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„Ein stabiles Vertrauensklima sorgt für effiziente Prozesse und zufriedene Mitarbeiter“ – Interview mit Prof. Dr. Tom Sommerlatte

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Manager erkennen zunehmend, wie wichtig das Vertrauensklima in Unternehmen ist. Vertrauen als menschliche Qualität gilt als „softer“ Faktor: schwierig zu messen, nicht verlässlich zu beeinflussen. Doch die Vertrauensforschung hat empirisch nachgewiesen, dass Vertrauensmessung und gezielte Vertrauenssteigerung möglich sind und erstaunliche Ergebnisse liefern, wie Tom Sommerlatte (Vorstandsvorsitzender des Trust Management Instituts e.V. (TMI) und Aufsichtsrat der mmc AG) weiß.

Mitarbeiter zu kontrollieren kostet viel und bringt nichts

Angeblich stammt der Satz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ von Lenin. Was halten Sie von diesem Motto?

Gar nichts! Denn übertriebene Kontrollen mit immer ausgefeilteren Mechanismen schaffen eine Kultur des Misstrauens. Wohin das führt, haben wir in den letzten Jahren immer wieder erfahren: Die überwachten Kassiererinnen bei Lidl bescherten dem Unternehmen herbe Umsatzeinbrüche. Der Kontrollwahn bei Schlecker trieb das Unternehmen in die Pleite. Und erst vor einigen Tagen unterlag in Erfurt ein Arbeitgeber beim Arbeitsgericht, weil der den PC seines Mitarbeiters ausspioniert hatte.

Wieso wird Vertrauen im Geschäftsleben immer wichtiger?

Wir leben in unsicheren Zeiten. Megatrends wie die Globalisierung und die Digitalisierung werfen Errungenschaften und Prinzipien des industriellen Zeitalters über den Haufen. Arbeitsverhältnisse wandeln sich, werden flexibler, Berufsbilder werden obsolet und durch neue ersetzt. All das verursacht Unsicherheit bei allen Beteiligten. Um die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern und Unternehmen zu erhalten, ist deshalb ein Grundvertrauen notwendig. Es signalisiert „Wir schaffen das gemeinsam.“ Nur so können alle an einem Strang ziehen, zum Wohle des Unternehmens und zum Wohle des Einzelnen. Transformationsprozesse, wie sie derzeit in vielen Unternehmen notwendig sind, bringen nicht die angestrebten Ergebnisse, wenn sie eine Misstrauenskultur herbeiführen. Vertrauen mobilisiert Kräfte – Angst lähmt dagegen.

Ohne zwischenmenschliches Vertrauen kein Vertrauensklima

Sie haben es angesprochen: Vertrauen muss zwischen Mitarbeitern und Führungskräften, aber auch in das Unternehmen insgesamt bestehen. Können Sie diese Dimensionen noch genauer erklären?

Beim Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Führungskräften sprechen wir von einer menschlich-emotionalen Vertrauensbasis, ebenso beim Vertrauensverhältnis zwischen Geschäftspartnern. Das ist sozusagen die zwischenmenschliche Ebene.

Dann gibt es noch die Systemebene. Das Systemvertrauen zeigt an, inwieweit die Mitarbeiter und Führungskräfte ihrem Unternehmen insgesamt vertrauen. Dazu gehört eine offene Kommunikation, transparente Informationen und die Möglichkeit, an strategischen Entscheidungen teilzuhaben.

Beide Dimensionen hängen natürlich miteinander zusammen: Wenn das zwischenmenschliche Verhältnis von Misstrauen geprägt ist, dann kann sich auch kein Systemvertrauen entwickeln. Anders formuliert: Wenn zwischen Führungskräften und Mitarbeitern ein von Offenheit geprägtes Vertrauensklima herrscht, dann ist in der Regel auch das Systemvertrauen stabil.

Wie können Unternehmen feststellen, ob bei ihnen das Vertrauensklima in Ordnung ist?

Vertrauen zu messen ist in der Tat nicht so einfach. Es gibt aber verschiedene Indikatoren, die anzeigen, wie hoch das zwischenmenschliche und das Systemvertrauen in Unternehmen sind. Das sind z.B. klare Kommunikation, sichere Beschäftigungsverhältnisse, verlässliche Spielregeln, Raum für Initiativen, Vorschläge und Innovationen und die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen. Zudem zeigen Untersuchungen, dass die Verbesserung des Vertrauens messbare Unternehmenserfolge produziert.

Das Interesse der Wirtschaft an der Erforschung von Vertrauensmessung und Vertrauenssteigerung nimmt jedenfalls rapide zu. Forschung, wie sie das Trust Management Institute e.V. betreibt, wird zum großen Teil aus der Wirtschaft finanziert. Denn immer mehr Unternehmenslenker haben mittlerweile erkannt, wie wichtig ein stabiles Vertrauensverhältnis für die Unternehmensperformance ist.

Lieber Herr Sommerlatte, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

Das Interview mit Prof. Dr. Tom Sommerlatte, Vorstandsvorsitzender des Trust Management Instituts e.V. und Aufsichtsrat der mmc AG, führte Dr. Katja Heumader, Redakteurin AGITANO.

Katja Heumader

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