Einsichten & Ansichten

Ideologien und das Gute Leben

Ideologien hatten selten etwas Gutes zur Folge. Ideologien darüber, was das „Gute Leben“ zu sein hat, bieten uns heute vor allem die so genannten -ismen: Der Faschismus, der Islamismus, der Fundamentalismus. Und diese Ideologien sind kaum dafür bekannt, das Leben der Mehrheit zu verbessern. Stattdessen leben diese Ideologien von Ausgrenzung und Abgrenzung – dabei schließen die Ideologien nicht nur Menschen und Menschengruppen aus, sondern auch und vor allem alternative Sichtweisen der Welt und der Lösung ihrer Probleme. Zeit, die Ideologien zu dekonstruieren!

In seiner heutigen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ befasst sich Ulrich B Wagner mit dem Entstehen von Ideolgien und ihren langfristigen Auswirkungen.

 

Das Schwein trägt seinen Namen, seinen Namen zu recht, denn es ist wirklich ein sehr unsauberes Tier!

(Galletti)

Man sollte beständig die Wirkung der Zeit und die Wandelbarkeit der Dinge vor Augen haben und daher bei allem, was jetzt stattfindet, sofort das Gegenteil imaginieren.

(Schopenhauer)

Erich Kästner bezeichnete Kurt Tucholsky rückblickend im Jahre 1946 als „kleinen dicken Berliner“, der „mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten“ wollte. Als legendär muss mit Sicherheit Galettis Rezension Galletiana aus der WELTBÜHNE (Peter Panter, Die Weltbühne, 03.08.1922, Nr. 31, S. 120, wiederaufgelegt in „Das Lächeln der Mona Lisa) bezeichnet werden, die wie folgt beginnt: Beschäftigt mit meinem Werk: ,Die Hämorrhoiden in der Geschichte des preußischen Königshauses’, blätterte ich neulich versonnen in einem Katalog der Staatsbibliothek…. als er der eigenen Legende nach auf das Werk ,Gallettiana. Unfreiwillige Komik in Aussprüchen des Professors Joh. G. Aug. Galletti. Mit einem Bildnis Gallettis stieß.“

Maske, Ideoligien, Ulrich B Wagner
Es wird Zeit Ideologien zu dekonstruieren (Bild © Jörg Simon 2015)

Galletti, Valetti, Baretti? Bis dato auch für mich ein unbeschriebenes Blatt. Das sollte sich beim Lesen schnell ändern, denn dieser Galletti war Professor am Gothaer Gymnasium, und seine wie Unkraut aus dem Boden schießenden Stilblüten sind im oben beschriebenen Buch gesammelt. Es ist wirklich herrlich. Nur Tucholskys Rezension kann dieses noch toppen.

Einen Galletti kennt jeder

Irgendwie können wir uns alle, problemlos ohne großes Zögern, an einen oder eine Galletti aus der eigenen Schulzeit erinnern, die mit ihrer unfreiwilligen intellektuellen Komik dazu beitrugen, uns die Tränen in die Augen zu treiben, vor Lachen, aber auch vor Mitleiden, denn Blödheit kann auch für auf den ersten Blick Unbeteiligte sehr schmerzhafte Momente in sich tragen. Insbesondere dann, wenn sie sich mit einem Zeitgeist wie dem unsrigen zusammentrifft.

Ja, möchte man auf den ersten Blick mit Tucholsky einstimmen, er ist sicherlich ein unpolitischer Untertan gewesen, der Professor Galletti, so, wie ihn die Regierung brauchte, und nichts wird ihm ferner gelegen haben als ein Spaß, den er sich niemals mit so ernsthaften Dingen zu machen erlaubt hätte. Es ist nämlich viel schlimmer. Er glaubt auch noch an den Wahnsinn und will ihn anderen auch noch als Wahrheit ins unwillige Hirn einknüppeln.

Dummheit stirbt nicht aus

Schaut man sich die letzte Zeit bei uns einmal aufmerksam um, scheint die Volksverdummung bei uns gerade einmal wieder Hochkonjunktur zu haben. Ich glaube daher, es ist wieder einmal an der Zeit, mehr Kurt Tucholsky zu lesen.

Dummschwätzer sind beileibe keine aussterbende Rasse, sie leben fort und so lange es Menschen geben wird, werden sie sich immer wieder auf die eine oder andere Weise ideologische Knüppel schnitzen. Verschwindet einer, weil ihn das Zeitliche segnet, körperlich nur, ohne dass eine geistige Genesung stattfand, was irgendwie für den Betroffenen und seine Angehörigen traurig ist, an der Sache an sich aber nichts ändert, poppt aber auch schon der nächste Depp an der nächsten Ecke wieder auf.

Doch es scheint wohl der Lauf des Lebens zu sein. Irgendwie werden wir alle wahrscheinlich erst einmal dumm geboren und machen uns in der Regel in einer ähnlichen geistigen und intellektuellen Verfassung auch wieder vom Acker, sollte nicht doch vorher noch aus irgendwelchen Gründen der Lichtschalter im Oberstübchen gefunden worden sein.

Dummheit stirbt niemals aus: Eine Tatsache, die unser Lateinlehrer, eigentlich ein verkappter Philosophieprofessor, uns ab der Sexta, mit dem Hinweis in die Köpfe zu hämmern versuchte, dass die Dummheit an sich nicht nur sehr schmerzhaft sein kann, sondern, wenn sie uns von machtbesessenen und in freiheitlich-demokratischen Werten schlecht ausgerüsteten Spezies als die einzig echte Wahrheit – in Form von Ideologien – verkauft wird, zu katastrophalen Zuständen führen kann. Dies insbesondere dann, wenn sie auf so gesamtgesellschaftliche Zutaten wie Enttäuschung, Lüge, Hass, Gewalt, aber auch Verbitterung, wie bei uns im Moment, trifft, werden nämlich alte, schon längst totgeglaubte Ideologien wie der Faschismus doch sehr schnell wieder lebendig.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber Ideologien sterben niemals

Der japanisch-stämmige amerikanische Politologe Francis Fukuyama verkündete vor gut 25 Jahren angesichts des Mauerfalls, des Zusammenbruchs des kommunistischen Systems, des Ankommens des neoliberalen Gedankenguts in der Mitte der Gesellschaft und der vermeintlichen Segnungen des Internets das Ende der Geschichte und hob in wahre Freudentaumel ab.

Seine Botschaft damals: Wir – die Ideologien des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus – hätten gewonnen, die Totalitären und Autoritären seien endgültig erledigt. Die Zukunft gehöre allein der Demokratie und deren vermeintlichen Segnungen, der von allen, insbesondere auch den moralischen Fesseln wie sozialer Gerechtigkeit, einer lebenswerten Grundversorgung und ähnlichem „Zeug” befreiten Marktwirtschaft, die dann wie durch Zauberhand „alle Widersprüche überwinden und alle Bedürfnisse befriedigen” würden. Mithin sei dann auch noch so als kleiner Nebeneffekt der Krieg der Ideologien vorbei – wobei auch Fukuyamas Ideen von Ideologien geprägt waren…

Fukuyamas These war so falsch wie alle großen Geschichtsphilosophien, die vermessen genug waren zu glauben, die Zukunft mit Hilfe von Ideologien deuten zu können. Falsch zwar, aber doch hübsch auf die eine oder andere Weise.

Ideologien sind nunmal eine anthropologische Konstante ähnlich wie der Sexual- und der Machttrieb. Menschen werden sich immer Ideologien zurechtlegen, um zu begründen, warum sie, die auserwählte Kaste der Manager, Unternehmens- und Parteichefs, Könige und Diktatoren – mehr Reichtum, mehr Anerkennung, mehr Macht und vor allem mehr zu sagen haben sollten als andere.

Nichts wuchs seit Fukuyamas Ende der Geschichte jedoch mehr als die Ideologien, die so genannten -ismen, ob nun Islamismus, Pazifismus, Ökologismus oder Feminismus.

Ideologien regeln immer Verteilungsfragen

Hinzu gesellen sich dann zu allem Überfluss auch noch die Wortwaffen der Ideologien wie „Homophobie”, „Xenophobie” und „alte weiße Männer”, die wie alle Identitäts- und Geschlechterpolitik nur eines transportieren soll: Wer soll was und wie viel kriegen?

Das mit diesen Ideologien aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde, schert uns immer noch einen feuchten Kehricht. Denn mit allen Schrubbern lässt sich nämlich ernsthaft nur an den Symptomen herumwischen, anstatt wirklich an die Ursachen des ganzen Desasters zu gehen und diese samt ihrer Wurzeln aus unserem Miteinander zu reißen.

Akute Probleme lösen wir nicht mit Ideologien

Eine Lösung der akuten Probleme, der Flüchtlingskrise, der globalen Kriege scheint derzeit jedoch fast unmöglich. Denn, um es mit den Worten von Jakob Augstein vom SPIEGEL auszudrücken: “Was sollen dann den Versagern in diesem System noch die Appelle an Pflicht und Grundgesetz und Mitgefühl? Es ist ein System, das alle nicht ökonomischen Werte negiert, das alles Öffentliche verächtlich macht, das die Intellektuellen nicht braucht und den Bürger als Citoyen nicht schätzt. Und was bleibt davon, wenn es das einzige Versprechen, das ihm eigen war, nicht hält: das Versprechen des materiellen Wohlstands? Nichts. Und von diesem Nichts zum Faschismus ist es nur ein kleiner Schritt.”

Wenn…? Ja, wenn man nicht einmal wirklich die Anstrengung unternimmt und das vermeintlich Sichere und Unumstößliche in unseren Köpfen, die es gewohnt sind, in normalen Zeiten auf den Knopf für den intellektuellen Tempomat zu drücken, wieder radikal zu hinterfragen, was aber nur funktionieren kann, wenn wir auch wieder selbst und eigenständig zu denken lernen. Der Dekonstruktivismus bietet uns in solchen geschichtsträchtigen Zeiten hierfür meines Erachtens das beste Handwerkszeug. Nehmen Sie beispielsweise nur Gallettis Aussage über das Schwein, die als Leitmotiv über der heutigen Kolumne schwebt.

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Ideologien sind eine anthropologische Konstante ähnlich wie der Sexual- und der Machttrieb (Bild © Jörg Simon 2015)

Sprache schafft Realitäten

Könnte es sein, dass uns doch das eine oder andere stutzig macht? Vielleicht die beiläufige Unterstellung, dass die reine Lautfolge Schwein allein schon das Wesen der Unsauberkeit in sich trägt, auch wenn sie, andersherum gesehen, ganz und gar willkürlich ist und auch rein gar nichts an ihr das Schweinische per se auszudrücken in der Lage ist. Das Schwein heißt Schwein einzig und allein deshalb Schwein, damit wir es von anderen Dingen, wie z.B. einem Schwan unterscheiden können.

Rein theoretisch könnte man nämlich dann, wenn man von dem wohl bekanntesten Ballett zur Musik des unsterblichen Tschaikowski von „Schweinensee“ sprechen. Merkwürdigerweise hat die Entdeckung, dass die Lautfolge eines Wortes völlig willkürlich ist und mit der Bedeutung des Wortes nichts zu tun hat, sehr lange auf sich warten lassen.

Die akustische Täuschung

Es war Jaques Derrida, der Urvater des Dekonstruktivismus, der davon ausgeht, dass diese akustische Täuschung das ganze westliche Denken geprägt hat. Da es durch die Illusion von der unmittelbaren Anwesenheit des Logos, der Bedeutung, gekennzeichnet ist, spricht Derrida von „Logozentrismus“. Dieses logozentrische Denken macht das vermeintliche Ist zur privilegierten Aussage der Wahrheit. Was zur Folge hat, dass alles den Eindruck erweckt, dass es für die Ewigkeit gemacht wäre und sich nicht ändern ließe .

Eine Asymmetrie, die sich in einer Serie von Gegenbegriffen, bei der immer eine Seite höher bewertet wird als die andere, fortsetzt: wie beispielsweise Geist – Materie, Mann – Frau, Idee – Gegenstand, Form – Inhalt, Wesen – Erscheinung, Original – Kopie, Aktiv – Passiv, Geben – Nehmen, Kultur – Natur etc. Diese rein willkürlich gewählten Gegensätze, sind es aber, die die symbolische Ordnung unserer Kultur prägen und bestimmen, was am Ende des Tages nicht nur Sinn ist, sondern vermeintlich auch noch sinnvoll sein soll.

„Unser abendländisches Verständnis von Sinn setzt also die Unterdrückung von Teilen unseres Zeichensystems voraus, die bei der Herstellung von Bedeutung eine gleichberechtigte Rolle spielen. Mit anderen Worten: Sinn ist Herrschaft. Die Verdrängung findet schon immer im Zeichensystem statt. Nicht nur in den Texten der Literatur kommt es nun zur Wiederkehr des Verdrängten. Die Textinterpretation kann dem nachhelfen, indem sie durch ein Verfahren den verschütteten Seiten der Gegenbegriffe wieder zu ihrem Recht verhilft und sie unter der offiziellen Sinnoberfläche hervorzerrt. Dieses Verfahren nennt Derrida „Dekonstruktion“. Es ist eine Art Karneval des Sinns, in dem man alles umdreht und eine umgekehrte Herrschaft errichtet, dann aber diese Herrschaft zugunsten der Einsicht abschafft, dass Zeichen und Bezeichnetes, Körper und Geist und Frau und Mann gleichberechtigt sind.” (vgl. Dietrich Schwanitz in: Dichte Beschreibung – Differenzen. Systemtheorie zwischen Dekonstruktion und Konstruktion. In H. den Berg, M. Prangel. (Hg.) 1995: Zur wechselseitigen Beobachtung von Systemtheorie und Dekonstruktion, Tübingen.)

Dekonstruktion hilft

Wir sollten daher wirklich darüber nachdenken, was hinter den Begriffen steht. Vielleicht führt es ja zu einer Neuinterpretation dessen, was wir gerne als „DAS GUTE LEBEN“ bezeichnen und damit auch zu einer Neudefinition unseres gesellschaftlichen und sozialen Miteinanders. Hierzu müsste man sich aber mit dem Wesentlichen, dem Ursächlichen beschäftigen, doch „ausgerechnet die Bundesministerinnen für Familie, Arbeit und Bauen finden kaum Zeit, sich mit der Flüchtlingskrise zu befassen. Ein Blick in den Terminkalender zeigt, was für die Damen wichtiger ist. Zum Beispiel ökumenisches Klimawandern.“

Jenseits der Ideologien – bei pr*voke

Ich bin dann auch gleich mal weg, oder, um diese Kolumne mit den Worten von Tucholskys Alter Ego Peter Panter zu beenden, mit denen er seine Rezension über Galletti ausklingen ließ:

Und auch ich muß gehen. Ich werde schleunigst von diesen ,fremden Dingen’, von diesen Allotriis abstehen und zu meiner ernsthaften Arbeit zurückkehren. Zu den Hämorrhoiden und ihren Hohenzollern. Ein Thema, wert, dass es behandelt werde. Denn wohinein steckt der deutsche Historiker am liebsten seine Nase –? Auf Wiedersehn.

Wir für unsere Seite haben uns vorgenommen, vielleicht doch einmal die Blickrichtung in der Hoffnung zu ändern, dass sich vielleicht doch noch eine Zukunftsvision entwickeln lässt, die die die Idee des Guten Lebens nicht komplett ad absurdum führt.

Ich für meine Person würde mich daher freuen, wenn wir uns zahlreich am Donnerstag, 19. November im Frankfurter Presseclub zu unserer pr*voke-Veranstaltung: Die Kommunikation der Zukunft: Wo liegt das Jetzt? Zurück in die Zukunft oder doch andersherum?  zusammenfänden.

Wir sehen uns!

Ihr

Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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