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Stress & Burnout: Unternehmen brauchen einen Tapetenwechsel

Interview mit Markus Väth. Bei den Worten „Reif für die Insel“ denken wir an Sommer, Sonne, Strand und vor allem Erholung. Der erfolgreiche Buchautor, freiberufliche Psychologe und Coach Markus Väth meint jedoch etwas komplett anderes. Was genau und was sich hinter den so genannten INSEL-Faktoren verbirgt, erläutert er im Gespräch mit AGITANO.

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Wichtiger Hinweis der Redaktion:

Markus Väth wird, am Montag, den 10.03.2014, im Kloster Eberbach, Eltville, auf dem Kongress Soul@Work zusammen mit weiteren renommierten Experten über Strategien, Tendenzen, Konzepte und innovative Ansätze zur Prävention von psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz informieren. AGITANO-Leser kommen Sie exklusiv in den Genuss einer vergünstigten Kongress-Eintrittskarte.

Mehr dazu unter folgendem Link.

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Schönen Guten Tag Herr Väth, bitte stellen Sie sich kurz vor?

Mein Name ist Markus Väth, ich bin Psychologe und arbeite als Coach, Trainer und Berater. Meine inhaltlichen Schwerpunkte liegen bei den Themen Selbstmanagement, Stress und Burnout. Vor meiner Selbständigkeit 2005 habe ich unter anderem als Personaler und als Business Analyst in der IT-Branche gearbeitet.

Herr Väth, auf dem Soul@Work Kongress sprechen Sie über „Reif für die Insel®“. Klingt irgendwie für viele bekannt. Was meinen Sie damit?

„Reif für die Insel“ meint ja eigentlich, dass man urlaubsreif ist, dass alles zu viel wird, dass man einen Tapetenwechsel braucht. Ich habe diesen Titel deshalb gewählt, weil wir beziehungsweise die Unternehmen tatsächlich einen Tapetenwechsel brauchen – was die Kompetenzen unserer Fach- und Führungskräfte angeht. Wir müssen uns in unserer vernetzten, globalisierten, hyperkommunikativen Arbeitswelt ganz neu fragen: Welche Fähigkeiten brauche ich für meinen Job? Und wie bekomme ich sie?

Sie sprechen hier von einer Art Selbstmanagement-Ansatz für die Führungskraft von heute. Wie sieht diese aus?

Selbstmanagement mit Hilfe des INSEL Modells
Das INSEL-Model (© Bild: Markus Väth)

Der Management-Autor Peter Drucker meinte einmal, jeder Wissensarbeiter müsse heute „sein eigener CEO“ sein. Dem stimme ich zu. Deshalb muss Selbstmanagement –  das heißt der psychologische Mechanismus der Selbstregulierung kombiniert mit einer gekonnten Arbeitsorganisation – der Kern jedes modernen, beruflichen  Kompetenzmodells sein. Nur mit Selbstmanagement als „Radnabe“ kann ich die anderen vier INSEL-Faktoren (s. Abb. rechts) angehen: Informationskompetenz, Netzwerk-Kompetenz, ethische Kompetenz und Führungskompetenz. Die fünf Faktoren spiegeln ganz praktisch die Dinge wider, mit denen jede Führungskraft zu tun hat: die eigene Person, die zu erledigenden Aufgaben, Information und Kommunikation, andere Menschen, das Streben nach höherer Orientierung und Führung als besondere Situation.

Wie kann ich diesen in meinen Alltag integrieren?

Letztendlich läuft es auf fünf Fragen hinaus, die jeder für sich beantworten sollte:

1. Wie gehe ich ökonomisch mit Informationen um?
2. Wie handle ich sozial und emotional professionell?
3. Wie kann ich mich in meiner Arbeit effektiv und effizient organisieren?
4. Welchen Sinn finde ich in meiner Arbeit?
5. Welche Art von Führungskraft will ich sein?

Dies klingt alles recht einfach. Nur der Alltag sieht doch etwas anders aus. Wie schaffe ich, dass ich dies nachhaltig auch mache und dran bleibe?

Lesen Sie mein Buch! Spaß beiseite: Wenn Sie für sich Dinge verändern wollen, hilft Ihnen zum Beispiel die „+1“-Methode: Nehmen Sie sich nur eine Sache auf einmal vor. Wenn das klappt, gehen Sie über zur nächsten. So erhalten Sie Ihre Motivation: durch kleine Schritte und häufige Erfolgserlebnisse. Das ist übrigens die klassische Bergsteiger-Methode: Nur Unerfahrene rennen einen Berg hoch; der erfahrene Bergsteiger geht langsam, aber gleichmäßig. Ein anderer Tipp: Wenn Sie über Ihr Selbstmanagement nachdenken oder über die obigen fünf Fragen, dann schreiben Sie alles auf, was Ihnen dazu durch den Kopf geht: Ideen, Gefühle, vergangene Situationen et cetera. Solange Sie Ihre Gedanken nicht zu Papier bringen, wird sich Ihr Geist nicht klären und Sie doktern immer an den gleichen mentalen Stolpersteinen herum. Das gilt übrigens für fast alle Probleme im Leben.

Ihr Ansatz ist ja gezielt für Führungskräfte selbst. Was können Unternehmen noch zusätzlich machen, um den Stress für ihre Mitarbeiter zu reduzieren und die Gesundheit und somit die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu verbessern?

Ein Unternehmen sollte zunächst ehrlich einschätzen, wie viel es bereit ist zu tun. Eine Schale mit Äpfeln in die Kantine zu stellen, ist leichter als die Aufgabenverteilung oder die Prozesse zu prüfen, ganz zu schweigen von der ganzen Unternehmenskultur.


Wenn ich weiß, wie viel ich investieren will, muss ich in einem nächsten Schritt entweder intern Sachverstand aufbauen oder extern einkaufen. Und diese Leute können schließlich beurteilen, was im Unternehmen individuell Sinn macht. Da gibt es keine „one size fits all“-Lösung.

Man könnte zum Beispiel unternehmensweit Gesundheitskennzahlen prüfen und die dann in die Zielvereinbarung der Führungskräfte schreiben. Oder man versorgt alle Mitarbeiter mit einem Grundkurs „Stressmanagement“. Das kann auch schon etwas bringen. Wissen ist der erste Schlüssel zur Veränderung. Der zweite ist Können und der dritte das Umsetzen.

Was erwartet Teilnehmer in Ihrem Vortrag auf dem Soul@Work-Kongress?

Die Lösung all ihrer Probleme! Naja, wohl eher nicht. Ich kann ein Fenster öffnen, einen Impuls geben: Schaut her, das ist meine Idee für euer Unternehmen, ganz konkret, von der Theorie bis zum fertigen Personalentwicklungsinstrument. Vielleicht taugt sie euch, vielleicht nicht. Aber gerade für das Selbstmanagement, wie wir es heutzutage brauchen, gilt der viel zitierte Spruch von Victor Hugo: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist!“

Herr Väth, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Interview führte Oliver Foitzik (Herausgeber AGITANO– & HCC-Magazin)

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Über Markus Väth:

Stress, Burnout, Selbstmanagement
(© Foto: Markus Väth)

Nach dem Studium der Diplom-Psychologie arbeitete Markus Väth zunächst als therapeutischer Lehrgangsleiter beim BFI Nürnberg, einem privaten Bildungsträger. 2003 wechselte er in die Personalabteilung des Softwareherstellers SUSE Linux GmbH. Nach der Übernahme der Firma durch die amerikanische Novell, Inc. übernahm er in der Stabsabteilung Business Development die Position eines Business Analyst. Hier leitete er unter anderem mehrere Projekte mit Einsätzen in Irland, Großbritannien, Holland und Deutschland. 2005 kündigte Väth und gründete die Beratungsfirma Mensch & Chance. Seither ist er als freiberuflicher Psychologe mit den Schwerpunkten Coaching, Training und Beratung tätig. Mehr über Markus Väth im Internet unter www.markusvaeth.com.

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