Kolumnen

Verstehen Sie Spaß? Lakonie & Facebook – Über ein Leben zwischen den Zeilen

In seiner wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ setzt sich Ulrich B Wagner mit aktuellen Aufregern auseinander. Nach den nachdenklichen Tönen zum Tod von Robin Williams in der vergangenen Woche (Komik und Depression – über das umgekehrt Erhabene im Leben von Robin Williams) knüpft Ulrich B Wagner mit seiner heutigen Facebook-Schelte eher an vorvergangene Woche “Lachen verboten… oder: Die spinnen die Türken!” an.

 

Wer Spaß versteht, weiß auch, was Ernst ist.
(Verfasser unbekannt, aus den »Fliegenden Blättern«, humoristisch-satirische Zeitschrift,
erschienen 1845-1928 bei Braun & Schneider, München)

Wir müssen die Dinge lustiger nehmen, als sie es verdienen,
zumal wir sie lange Zeit ernster genommen haben, als sie es verdienen.

(Friedrich Wilhelm Nietzsche)

Mir nützt kein Riesenspaß.
Ich habe eine Einraumwohnung.
(Erhard Horst Bellermann)

 

Lakonie: Die Sprache der Schweigsamen

Ich liebe die Filme von Aki Kaurismäki, der den meisten von uns wohl mit seinem grandiosen Film “The Leningrad Cowboys” in Erinnerung geblieben ist. Kaurismäki ist ein Virtuose und Urvater der Lakonie im Kino. Seine Filme sind stets von Helden bevölkert, die in der Regel nicht viel sagen und sich kaum bewegen, während ihnen das Schicksal Streiche spielt.

Rainer Gansera, der für die Filmzeitschrift epd arbeitet, beschrieb Kaurismäki einmal wie folgt: „Gut gekühlter Weißwein, Zigaretten, eine nach der anderen, leise Stimme, fast flüsternd, als wolle er – wie ein Hypnotiseur – sein Gegenüber ganz und gar auf die beschwörende Stimme konzentrieren. Keinerlei expressive Gesten. Seine Filme sind schlingernde Stimmungsreisen: durch Hochs und Tiefs, durch Abgründe (erst allmählich bemerkt man, dass es vor allem die Abgründe des Selbstzweifels sind) und Erleuchtungen, grundiert von einem scharfkantigen, trockenen Humor.“

Ob Zufall oder nicht, ist die Hauptrolle in sieben von zehn Lakonie-Filmen männlich besetzt. Den Vorwurf, nicht genug zu sagen, kennen wohl viele von uns, zugegeben wohl hauptsächlich wir Männer, aus der einen oder anderen Auseinandersetzung in der Beziehung. Echte Lakonie geht jedoch einen Schritt weiter. Denn echte Lakonie ist Ausdruck einer Weltempfindung, die die Wechselfälle des Lebens mit einer gewissen Ruhe und einem trockenen Schuss Selbstironie hinnimmt und ebenso auf sie reagiert, auch wenn dabei oftmals das eine oder andere Salzkorn der Melancholie mit von der Partie sein mag.

Griechenland: die Wiege der Lakonie

Den Ursprung hat die Lakonie im guten alten Griechenland. Die Ausdrucksweise der Lakonie, eine Sprache von der Gustave Flaubert einmal behauptete, dass sie nicht gesprochen wird, womit er glücklicherweise nicht recht behalten hat, galt einst als charakteristisch für die Bewohner Lakoniens. Lakonien ist ein Landstrich des Peloponnes im antiken Griechenland, der von den für ihre Wortkargheit berühmt und berüchtigten Spartanern besiedelt wurde. Hintergrund der lakonischen Kürze war der militärische Befehlsstil. Als Philipp II. mit seinem Heer herannahte, sandte er der Legende nach folgende Drohung an die lakonische Hauptstadt Sparta: „Wenn ich euch besiegt habe, werden eure Häuser brennen, eure Städte in Flammen stehen und eure Frauen zu Witwen werden.“ Darauf antworteten die Spartaner: „Wenn.“

Die Sprache der Lakonie bietet offene Räume, Deutungsräume, ein Lesen, ein Verstehen und Missverstehen zwischen den Zeilen, ein Lauschen und ein Hineinhören in das fast unmerklich Nichtgesagte.

Diese grandiosen Zwischenräume sind das Salz in der Suppe. Damit ist die Lakonie die Essenz für eine gelungene Satire. Erst sie bieten den Raum für dieses schelmenhafte Grenzgängerische zwischen wahr und falsch.

Lakonie, Satire
Für Mama. Solcherartige Satire soll auf Facebook künftig gekennzeichnet werden (Bild: Wolfgang Pfensig / pixelio.de)

Satire online…

Meisterliche Beispiele hierfür bietet das amerikanische Satiremagazin “The Onion” oder dessen deutschsprachiger Ableger “Der Postillon”, die mit Meldungen wie der folgenden nicht nur in den sozialen Netzwerken immer wieder für Verwirrung und Missverständnisse sorgen: Als die deutsche Nationalmannschaft WM-Gastgeber Brasilien im Halbfinale mit 7:1 besiegte, vermeldete „Der Postillon“, dass ein Wirt kurz vor dem Ruin stehe, weil er jedem Gast für jedes deutsche Tor einen Schnaps auf Kosten des Hauses versprochen hatte. 62 Menschen lägen nun mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus, der Kneipenbesitzer habe sich eine Sehnenscheidenentzündung zugezogen. Was für uns Satireliebhaber nach einem gelungenen Spaß klingt, wurde vom russischen Staatssender „Rossija 24“ als bare Münze genommen und umgehend als Tatsache verbreitet, andere osteuropäische Medien folgten auf den Fuß.

Noch schöner wird es aber, wenn diese Meldungen auf Facebook gepostet und geteilt werden, und man sich dann schon kurze Zeit später die Kommentare so mancher vom Spaß unberührter Facebook-Nutzer zu Gemüte führen kann, die in ihrem tristen und grauen Gutmenschentum alles zu schnell für bare Münze nehmen und dieses Forum für ihre wohlgemeinten Belehrungen und Kommentare nutzen.

Allein diese Konversationen sind für mich eine wahre Freude und eine unergründliche Labsal in so manchen tristen Stunden, die das Leben nun mal von Zeit zu Zeit für bereithält.

…kennzeichnungspflichtig?!

Und nun das: Facebook kennzeichnet jetzt Satire-Postings

Facebook-Nutzer können anscheinend satirische und „echte“ Meldungen, die durch den eigenen Newsfeed laufen, nicht unterscheiden. Als Beweis hierfür werden gerne die oben schon beschriebenen Kommentare und Konversationen einiger anscheinend mit der Beißzange auf die Welt gekommener User angeführt: http://de.webfail.com/94c2ae787c4 .

Initialzündung für diese kommunikative Glanzleistung Konversation im Netz war der grandiose Artikel im „Postillon“ zum Thema Seniorenklappe unter dem Titel: Hilfe für überforderte Angehörige: Köln richtet erste Seniorenklappe ein (http://www.der-postillon.com/2014/01/ausweg-fur-verzweifelte-angehorige.html).

Wobei es angesichts der obigen Ankündigung eigentlich nur darauf hinzuweisen gilt, dass diese Androhung der Facebook-Oberen für sich selbst genommen schon wieder Lakonie pur ist. Denn das, was uns die Spaßbremsen und Kellerlacher aus Menlo Park weismachen wollen, nämlich dass die Kennzeichnung dringend notwendig sei, weil ansonsten kein nennenswerter Unterschied zwischen ordentlich recherchierten journalistischen Beiträgen und grobem satirischem Unfug bestehe, so wie Pfannkuchen, Würstchen und Kartoffelsalat, wie “Der Postillon” treffend anmerkte, hält selbst wieder genug Platz frei für die eine oder andere Spekulation.

Erstens beweisen die Zuckerbergs & Co. das, was sie uns schon als Schüler unter Beweis stellten: Sie verstehen schlicht und einfach keinen Spaß. Satire und Lakonie sind nur zwei Fremdwörter für sie. Zweitens sind sie so von ihrer vermeintlichen Genialität begeistert, dass sie jeden anderen Mitmenschen schlicht als Vollhorst betrachten, und drittens zeigt es, dass Facebook schlicht und einfach eine Plattform ist, die sprichwörtlich platt ist. Sollte dieser Schwachfug auch in Deutschland Einzug halten, wird es auf jeden Fall Zeit für mich, meinen Facebook-Account ein für alle Mal zu löschen

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr lakonischen Sprachwitz.

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ihr
Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Oliver Foitzik

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