Einsichten & Ansichten

Sinnliche Zeiten – Zwischen Besinnung und Sinnlosigkeit

Gerade in der Vorweihnachtszeit ist es die Rückbesinnung auf die Bilder des Lebens, die für uns im Vordergrund stehen sollte. Der Rückblick, auf die Bilder die uns geprägt und inspiriert haben. Damit sind nicht einmal echte Fotos gemeint, sondern diese ganz persönlichen Erinnerungen an Menschen, die uns nicht mehr loslassen. In seiner heutigen Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” schreibt Ulrich B Wagner über die Momente der Besinnung, wie und welche Menschen uns dazu inspirieren und, wie diese in unseren Köpfen Bilder festsetzen, die uns ein Leben lang begleiten.

Verblassende Bilder

Konserviert und archiviert, ich hab’s gespeichert
Paraphiert und nummeriert ,damit ich’s leicht hab
Wenn die Erinnerung auch langsam verschwindet
Weiß ich immerhin genau, wo man sie findet

Bilder im Kopf, Sido

Und ewig grüßt das Murmeltier…

Es ist, was es ist, und es bewegt sich weiter. Mit uns oder ohne uns. Stunde für Stunde, Tag für Tag. Man sitzt da, blickt aus dem Fenster, aus Wochen werden Monate, und aus den Monaten Jahre. Jahre, die vergehen. Was bleibt sind Bilder. Bilder in unserem Kopf, manche verblasst, verwaschen, weil immer und immer wieder im eigenen Ringen mit dem ICH aufgeweicht, vergilbt vom Rauch der vielen Zigaretten, gerändert von dem einen oder anderen zu viel getrunkenen Glas Rotwein in der Nacht.

Die ewige Wiederholung, die ewige Wiederkehr im immer und immer wieder selben Thema. Und dazwischen WIR. Oder dann doch nur, am Abend des Tages, wenn das Leben im Sonnenuntergang erstrahlt, ein kleines, verlorenes ICH in der Unendlichkeit der Zeit?

In einer Biografie über Marcel Proust las ich vor kurzem einmal die folgenden Zeilen: Prousts Hauptgestalten, Swann, Chorlus, Saint-Loup und Marcel selbst trachten alle nach der possession, toujours impossible, d’un autre être. Der Andere sein. Im Sein des Anderen, man selbst zu sein, bei sich zu sein, sich zu finden, wiederzufinden, zuhause zu sein. Eines gemeinsam ist ihnen Allen. Bei jedem von Ihnen entsteht die Liebe aus einem tiefen Bedürfnis nach Erfüllung im Unbekannten, nährt sich am Zweifel und stirbt im Oubli, nachdem sie den Kreis von desir, jalousie, souffrance bis zur grausamen Enttäuschung durchlaufen hat. Bei Proust setzt alle Qual der Liebe erst mit und nach dem Besitz des geliebten Menschen ein, weil von diesem Augenblick an, die Unerkennbarkeit des Anderen zur Behexung wird (zitiert nach Marcel Proust von Erich Köhler, Angelika Corbineau-Hoffmann).

Jede Woche aufs Neue die Suche nach dem perfekten ersten Satz, dem Einstieg, dem Wortlöser, der Inspiration aus Feenhand. Nachdem ich den vierten Schokoladen-Nikolaus im Frust und im vorgeschobenen Zorn über die immer früher und immer kommerzieller werdende Vorweihnachtszeit des Nächtens in mich hineingefressen hatte, war der Entschluss schlagartig gefasst. Das Thema gefunden, mein alter Freund Jörg zwecks Bilder informiert und der Titel zur Kolumne auch, wie im Vorübergehen aufgefangen.

Der Mensch denkt und … irgendwer lenkt. Wie auch immer. Auf alle Fälle kommt es halt immer anders. Und vor allem anders, als man es sich halt in seinem kleinen Köpfchen so denkt.

Wie uns Bilder prägen

Es gibt eine Mutterseelen-Einsamkeit, schrieb gestern mein Namensvetter Franz-Josef Wagner in der BILD anlässlich des Todes von Helmut Schmidt, doch
wenn man eine Zigarette hat, dann ist man nicht allein.

Für mich stirbt bei aller Hochachtung für unseren Altkanzler, jedoch nicht gleich auch das Rauchen an sich, auch wenn Helmut Schmidt mit Gewissheit, der letzte wunderbare, wenn nicht gar wundervolle Mensch war, der rauchte. Er war noch ein Kind als er die erste Kippe mit Loki rauchte. Der Aschenbecher und das Feuerzeug, Rauchwolken, in denen man das Denken zu greifen ahnt.

Es sind die Bilder im Kopf, die uns prägen, die uns helfen, die Welt zu deuten, sie zu verstehen, sie greifbar und begreifbar für neugierige Kinderaugen macht. Ich war noch ein Kind, als Helmut Schmidt Kanzler wurde, gerade einmal sieben Lenze. Deutschland wurde im eigenen Land Weltmeister, die zweite Generation der RAF hatte das Land verängstigt, was ich noch nicht verstand und auch nicht verstehen wollte. Man sieht nur mit dem Herzen gut, sagte meine Oma damals immer zu mir. Kinder tun dies irgendwie instinktiv, es wird ihnen sprichwörtlich mit in die Wiege gelegt. Das Fotoalbum noch fast leer. Nur einige, verschwommene, mehr nur zu erahnende Konturen von Bildern, die Wahrnehmung noch eingeschränkt im Radius des kleinen ICH. Vielleicht ist es auch deshalb so, dass diese ersten, diese ersten auch merklich abgelegten Bilder, die intensivsten, farbigsten und duftendsten sind. Rückblickend scheint man sie schmecken, riechen und fühlen zu können. Sie sind zur Behexung des eigenen Seins aufgestiegen. Im Guten wie auch im Schlechten. Sie prägen einen, führen und verführen einen immer und wieder aufs Neue, scheinen durch und geben Halt.

Bilder von Weihnachten zur Besinnung nutzen

Ob nun Weihnachten, das immer auch schöner, größer, ehrlicher, wohlschmeckender und aufregender war im Rückblick, oder ob es die Menschen sind, die einen von Kindesbeinen, leibhaftig oder nur aus dem fernen Medium des Fernsehen, des Radio und der Zeitungen, begleiten. Sie alle geben uns ein Gefühl von dem, wie es sich anfühlt, geborgen und Zuhause zu sein. Sie geben uns Halt und Orientierung und sagen uns auf die eine oder andere Art und Weise, wer wir sind, wer wir sein wollen, aber auch: wer wir scheinen wollen. Für uns und für – und auf – die signifikanten Anderen in unserem Leben. Vielleicht geben sie uns sogar auch von Zeit zu Zeit ein fast unbeschreibliches Gefühl des guten Lebens.

Ich kannte Helmut Schmidt nicht, ich bin ihm nie begegnet und doch scheint er mich fortwährend zu begleiten. Als Kind fühlte es sich gut an, ihn zu wissen. Er strahlte Ruhe, Souveränität und Gelassenheit aus. Ich fand ihn einfach nur cool, anfangs mit Pfeife, später in Menthol, doch das schiefe Schnütchen blieb, um es etwas salopp auf den Punkt zu bringen.

Es ist diese Grandezza, die ich immer zu spüren glaube, wenn ich an ihn denke und die Bilder in meinem Kopf betrachte. Und nach nur wenigen Augenblicken beschleicht mich dann das wohlige Gefühl und die Sicherheit, dass am Ende alles wirklich gut wird und wenn es noch nicht gut ist, es auch noch nicht das Ende sein kann, wie es einmal in einem Film so schön hieß. Mit Helmut Schmidt geht es mir auf jeden Fall von Zeit zu Zeit so.

Er ist ein Stück meiner Kindheit, ein wenig wie Beckenbauer, Gerd Müller, Grabowski und Hölzenbein. Auch wenn die WM 2006 gekauft wurde, wird Beckenbauer weiterspielen in mir, so oder so. Auch wenn ich mir in die Hosen machen und mich freiwillig zum Rauchen in die Kälte stellen muss, wird der Mut, die Einsicht und das Denken von Schmidt mir nicht nur ein Begleiter sein, sondern auch Ansporn, weiterzumachen, weiterzuleben, an das Gute zu glauben und es nicht nur zu erhoffen, sondern aus dem Denken darüber, auch das Gute mitzugestalten, wo immer ich, als kleines ICH es vielleicht auch tun kann.

Danke dafür!

Danke dafür, dass in all der Sinnlosigkeit der Welt, sinnliche Momente noch erlebbar und ergreifend bleiben.

Vielleicht ist der Tod von Helmut Schmidt daher auch einmal Grund genug für eine Zeit der Besinnung. Eine Besinnung über das, was uns ausmacht, was uns bewegt und uns Luft und Raum zum Leben gibt: Freiheit, Demokratie und Gleichheit.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne Vorweihnachtszeit mit viel Besinnung auf die eigenen Bilder.

Ihr
Ulrich B Wagner

 

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

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