Empfehlung

Unseligkeit oder der Versuch über die Liebesblödigkeit

Mancher findet sie nicht und verzweifelt darüber. Was nicht ist, kann noch kommen, und die Hoffnung stirbt bekanntlich erst zum Schluss. Trennungen hin oder her: Wer besser, will heißen gesünder und länger lebt, kann die Liebe ja dann immerhin vielleicht mehrmals erleben. Bis am Ende des Tages der letzte Groschen und die letzten Nerven aufgebraucht sind.

In allen anderen Lebensfragen legen wir in der Regel die Messlatte der Rationalität an. Nur beziehungstechnisch ticken wir dann komplett aus. Welcher Teufel reitet uns eigentlich, unser Wohlergehen, unsere psychische Gesundheit, unsere Familien auf die flüchtigsten Gefühle, das Beständigste auf das Vergänglichste, das Alltägliche auf das Außeralltägliche, das Reale auf das Romantische zu bauen. Es ist zum Haareraufen.

Mein Soziologieprofessor sprach hier immer von einem grundlegenden Konstruktionsfehler moderner Gesellschaften.

Wer am Ende dann noch die Liebe als freie Wahl wähnt, sollte sich mal fragen, wann er das letzte mal in den Schrank mit den Tassen in seinem Hirnstüberl geguckt hat. Liebe ist nicht frei. Sie ist von elementarer und archaischer Fremdbestimmung in der Gestalt des ach so geliebten anderen durchzogen, der ebenfalls frei ist zu lieben oder nicht mehr. Oder wie Karl-Otto Hondrich es auf den Punkt brachte: „Seine Liebe in ihrer Vergänglichkeit ist für mich Schicksal, so wie meine für ihn, aber auch seine für ihn und meine für mich: Niemand ist Herr der Liebe des Geliebten, auch nicht der eigenen Liebe. Die Liebe selbst wird zum Herrn, und damit zum Inbegriff der Unfreiheit, die aus der Freiheit selbst erwächstals ob alle Fremdbestimmungen der Welt sich zu einer einzigen zusammengezogen hätten.“

Verliebtsein mag schön sein. Doch wenn die rosarote Brille langsam aber sicher mit der Netzhaut verwächst und das eigene Leben nur noch zwischen der Angst hin und her pendelt, den anderen oder sich selbst zu verlieren, wird es langsam aber sicher sehr brenzlig. Wir sind Liebesjunkies, durch Filme wie Pretty Woman, Schnulzen von Lionel Ritchie oder ähnlichen Schmusedudlern, Romanen, allen möglichen Boulevardblättern und Kunstwerken von Kindesbeinen an mit dem Virus der romantischen Liebe angefixt.

Liebe, bitte nicht falsch verstehen, ich spreche hier einzig von dem romantischen Liebesideal, dass in unserer Gesellschaft mittlerweile schon zum Zwang wird, kann nicht nur destruktiv sein, sondern zur Sucht und Abhängigkeit ausufern. Und hier spätestens beginnt sie dann, die obige Spirale der Unseligkeit. Ich für meinen Teil definiere Liebe neu. Liebe muss kein Wahn sein. Die Welt wird auch ohne Märchenprinzen und -prinzessinnen weiterbestehen. Ich für meine Person halte es nunmehr eher mit dem gute alten Geheimrat und großen Liebhaber, der aus obigen Gründen die ganzen Romantiker, Kleists, Hölderlins und den Rest der großen „Minnesänger“ nicht schätzte und aus seinem Haus rauswarf.

Lieben sollte man dann aber trotzdem am Ende des Tages, denn wie Goethes es ausdrückte: Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein sonniges und liebevolles 🙂 Wochenende

Ihr
Ulrich B Wagner

——-

Über Ulrich B Wagner:

Ulrich B Wagner
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Christoph Schroeder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.