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“Der Trend in der Gynäkologie geht zur Spezialisierung“ – Interview mit Dr. Hakan Altinöz von der gynäkologischen Gemeinschaftspraxis FERA in Berlin

Eine Gynäkologin untersucht eine Patientin mittels Ultraschalles.

Der Beruf des Gynäkologen stellt sowohl unter fachlichen als auch unter sozialen Gesichtspunkten besondere Anforderungen an Mediziner. Einerseits müssen sie sich immer wieder neu auf sich stetig wandelnde Technologien einstellen, dabei andererseits aber auch auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Patientinnen eingehen. In unserem heutigen Interview haben wir uns mit Herrn Dr. Altinöz von der gynäkologischen Gemeinschaftspraxis FERA in Berlin über seine tägliche Arbeit, aktuelle Entwicklungen der Gynäkologie und die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf seinen Klinikalltag unterhalten.

Ein Gynäkologe muss in der Lage sein zuzuhören – Dr. Hakan Altinöz im Interview

Guten Tag, Herr Dr. Altinöz. Wir freuen uns, Sie bei uns begrüßen zu dürfen. Ehe wir näher auf Ihre tägliche Arbeit und Ihre Behandlungsschwerpunkte eingehen, werfen wir doch zunächst kurz einen Blick auf Ihren medizinischen Werdegang.

Dr. Hakan Altinöz: Gern! Nach dem Studium der Medizin in Hannover habe ich meine Facharztausbildung 1990 an der Charité Campus Benjamin Franklin, damals Klinikum Steglitz, begonnen. Hier interessierte ich mich vor allem für die Geburtshilfe, die zwar sehr herausfordernd ist, aber auch sehr viel Freude mit sich bringt. Während meiner langjährigen Tätigkeit an der Klinik spezialisierte ich mich dann auf die Pränataldiagnostik und fungierte als Oberarzt und Leiter der Abteilung für Pränataldiagnostik, bis ich mich schließlich in der Gemeinschaftspraxis FERA niedergelassen habe.

Welche Behandlungsschwerpunkte setzen Sie in Ihrer Praxis?

Der Schwerpunkt unserer Gemeinschaftspraxis liegt in der Pränataldiagnostik. Die meisten unserer Patientinnen stellen sich zur Feindiagnostik oder zum Ersttrimesterscreening vor beziehungsweise werden hierzu überwiesen. Dazu gehört auch die Durchführung von Amniozentesen und Chorionzottenbiopsien.

Weitere Schwerpunkte sind die Schwangerschaftsbetreuung, die Kinderwunschbehandlung, ambulante Operationen und die Psychotherapie. Natürlich werden bei uns aber auch Krebsvorsorgen durchgeführt und alle anderen gynäkologischen Krankheitsbilder behandelt. Im Rahmen der Empfängnisregelung werden bei uns auch Spiralen und Kupferketten gelegt.

Das klingt nach einem breiten Behandlungsspektrum. Welche Eigenschaften muss ein Gynäkologe mitbringen, um den damit verbundenen Anforderungen gerecht zu werden?

Wie jeder Arzt sollte ein Gynäkologe in der Lage sein, seiner Patientin zuzuhören und ihr Empathie entgegenzubringen. Abgesehen von den fachlichen Voraussetzungen muss man das Vertrauen der Patientinnen gewinnen.  Gerade als Gynäkologe ist dies wichtig, da hier oft sehr intime Themen angesprochen werden: Sexualität, Körperempfinden, Familienplanung und vieles mehr. Als Gynäkologe sollte man deshalb auch keine Berührungsängste haben. Nur so kann man der Patientin ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Eine besondere Herausforderung ist immer das Überbringen von schlechten Nachrichten. Die Feststellung einer Fehlgeburt, das Erkennen einer schwerwiegenden Erkrankung des ungeborenen Kindes und die Mitteilung einer Krebsdiagnose gehören sicherlich zu den schwersten Aufgaben in meinem Arbeitsalltag.

Da es sich bei gynäkologischen Behandlungen um sehr sensible medizinische Verfahren handelt, stellt sich natürlich die Frage, ob Frauen lieber zu einem Gynäkologen oder zu einer Gynäkologin gehen? Was ist Ihre Erfahrung?

Es gibt sicherlich drei Arten von Frauen: eine Gruppe möchte nur von einer Frau untersucht werden, eine Gruppe nur von einem Mann und die dritte, vermutlich größte Gruppe, legt keinen Wert auf das Geschlecht.

Unterm Strich gehen vermutlich aber mehr Frauen zu einer Gynäkologin. Die Gründe sind vor allem in einem gewissen Schamgefühl zu suchen. Das betrifft vor allem junge Mädchen, kann aber auch mit religiösen Gründen zu tun haben. Viele Frauen denken auch, dass sie bei bestimmten Fragen besser von einer Frau verstanden werden. Trotzdem gibt es auch viele Frauen, die sich bei einem männlichen Arzt wohler fühlen.

Welche Fragen hören Sie oft von Mädchen und Frauen mittleren Alters?

Bei Mädchen und jungen Frauen geht es meistens um Fragen der Verhütung.  Während das früher eigentlich immer bedeutete, dass die Verschreibung einer Pille gewünscht wurde, geht der Trend heute mehr zur hormonfreien Verhütung.

Die Pille bleibt in jüngeren Jahren zwar nach wie vor die Nummer eins bei der Verhütung, mehr und mehr gewinnt aber die Kupferspirale beziehungsweise die Kupferkette an Bedeutung. Früher war es geradezu verpönt, einer jungen Frau ohne Kinder eine Spirale zu legen. Aber die Befürchtung, eine Spirale berge ein hohes Risiko, durch Entzündungen eine Unfruchtbarkeit hervorzurufen, hat sich nicht bestätigt. Der Vorteil der Spirale oder Kupferkette ist, dass über fünf Jahre eine sichere Verhütung gewährleistet ist, ohne dass täglich Hormone eingenommen werden müssen.

In mittleren Jahren geht es dann häufig um Kinderwunsch und Schwangerschaft. Patientinnen fragen uns dann zum Beispiel, was man tun kann, wenn es mit einem Kinderwunsch nicht so recht klappen will. Wenn eine Schwangerschaft vorliegt, ist eine zentrale Frage die nach der Gesundheit des Kindes.

Und welche Themen beschäftigen ältere Frauen?

Bei etwas älteren Frauen kommen klimakterische Beschwerden wie Blutungsstörungen, Hitzewallungen oder Schwitzen hinzu. Hier dreht es sich häufig um die Frage, ob eine Hormonersatztherapie sinnvoll ist.

Auch in diesem Bereich ist ein stetiger Wandel zu verzeichnen. Früher hieß es, jede Frau braucht ab spätestens 50 Hormone, um nicht frühzeitig zu altern. Dann wurde eine große Studie publiziert, die aussagte, dass eine Hormontherapie zum Anstieg von Brustkrebserkrankungen führt. In der Folge wurden fast gar keine Hormone mehr verschrieben.

Durch neue Studien konnte aber belegt werden, dass dieses Risiko viel kleiner ist, als zuvor vermutet. Heutzutage wird eine Hormonersatztherapie in erster Linie dann verordnet, wenn Beschwerden bestehen, die nicht durch andere Maßnahmen bekämpft werden können.

Auch die Sorge vor Krebserkrankungen steigt mit zunehmendem Lebensalter, weshalb viele Frauen vor allem zur jährlichen Krebsvorsorge zum Frauenarzt kommen.

Der Trend geht zur Spezialisierung

Welche aktuellen Entwicklungen gibt es in der Gynäkologie?

Wie in jedem anderen Fachgebiet geht der Trend auch bei uns zur Spezialisierung. Während ein Gynäkologe noch vor 20 Jahren alles beherrschte, gibt es mittlerweile immer mehr Teilbereiche.

So findet etwa die Behandlung von Brustkrebs in zertifizierten Brustzentren statt. Darüber hinaus gibt es Zentren für Urogynäkologie, die sich mit Harninkontinenz und Beckenbodenschwäche beschäftigen, Kinderwunschzentren, Endometriose-Zentren, Dysplasie-Sprechstunden, onkologische Praxen und Zentren für Pränataldiagnostik wie uns. Dies ist notwendig geworden, da der Fortschritt in den letzten Jahren so viel Neues an diagnostischen und therapeutischen Verfahren mit sich gebracht hat.

Wie sieht es beim Thema Operationen aus? Welche Veränderungen sind hier zu verzeichnen?

Operative Behandlungen werden heute immer mehr minimal invasiv durchgeführt. Große Bauchschnitte sind nur noch selten notwendig. Das bedeutet für die Patientinnen weniger Schmerzen, kürzere Krankenhausaufenthalte und eine schnellere Erholung.

Ein weiterer wichtiger Teilbereich ist die Pränataldiagnostik. Von welchen Fortschritten profitieren Patientinnen und Mediziner hier?

Im Bereich der Pränataldiagnostik können heute aufgrund immer besserer hochauflösender Ultraschallgeräte viele Erkrankungen besser und vor allem früher erkannt werden. Seit der Einführung des NIPT (Nicht invasiver Pränataltest) können sehr sichere Aussagen zur Erkennung der häufigsten Chromosomenstörungen gemacht werden, so dass die Rate an Amniozentesen in den letzten Jahren stark gesunken ist. Dieser Test wird mit dem mütterlichen Blut durchgeführt, sodass kein Risiko für das ungeborenen Kind besteht. Gendefekte und Syndrome können durch neue Methoden (Whole Exome Sequencing, Array-CGH, Paneldiagnostik) schnell und sicher diagnostiziert werden.

Lassen Sie uns auf drei prominente Themen der Gynäkologie im Folgenden etwas genauer eingehen. Zuerst: Wie stehen Sie zur Präimplantationsdiagnostik?

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) umfasst die Methoden zellbiologischer und molekulargenetischer Untersuchungen, die dem Entscheid darüber dienen, ob ein durch In-vitro-Fertilisation erzeugter Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt werden soll oder nicht.

Das Verfahren wird in Deutschland dazu eingesetzt, Eltern, die Träger von schweren Erbkrankheiten sind, zu einem gesunden Kind zu verhelfen. Durch die PID wird vermieden, dass Kinder mit schweren Krankheiten geboren werden oder dass es zu einem Schwangerschaftsabbruch kommt, wenn durch die Pränataldiagnostik eine Krankheit beim ungeborenen Kind festgestellt wird. Die PID ist deshalb für die betroffenen Eltern ein wahrer Segen.

Ein anderer Anwendungsbereich ist das Aneuploidiescreening, wenn ein hohes Risiko für eine Chromosomenanomalie vor allem bei älteren Frauen vorliegt. Hier wird vor dem Einsetzen der befruchteten Eizelle überprüft, ob die Chromosomen normal sind. Kritiker dieses Verfahrens kommen in erster Linie aus der katholischen Kirche, die jedes Leben als lebenswert ansehen und es daher ablehnen, auf seine Entwicklung Einfluss zu nehmen.

Ich kann zwar verstehen, dass man als Anhänger der katholischen Kirche eine bestimmte Weltanschauung hat, finde es aber wiederum wenig christlich, wenn man Menschen vermeidbares Leid zumutet. Die PID ist aufgrund ihres technischen Aufwands ohnehin nur in Einzelfällen möglich, sodass die Befürchtung, dass nur noch sogenannte Designer-Babys geboren werden, absurd ist.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die HPV-Impfung. Was hat es damit auf sich?

Harald zur Hausen erhielt 2008 den Nobelpreis dafür, dass er erkannte, dass Gebärmutterhalskrebs durch eine Infektion mit dem Humanen Papillomavirus (HPV), von dem es sehr viele Typen gibt, hervorgerufen wird. Aus dieser Erkenntnis wurde die Impfung gegen HPV entwickelt, die gegen Gebärmutterhalskrebs, aber auch Krebs der Vulva, des Analbereichs, des Penis‘ und des Mund- und Rachenraums schützt.

Der heute zur Verfügung stehende Impfstoff impft gegen die neun häufigsten Hochrisikotypen. Damit ist ein sehr hoher, aber nicht hundertprozentiger Schutz zu erreichen. Geimpft werden sollen Mädchen und mittlerweile auch Jungen zwischen und neun und 14 Jahren, spätestens aber bis zum 18. Lebensjahr und möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Bei einer Impfung vor dem 14. Lebensjahr sind nur zwei Impfungen erforderlich, danach sind es drei.

Wie sieht es mit dem Thema Wunschkaiserschnitt aus?

Während der Wunschkaiserschnitt vor einigen Jahren sehr in Mode war und auch teils von ärztlicher Seite propagiert wurde, hat sich die Einstellung der Frauen und auch der Ärzte wieder etwas gewandelt. Beweggründe für einen Wunschkaiserschnitt sind die Angst vor Schmerzen und des Versagens sowie die Sorge, dass das Kind bei der Geburt geschädigt werden könnte.

Weitere Gründe sind die Angst um die Verletzung oder Veränderung der Vagina und des Beckenbodens und somit die Störung der sexuellen Funktion und der Kontinenz der Blase. Ein Vorteil ist auch die Planbarkeit der Geburt, die es auch der Klinik einfacher macht, zumal ein Kaiserschnitt viel besser vergütet wird als eine normale Geburt.

Welche Nachteile hat das Verfahren?

Nachteile sind, dass es kein natürlicher Vorgang ist und dass auch das Erleben der Geburt als normaler und wichtiger Punkt im Leben der Frau verlorengeht. Die Bindung zum Kind ist weniger ausgeprägt, Stillen klappt häufig nach einem Kaiserschnitt nicht so gut. Die Schmerzen und die Rekonvaleszenzzeit sind größer, es können Wundheilungsstörungen auftreten und es bleibt eine große Narbe zurück.

Das Immunsystem des Kindes ist scheinbar nach einer vaginalen Geburt besser durch den frühen Kontakt zu Keimen in der Vaginalflora und häufig gibt es auch Anpassungsstörungen der Atmung, weil dem Kind der Geburtsstress fehlt. Durch die Zunahme an Kaiserschnitten sieht man nun auch häufiger Komplikationen bei darauffolgenden Schwangerschaften wie Narbendehiszenzen und Plazentationsstörungen, sowie Verwachsungen im Bauchraum.

Ich rate meinen Patientinnen daher immer zu einer normalen Geburt, wenn nicht medizinische Gründe dagegensprechen. Allerdings kann es bei Frauen, die unter großen Ängsten leiden, manchmal doch der richtige Weg sein, einen Kaiserschnitt durchzuführen.

Gehen wir zum Schluss noch auf die aktuelle Corona-Situation ein. Wie hat sich Ihre tägliche Arbeit dadurch verändert?

Natürlich beeinträchtigt die Coronapandemie auch das Arbeiten in der Praxis. Der Patientin nicht mehr die Hand geben zu können, führt zu einer gewissen Distanz. Auch das Tragen eines Mundschutzes verhindert, die Patientin genau einschätzen zu können, ihre Mimik zu beurteilen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, vor allem wenn man die Patientin noch nicht kennt.

Leider mussten wir auch die Anzahl der Begleitpersonen einschränken, die vor allem bei der Feindiagnostik sonst gerne dabei sind. Während des Lockdowns durften die werdenden Väter gar nicht mehr mitkommen, zurzeit ist eine Begleitperson erlaubt, aber nur zu bestimmten Untersuchungen.

Schwangere sind natürlich besonders besorgt, dass eine Infektion durch Covid-19 sich auf ihre Schwangerschaft oder die Entwicklung und Gesundheit ihres Kindes auswirken könnte. Bislang sind jedoch nicht genug Erfahrungen vorhanden, um eine genaue Aussage hierzu zu machen. Es scheint jedoch nicht zu schwerwiegenden Komplikationen bei Schwangeren zu kommen.

Vielen Dank für das Gespräch und die informativen Einblicke!

Dr. Hakan Altinöz: Jederzeit gern!

Das Interview mit Dr. Hakan Altinöz führte die AGITANO-Redaktion.

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde in diesem Beitrag das generische Maskulin verwendet, welches die weibliche Form selbstverständlich mitdenkt.

Über die FERA Gemeinschaftspraxis

Dr. Hakan Altinöz von der gynäkologischen Gemeinschaftspraxis FERA in Berlin
Dr. Hakan Altinöz (Bild: © Dr. Hakan Altinöz)

Die Gemeinschaftspraxis FERA wurde 1999 auf dem Gelände des Wenckebach-Klinikums in Berlin Tempelhof gegründet. Ziel der FERA ist eine ganzheitliche Betreuung im Bereich der Frauenheilkunde mit allen Behandlungsmöglichkeiten eines Krankenhauses. Zu den Leistungsschwerpunkten gehören die Schwangerschaftsbetreuung einschließlich der qualifizierten Pränataldiagnostik sowie das gesamte Spektrum der Frauenheilkunde. Ergänzt werden die Angebote durch Therapieleistungen aus den Bereichen der Psychoanalyse und der naturheilkundlichen Verfahren.

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