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Buchtipp, Interview: „Finde Dein Lebenstempo – Mit dem richtigen Tempo zu mehr Leben“

Inwieweit sind das richtige Lebenstempo und Kreativität miteinander verbunden?

Kreativität bedeutet für mich, mit dem Lebenstempo spielerisch umzugehen, manchmal auch zu improvisieren oder Neues auszuprobieren. Was nicht immer einfach ist, ich gebe es zu. Vor allem weil uns die Zeit viel zu schnell vergeht. In meinem Buch beschreibe ich, dass ausgetretene Pfade, die uns vertraut sind, bevorzugt werden. Der beschwerlichere Weg mit der schöneren Aussicht, den wir aber noch nicht kennen, den vermeiden wir lieber. Wir fürchten uns vor dem Unbekannten und davor, dass uns das Neue Zeit raubt.

Raus aus dem Hamsterrad kann also bedeuten: Ich gehe jetzt mal bewusst genauso langsam wie die alte Dame vor mir und genieße ein neues Tempo oder ich warte an der roten Ampel oder ich gehe nach dem Mittagessen noch eine Runde raus und erlebe die Natur mit allen Sinnen: Was sehe, höre, rieche ich? Vielleicht bringe ich meiner Kollegin oder meinem Chef ein Eis mit? Oder mache früher Feierabend und spiele mit meinen Kids oder überrasche meinen Mann mit einem leckeren Picknick am Samstag. Auf welchen Hut/Rolle könnte ich probehalber mal 8 Wochen verzichten? Nur mal probehalber überlegt!

Es sind die kleinen Veränderungen. Nicht die großen Umbrüche, die das Lebenstempo angenehmer werden lassen, so dass es sich gut und richtig anfühlt.

Sie encouragieren die Menschen, ihre Zeit nicht mehr zu managen, sondern „zeitklug“ zu werden. Was ist der Unterschied bzw. die Wirkung?

Die klassischen Zeitmanagementtools sind nach wie vor wichtig, finde ich. Ich selbst schreibe täglich meine To-do-Liste, setze Prioritäten. Zeitklug werden heißt, dass ich an stressigen genauso wie an Tagen, an denen ich nicht ganz so fit bin wie üblich, meine Pläne umwerfe und meinen Terminen mit einem Augenzwinkern begegnen. Natürlich sage ich keinen wichtigen Kundentermin ab (oder doch und vertraue auf einen besseren Tag?). Ich kann dafür sorgen, dass ich vor oder nach dem Termin Zeit frei schaufle z.B. für einen Spaziergang, anstatt mich um das nächste Projekt zu kümmern. Die eigene Befindlichkeit, die äußeren Anforderungen die wir nur wenig beeinflussen können, Lebensumstände, die nicht zu ändern sind – da können wir managen so viel wir wollen, es wird immer etwas dazwischen kommen. Und darum geht es oft, dass wir das zu wenig berücksichtigen, unser Lebenstempo inklusive.

Sie fragen mich nach der Wirkung? Gelassenheit darf sich breit machen. Auch Vertrauen darauf, dass wir trotzdem das Wichtige nicht aus den Augen lassen. Wir gehen mit der Zeit- und Tempowelle. Wenn wir uns dagegen stemmen, kostet das viel Kraft. Wenn wir sie aber wie ein Surfer nehmen, dann gleiten wir dahin: mal haben wir besten Rückenwind, dann wieder eine Flaute …

Sie schreiben über Lebenstempo-Regler, die wir uns setzen müssen. Wie gehen wir da vor, in einem Alltag, der von einer Flut von e-Mails und sonstigen Reizen und Unterbrechungen geprägt ist?

Die Lebenstempo-Regler, so wie ich sie in meinem Buch beschreibe, werden am besten kreativ genutzt, um Neues zu entdecken bzw. erstmal zu erkennen „welcher Typ bin ich denn so?“ Pro Reglerpaar habe ich zwei Tempo-Typen definiert. 7 Regler habe ich beschrieben mit 14 Tempoausprägungen.

Wenn ich beispielsweise immer alles gerne verplane, lese ich 3 Übungen um das Gegenteil auszuprobieren: weniger planen, mehr improvisieren.

Man kann sich z.B. jede Woche eine neue Übung (aus den insgesamt 42 Regler-Übungen) vornehmen und ausprobieren und das eigene Tempo beobachten. Wann ist es wichtig, Dinge oder Vorhaben zu planen? Was passiert eigentlich, wenn ich mal einen ganzen Tag ungeplant verbringe? Wie wäre es mit einem internetfreien Samstag oder Sonntag?

Was können Unternehmen und Führungskräfte tun, um das richtige Lebens- und damit Arbeitstempo in ihren Mitarbeitern wachzurufen?

Zuerst einmal sollten Unternehmen erkennen, dass es verschiedene Geschwindigkeits-typen gibt in Sachen Zeit und Tempo. Sensibel werden fürs Thema, schlage ich vor. Denn: Die einen sind von Haus aus schnell-schnell, die anderen eher besonnen. Die einen eher ungeduldig, die anderen dagegen können für langfristige Projekte einen guten langen Atem entwickeln. Dann gibt es die Leisen und die Lauten. Ich habe mit den 7 Lebenstempo-Reglern ja 14 Tempotypen geschaffen. Und jeder Typ kann mit 3 Übungen ausprobieren, das jeweils unbekannte Terrain auszuprobieren. Die Ungeduldigen sollen z.B. ausprobieren sich in Geduld zu üben. Die „Lauten“ lernen Brücken zu bauen zu ihren introvertierten Kollegen.

Wenn jeder – egal ob Führungskraft oder Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung – am richtigen Ort sitzt, sprich das tut, was ihm wirklich liegt – eben auch in Sachen Tempo – dann kann effektiv gearbeitet werden, können alle voneinander profitieren und sich in ihren Stärken unterstützen. Die einen fühlen sich eben herausgefordert, wenn der Tag viele unterschiedliche und auch kurzfristige Aufgaben bereithält, andere dagegen wollen genau planen und sind umso effizienter, wenn man sie bei ihren Aufgaben in Ruhe lässt und es keine Störungen gibt.

Nicht jeder will entschleunigen und braucht Langsamkeit. Im Gegenteil!

Zum Abschluss, Ihre 5 wichtigsten Lebenstempo-Tipps für unsere Leser, zum täglichen Anwenden.

1. Sie sind OK mit Ihrem Lebenstempo. Meine Einladung: Das allerwichtigste Projekt an den Anfang des Tages stellen … und dann 90 bis 120 Minuten ungestört dran arbeiten, das gibt ein enormes Gefühl von Zufriedenheit, das käme dem „in Ruhe ungestört arbeiten“ entgegen. Dann erst kommen Mails, Meetings, Gespräche usw. Dann kann das Tagestempo schneller, wendiger, gerne auch mal hektischer werden.

2. Das was einem wirklich wichtig ist: die eigenen Werte, Bedürfnisse, Rollen immer wieder – wie bei einem Jour Fixe z.B. alle 4 – 8 Wochen – regelmäßig festschreiben, überprüfen, nachjustieren – Machen Sie einen regelmäßigen Termin mit sich selbst!

3. Nicht entweder oder sondern sowohl als auch. Das ist was ich meinen Klienten manchmal signalisiere. Dann fühlen sie sich erleichtert. Also nicht schnell oder langsam sondern sowohl als auch. Je nach Tagesform und Tagesanforderung. Kleine regelmäßige Schritte in Richtung Veränderung sind wichtig. Nicht die großen Lebensumbrüche.

4. Anzeichen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopf- oder Rückenschmerzen ernst nehmen … entschleunigen heißt nicht, langsam werden, aber: die Lebensgeschwindigkeit abbremsen und regelmäßig Pausen machen. Außerdem: Üben – Üben – Üben.

5. „Zeit für mich“ ist das, was sich die meisten Menschen sehnlichst wünschen und zu wenig berücksichtigen: „Mal in Ruhe ein Buch lesen“ „Mal mit niemandem reden müssen“. Was ist „Zeit für mich“? Das ist auch sehr individuell. In den Kalender einplanen und auch einhalten und TUN! So wie wir das Gespräch mit unserem Chef/Kunden ernst nehmen oder unseren Tennis- oder Kegelabend wichtig nehmen.

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Über Petra Schuseil

Für Petra Schuseil kommt es im Leben auf das richtige Tempo an. Als erfahrene Lebenstempo-Coach kennt sie die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, denen Menschen heute gerecht werden müssen, vor allem aus ihren eigenen Stationen Frankfurt, Hongkong und der Schweiz. In ihren Coachings zeigt „La Schuseil“ ihren Klienten, wie diese das für sie passende Lebenstempo finden und halten. Ihr Buch „Finde Dein Lebenstempo – Mit dem richtigen Tempo zu mehr Leben“ ist im April 2013 bei GABAL erschienen. Mehr zur Expertin: http://www.petraschuseil.de

Über das Buch

Petra Schuseil
Finde dein Lebenstempo: Mit dem richtigen Tempo zu mehr Leben
Verlag: Gabal; Auflage: 1 (April 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3869364815
ISBN-13: 978-3869364810

Wir alle sind einzigartig. Darum ist Buch, Buchtipp, Schuseil, LebenstempoLebenstempo auch eine sehr individuelle Sache. Es beinhaltet mehr als bloßes Zeitmanagement. In welchem Tempo wir leben, bestimmt, wie wir uns fühlen, wie viel Energie wir haben, wie sehr wir im Einklang mit uns sind und wie sinnerfüllt und spannend das Leben für uns ist. Wir alle fühlen uns mehr oder minder fremdbestimmt, andere Menschen, Orte, Umstände halten die Zügel in der Hand. Dabei übersehen wir leicht, dass wir uns häufig genug selbst boykottieren. Petra Schuseil zeigt uns anhand von Selbstchecks, Leitfragen und Übungen, wie wir unser individuelles Lebenstempo finden können. Ob wir einen Schubs oder die Stopp-Taste brauchen, mehr Zeitqualität uns gut tut oder mehr Freiraum, um selbstbestimmter leben zu können. Mit dem richtige Lebenstempo werden wir uns wohler fühlen und unser Leben mehr genießen können.

Marc Brümmer

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