sind. Immer auf der Flucht, immer auf der Jagd, neurotisch, gestresst, immer erreichbar, immer auf Abruf und doch bleibt etwas, etwas das uns all das nicht schenken kann. Achtsamkeit, eine Besinnung auf das Konkrete, Momentane und das Wesentliche. Der handgeschriebene Brief zeugt darüber hinaus auch von Ernsthaftigkeit und echter Bemühung.

Verschmolzen mit dem Smartphone

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Moderne Kommunikationsmittel erhöhen die Geschwindigkeiten. © Ulrich B Wagner & Alistair Duncan / alistairduncan.de)

Wir, die Kinder und Steigbügelhalter des Internetzeitalters, passen jedoch so verdammt gut zusammen mit unseren Smartphones, als hätten wir uns schon seit Ewigkeiten nach dieser Verschmelzung gesehnt. Es ist so einfach, so allgegenwärtig und mit so geringem Aufwand verbunden, dass es uns rund um die Uhr verfolgen darf. Es dient uns als Krücke gegen alle möglichen menschlichen Makel, ob Faulheit, Vergesslichkeit, Langeweile und Schüchternheit. In ihm scheint all unser Leben zusammenzufließen und es bewahrt uns davor, uns wirklich einmal nur mit uns und unseren ganz eigenen Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten auseinanderzusetzen.

Smartphone und Homo sapiens scheinen füreinander geschaffen – und doch ist es eine ungesunde Beziehung. Denn das Ding erfüllt nicht nur allerlei Wünsche, es macht auch noch permanent Stress, wie DIE ZEIT in ihrer letzten Ausgabe so treffend feststellte (ZEITMAGAZIN Nr. 29, 2015) und doch bleibt irgendwie eine Leere, verbunden mit einem Gefühl der Überreiztheit und der Vereinsamung.

Angesichts dieses fast kollektiven Stimmungsgefühls kommt es einem vor als ob der große Elias Canetti dies vorhersah, als er die folgenden Zeilen niederschrieb: „Niemand ist einsamer als ein Mensch, der niemals einen Brief bekommen hat.”

Auf das Briefpapier, fertig, los!

Versuchen Sie es doch einmal. Es ist Urlaubszeit. Zeigen Sie dem oder den Menschen in ihrem Herzen einmal, dass sie Ihnen wichtig sind, dass sie etwas Besonderes, etwas Wertvolles sind. Sie sind die vermeintliche Mühe wert, die mit einem Brief verbunden zu sein scheint – sie sind sie nicht nur wert, sondern haben sie auch verdient. Vielleicht tun Sie sich sogar selbst damit am Ende etwas Gutes. Auch wenn es auf den ersten Blick fast unmöglich erscheint, echtes Papier, ein Briefumschlag, das passende Märkchen und dann zu allem Überdruss auch noch der Gang zum gelben Kasten.

Ein Brief an jemanden, der Ihnen etwas bedeutet

Schreiben Sie den Menschen, was sie Ihnen wirklich bedeuten. Lassen Sie Ihren Gefühlen freien Lauf. Sie werden etwas besonderes erleben. Denn das Wesentliche eines Briefes ist, dass man mit ihm etwas für die heutigen Zeiten eher Seltenes verbunden ist: Man hat sich in Gedanken in den anderen Menschen hineinversetzt und die unverwechselbaren Wünsche für ihn nicht nur zu Papier gebracht, sondern auch sich selbst ein ganz besonderes Zeichen gesetzt.

Auch wenn nicht jeder Brief dieses absolute Gefühl verkörpern mag, so gilt dies jedoch mit Gewissheit für den Liebesbrief, der für Frauen mehr sein kann als das teuerste Schmuckstück und auch für uns Männer deutlich mehr, als Karriere, Geld und Auto je sein können: Nähe, Wärme und echte Einzigartigkeit, die man auch in schlechten Zeiten immer wieder wie einen Weckruf zwischen den Händen halten kann.

Versuchen Sie es selbst einmal, Denken Sie dabei immer daran, dass das Lesen alter Briefe von Freunden und den Lieben nicht nur eine wunderbare Gedankenreise in fast vergessene Lebensmomente darstellt, sondern auch als Mahnung zur Achtsamkeit und einem echten Gefühl für das Hier und Jetzt, aber auch für wahre Liebe und Freundschaft sein kann.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen
und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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