Kolumnen

Tuğçe A. Eine Geschichte aus 1001 Nacht

Am vergangenen Mitwoch wurde die Studentin Tuğçe A. beerdigt, 1.500 Menschen begleiteten Tuğçe auf ihrem letzten Weg. Sie war von einem jungen Mann niedergeschlagen worden, nachdem sie zwei Mädchen zu Hilfe gekommen war, die dieser belästigt hatte. Nach zwei Wochen im Koma wurden am 28.11.2014 die Maschinen, die Tuğçe noch am Leben gehalten hatten, abgestellt. Aus diesem traurigen Anlass fragt sich Ulrich B Wagner in seiner heutigen Kolumne “QUERGEDACHT UND QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag”, was dieser Vorfall über unsere Gesellschaft, unsere Zivilcourage, unseren Mut, für die Schwächeren einzustehen, bedeutet.

 

Mut in Zivil ist besser als Tapferkeit in Uniform.

Erich Limpbach

An allem Unrecht, das geschieht, ist nicht nur der Schuld, der es begeht, sondern auch der, der es nicht verhindert.

Erich Kästner

Am 15. November wurde Tuğçe in einer feigen Tat ins Koma geschlagen, weil sie Zivilcourage zeigte und zwei jungen Mädchen helfen wollte.

Vor genau einer Woche wurden, im Anschluss an eine sehr bewegende Mahnwache vor dem Klinikum in Offenbach, die lebenserhaltenden Maschinen der für hirntot erklärten Studentin abgestellt, und vorgestern wurde Tuğçe von mehr als 1.500 Angehörigen, Freunden und Bewunderern zu Grabe getragen .

Es ist viel geschrieben, berichtet und geteilt worden in den letzten Tagen und Wochen über diese mutige und intelligente junge Frau, die ihre selbstlose Hilfeleistung mit ihrem eigenen Tod bezahlen musste.

Ich habe daher, wenn ich ehrlich bin, auch kurz überlegen müssen, ob ich selbst hierzu auch noch etwas schreiben und sagen sollte, oder ob meine Anerkennung und mein Respekt nicht doch besser in Stille gehüllt bleiben sollte.

Sei es drum.

Man kann nicht genug über Tuğçe berichten

Tuğçe hat es verdient. Man kann nicht genug darüber berichten, und ich hoffe aus ganzem Herzen, dass wir es in späteren Zeit auch noch tun werden, damit sie uns Vorbild aber auch Mahnung bleibt in solchen Momenten des Lebens, die der Zivilcourage bedürfen, und den Blick dann nicht feige abwenden. Dies ist mit Sicherheit mein wichtigster Beweggrund. Der andere jedoch ist mit Gewissheit diese Vielschichtigkeit, dieses Kaleidoskop unserer derzeitigen Verhältnisse, das sich mir angesichts dieses Falles vor meinem inneren Auge auftut.

Der Fall Tuğçe ist nicht eine Geschichte, es sind unendlich viele. Etwas nüchterner ausgedrückt, ist es ein schillerndes soziologisches Lehrstück in mehreren Akten.

Tugce
Tuğçe A. (Foto: privat)

Der Fall Tuğçe – Symptom gesellschaftlicher Probleme

Selbstverständlich geht es hierbei zuerst um das Thema Zivilcourage, es erzählt aber auch über gelungene und gescheiterte Integration, über ein ungleiches Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Eine gebildete attraktive junge Frauen auf der einen Seite, und ein frauenverachtender, aggressiver, ungebildeter junger Mann auf der anderen. Es geht um den Respekt und die Anteilnahme, die Tuğçes Fall deutschlandweit bekommen hat, es sagt jedoch auch etwas über unser Land aus, unsere Befindlichkeit und die Art und Weise, wie wir alle gerne als Gesellschaft und Gemeinschaft miteinander leben möchten. Darüber hinaus hinterlässt es in jedem von uns aber auch ein riesiges Fragezeichen. Ein Fragezeichen, wie wir wohl in Tuğçes Situation gehandelt hätten.

Was heißt Zivilcourage?

Doch der Reihe nach: Was heißt eigentlich Zivilcourage, und werden wir diese nach dieser Tragödie überhaupt noch zeigen? Oder werden wir uns jetzt noch mehr wegducken? Das befürchtete man auch nach dem Fall von Dominik Brunner, der 2009 starb, nachdem er einer Gruppe Kinder in der Münchner S-Bahn zur Hilfe geeilt war. Nein, wie es der Fall von Tuğçe eindringlich zeigte. Und das auch, weil Zivilcourage nicht die große heroische Tat sein muss, sondern ein sozialverantwortliches Handeln zum Schutz von bedrohten Mitmenschen darstellt, das jeder auch noch so schwache Mensch von uns zeigen kann, wenn es nur will: ob Schreien, Hilferufen, Hupen, andre Menschen aufmerksam machen oder sich schlicht gemeinschaftlich dazwischen zu stellen. Es gibt tausende Wege, Zivilcourage zu zeigen, solange, ja solange man nur den Mut aufbringt.

Zivilcourage heißt auch Aufmerksamkeit gegenüber den Mitmenschen

Wahrscheinlich gibt es tagtäglich viele dieser couragierten Menschen, die wir nie kennenlernen werden, da wir leider immer nur dann davon erfahren und/oder davon Kenntnis nehmen, wenn diese Akte der Zivilcourage, wie im Fall von Tuğçe oder Dominik Brunner, in einer Tragödie gipfeln. Eine gute Freundin schrieb mir in diesem Zusammenhang diese Zeilen: Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück in der Vernachlässigung eben dieser.

Wobei wir meines Erachtens auch bei einem zentralen Bestandteil der Zivilcourage sind: Der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gegenüber unserer Umwelt und unseren Mitmenschen. Es mag schwer sein, in den lärmenden und hektischen Städten, ob sie nun Berlin, Frankfurt oder Offenbach heißen, nicht mit Scheuklappen und Ohrenstöpseln herumzulaufen. Vielleicht könnte dieser Fall dahingehend auch etwas Gutes haben, dass wir uns alle zukünftig wieder ein wenig sensibler verhalten und die Panzer und Rollläden zumindest soweit öffnen, dass wir die Menschen um uns herum wahrnehmen können, die unserer Hilfe bedürfen.

Wieso gibt es noch immer so viel Ungleichheit zwischen den Geschlechtern?

Was bedeutet dieser Fall für unsere Gesellschaft? Was sagt er über sie aus, über Integrationspolitik und die Geschlechterverhältnisse? Warum gibt es auf der einen Seite, wie DIE ZEIT in der aktuellen Ausgabe beschreibt, immer mehr unabhängige, hochgebildete und attraktive Frauen, die es dennoch in ihrem vermeintlich fabelhaften Leben schwer haben und nicht selten allein bleiben. Für sie haben Partnervermittlungsagenturen den Begriff Premium-Single entworfen. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr ungebildete, hochaggressive, frauenverachtende, junge Männer ohne Verantwortung, Ziel und Verstand? Es sind beileibe nicht alles Jugendliche mit Migrationshintergrund, wie bei dem arbeitslosen 18-jährigen Senal M. aus Serbien, der in seiner sich über den ganzen lieben Tag gelangweilten Freizeit nur Gewalt und Menschenverachtung kennt. Wieso?

Anteilnahme im Fall Tuğçe zeigt, dass Zivilcourage noch etwas bedeutet

Am Ende bleiben viele Fragen, aber auch eine Gewissheit, dass unsere Gesellschaft noch richtig tickt, wie es die deutschlandweite Anteilnahme und Respektbekundung zeigt, die sich an den über 195.000 „Gefällt mir“-Angaben auf der extra eingerichteten Facebook-Seite „Tuğçe zeigte Zivilcourage, zeigen wir ihr unseren Respekt“, die über 2.500 Teilnehmer an der Mahnwache vor dem Klinikum oder die über 1.500 Menschen auf der gestrigen Trauerfeier sehr eindringlich aufzeigen.

Auch wenn noch viele Fragen offen sind, und die Trauer und die Fassungslosigkeit überwiegen, war Tuğçes Tod vielleicht doch nicht ganz umsonst, wenn er uns wachrüttelt, sensibilisiert, uns hilft, Antworten auf brennende Fragen zu finden, und uns ermutigt, ihrem Beispiel zu folgen, um beim nächsten Anlass selbst die Initiative zu ergreifen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr Mut zur Zivilcourage.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

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