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Sucht ist ein mächtiges „Scheiß-Spiel“!

Heavy-Metal-Coach Rainer Biesinger im Interview mit AGITANO. Für immer mehr Angestellte gehört Stress, Zeitdruck und die damit verbundene ständige Überforderung zu ihrem Arbeitsalltag. Nicht wenige verarbeiten diese durch die Einnahme stark wirksamer psychotroper Substanzen – gemeinhin auch Drogen genannt. AGITANO sprach mit Rainer Biesinger, früher selbst drogensüchtig, über sein exzessives Leben, wie er sich erfolgreich aus dem Drogensumpf zog und inzwischen Führungskräfte dabei berät, Suchterkrankungen bei ihren Mitarbeitern nicht nur zu erkennen, sondern sie auch auf dem Weg zur Heilung zu begleiten.

Wichtiger Hinweis der Redaktion:

Sucht Burnout Stress depression
Der Persönlichkeitstrainer erklärt im Interview mit AGITANO, wie Führungskräfte suchtkranke Mitarbeiter erfolgreich begleiten können (© Foto: Rainer Biesinger).

Rainer Biesinger wird, am Montag, den 10.03.2014, im Kloster Eberbach, Eltville, auf dem Kongress Soul@Work  zusammen mit weiteren renommierten Experten über Strategien, Tendenzen, Konzepte und innovative Ansätze zur Prävention von psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz informieren. AGITANO-Leser kommen exklusiv in den Genuss einer vergünstigten Kongress-Eintrittskarte.

Mehr dazu unter folgendem Link.

Interview mit Rainer Biesinger:

Schönen Guten Tag Herr Biesinger, bitte stellen Sie sich kurz vor?

Seit 2005 arbeite ich als selbstständiger Persönlichkeitstrainer, Keynote-Speaker und Coach mit Menschen und Unternehmen, die in privaten und beruflichen Situationen an ihre persönlichen Grenzen geraten sind. Meine persönliche Biografie ist seit frühester Jugend geprägt von massiven Extremerfahrungen und einem exzessiven Leben auf der Überholspur. Seit annähernd 18 Jahren lebe ich komplett alkohol- und drogenfrei.

Herr Biesinger, Ihre Geschichte klingt mehr als nur interessant. Sie haben von Alkohol über Tabletten bis hin zu Heroin nichts ausgelassen. Wie kam es dazu?

Mehr als nur interessant!? Ich weiß nicht!? Sucht ist ein mächtiges „Scheiß-Spiel“! Sie zerbröselt die härtesten Charaktere und macht dir die Welt zum Feind. Heute weiß ich, dass mangelnde Selbstbestimmtheit, Unwissenheit, gefährlicher Leichtsinn, aber auch fehlende Bewältigungs-Strategien im Alltag die Auslöser meiner ganz persönlichen Suchtgeschichte waren. Fakt ist aber auch, dass wir alle die Pulle oder Pumpe immer selbst ansetzen.

Sie galten lange Jahre als nicht therapierbar. Wie haben Sie es trotzdem geschafft? Was hat sie aus dem Sumpf der Sucht gezogen?

Gerade deshalb habe ich es geschafft! Sucht kann nicht wegtherapiert werden. Nur der Süchtige selbst kann sein eigenes Verhalten ändern, niemand sonst! Das setzt zunächst das bedingungslose Eingeständnis einer Sucht und die damit verbundene persönliche Bankrotterklärung voraus. Erst als ich zum zigsten Mal mit der Oberkante der Unterlippe in der Scheiße steckte, wirklich alles verloren hatte und mir schmerzhaft klar wurde, dass ich diesem, durch alle möglichen subtropischen Substanzen, in mir gezüchtete Dämon nicht mehr Herr wurde und komplett durch die Suchtmittel fremdbestimmt war, wachte ich auf. Ich fasste den kompromisslosen und konsequenten Entschluss, mein Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen.

Erst in diesem Prozess der zunehmenden Nüchternheit und Klarheit wurde mir bewusst, dass ich mir meine eigenen Wurzeln aus dem Grund reißen und mir einen neuen fruchtbaren Acker suchen musste. Das bedeutete eine komplette Veränderung der eigenen Persönlichkeit und war kein Zuckerschlecken. Diese intensive Auseinandersetzung und Arbeit am eigenen Selbst mündete im Anschluss an die Abhängigkeit in einer dreijährigen schweren Depression. Ich hatte mich seit meinem 13. Lebensjahr durch die Drogen verursachten gefährlichen Bewusstseinserweiterungen und massiven Grenzüberschreitungen innerhalb meiner persönlichen Erlebnis- und Gefühlswelt soweit von mir selbst entfernt, dass ich über lange Zeit in dieser normalen, realen Welt weder Lustgewinn noch Lebensfreude empfinden konnte.

Gott sei Dank habe ich seit jeher einen sehr starken Überlebenswillen und Dickschädel – Fluch und Segen zugleich 🙂 . Ich habe mich selbst erzogen.

Wie häufig sind solche, ähnliche oder anders gelagerte Fällen von Sucht in Unternehmen?

Sucht ist ein leidiges und unangenehmes Thema, die Literatur ist schwammig, die Dunkelziffer immens. Offizielle Statistiken sprechen davon dass jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland suchtgefährdet ist. Ich bin der Meinung, das ist untertrieben. Jeder Mensch verfügt über ein gewisses Suchtpotential!

Schauen Sie sich doch einfach mal bewusst in Ihrem persönlichen Umfeld um – wer was alles, und auch zu welchen Gelegenheiten so wegballert?!

Solange der Mensch an sich funktioniert ist ja auch alles in Ordnung.

Was ist mit „Mamas little helpers“ aus dem ganz persönlichen „Erste-Hilfe-Kasten“?! Zum Beispiel die Hallo-Wach-Pille, der Betablocker, die Kopfschmerztabletten, der Cognac im Kaffee oder auch die Line Koks, der Joint zum Entspannen, der einarmige Bandit zum Abchillen, die Glotze und das Internet zum Wegbeamen, das Extremshoppen und Sammeln von Statussymbolen, Frustfressen und so weiter … ? Sehr oft werden diese persönlich erprobten Bewältigungsstrategien und Belohnungssysteme im Umgang mit gefühlten Belastungen am Arbeitsplatz und in privaten Problemfeldern erfolgreich angewandt.

Doch wo fängt Sucht an und wo hört sie auf? Hinter jeder Sucht verbirgt sich ein ganz persönliches Einzelschicksal. Manch einer schafft es ein Leben lang, nicht auffällig zu werden. Falls doch – ist das Geschrei groß.

Seite 2: Drogen machen einen super Job

Christoph Schroeder

Ein Kommentar zu “Sucht ist ein mächtiges „Scheiß-Spiel“!

  1. Respekt!!!
    Sehr interessantes Interview.
    Klasse, dass Herr Biesinger den Entzug geschafft hat, durchhält und seine Erfahrungen nutzt, um andere Menschen darauf aufmerksam zu machen und zu unterstützen.
    Herr Briesinger sagt: “Erkennen kann nur, wer seine Mitarbeiter kennt! Dazu gehört Vertrauen, Offenheit, Wertschätzung und ein generelles Interesse am Menschen selbst!”
    Ich denke, dass auch die Präventionsarbeit wichtig ist: wer als Chef an der Gesundheit seiner Mitarbeiter interessiert ist und sie vor dem Weg in die Sucht schützen möchte, sollte darauf achten, dass sie nicht unter Dauerstress und Überarbeitung am Arbeitsplatz leiden. Wer dauerhaft 120 % Leistung und alles möglichst schnell bringen soll, kann das einfach nicht 40 Stunden in der Woche (oder noch länger) leisten. Da dieser Fakt in unserer schnelllebigen Gesellschaft ein wachsendes Problem ist, werden auch weiterhin Arbeitnehmer Dinge suchen, die sie dabei unterstützen oder von der Arbeit ablenken.

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