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Jochen Schweizer im Interview über Motivation, Angstüberwindung und Risikobereitschaft

„Angst zu kontrollieren, sie zu überwinden, bedeutet, sich zu befreien.“ Das gilt nicht nur im Sport sondern auch im Business. Das Ausloten von Grenzen ist wichtig, denn wer nicht an seine Grenzen geht, der kann sich auch nicht weiterentwickeln. Natürlich passieren auch Fehler – aber dann lernt man daraus, steht wieder auf und geht einen Schritt weiter. Wenn man es gar nicht erst versucht, tritt man auf der Stelle. Wer etwas riskiert, kann verlieren – wer aber nichts riskiert, verliert garantiert. Der Stuntman und Gründer der gleichnamigen Unternehmensgruppe Jochen Schweizer im Interview über Motivation, Angstüberwindung und Risikobereitschaft, über seine Karriere als Stuntman, die Anfänge seines Unternehmens, das außergewöhnliche Erlebnisse und Abenteuer vermittelt und was Manager von Extremsportlern lernen können.

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1. Guten Tag Herr Schweizer. Viele kennen Ihren Namen heute hauptsächlich durch die Website jochen-schweizer.de, die außergewöhnliche Erlebnisse vermittelt. Bitte erzählen Sie doch kurz von Ihren Hintergründen und Ihrem Werdegang.

Meine Leidenschaft galt schon immer außergewöhnlichen Erlebnissen. Ich war und bin immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Nur die Art dieser Abenteuer hat sich über die Jahre verändert. Anfang der 1980er Jahre war es das alpine Kajakfahren, dem ich mich verschrieben hatte. In meiner Zeit als Extremkanute hatte ich viele Jobs als Stuntman, zum Beispiel in Willy Bogners „Feuer, Eis und Dynamit“. Während der Dreharbeiten zu diesem Film sprang ich an einem Bungeeseil von einer 220 m hohen Staumauer. Zuvor hatte ich aus Spaß ein kurzes, ca. 5 m langes Gummiseil gebaut, mit dem wir während der Drehpausen von einer alten Genueser Brücke sprangen. Willy sah das und fragte mich, ob ich das auch für den Film von einer 220 Meter hohen Staumauer machen kann. Der Rest ist Geschichte. Ich dachte, dass ich mit meiner Faszination für dieses außergewöhnliche Erlebnis nicht alleine dastehen kann – und mein Gefühl hat mich nicht getäuscht: Die stationären Bungeeanlagen, die ich ab Ende der 1980er in Deutschland eröffnete, waren immer gut ausgebucht. Die Menschen teilten meine Begeisterung. Von da an ging es nicht mehr nur darum, neue Erlebnisse für mich selbst zu entdecken, sondern auch anderen den Zugang zu neuen, für sie meist schwer zugänglichen Erlebnissen zu ermöglichen: Später entwickelten sich daraus wahrnehmungsstarke Eventkonzepte – vor allem für Firmen.

(Fire, Ice and Dynamite – Sprung von der Staumauer: Im Rahmen von Williy Bogners Fire, Ice and Dynamite realisiert Jochen Schweizer 1987 mehrere Stunts. Unter anderem wagt er als Double von Uwe Ochsenknecht einen Bungeesprung von der 220 Meter hohen Staumauer des Valle Verzasca in der Schweiz / Quelle: Youtube)

2004 haben wir dann das Erlebnisgeschenke-Portal www.jochen-schweizer.de gestartet – am Anfang mit 15 Erlebnissen. Heute sind es über 1.100 verschiedene Erlebnisse und es gibt neben dem Online-Portal vier weitere Vertriebsoberflächen: 36 eigene Shops mit hoher individueller Beratungsqualität, ein gut ausgebildetes Callcenter, mehr als 4.000 Handelspartner, wie etwa die Postbank – und last but not least eine B2B-Abteilung, die im Zuge von Incentivierungs-Programmen Erlebnisgeschenke an Firmen vermittelt. Seit 2009 fokussieren wir uns neben Action und Abenteuer sehr intensiv auch auf Erlebnisse ganz anderer Art. Der Grund dafür: die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden. Nicht mehr ausschließlich die großen Extreme stehen im Vordergrund, sondern auch Wohlfühlerlebnisse wie Massagen oder Weinproben.“Entschleunigung“ heißt das aktuelle Thema. Inzwischen umfasst die Jochen Schweizer Unternehmensgruppe drei Gesellschaften. Die Jochen Schweizer GmbH bietet Erlebnisse für Privatkunden – zum Verschenken oder Selbsterleben. Die Jochen Schweizer Corporate Solutions GmbH richtet sich mit speziellen Prämienprogrammen, Bonussystemen und Firmenveranstaltungen an Unternehmen. Die Jochen Schweizer Projects AG plant und realisiert spektakuläre Erlebnisse, wie zum Beispiel Deutschlands ersten Windkanal zur Freifallsimulation in Bottrop. Das Bungee-Event-Unternehmen ist erwachsen geworden.

2. Sie haben also Ihre Leidenschaft für Abenteuer in eine gut laufende Geschäftsidee umgewandelt. Darüber hinaus nutzen Sie Ihre Extremerfahrungen noch in einer anderen Art: Sie sprechen und referieren über die Themen Motivation, Angstüberwindung und Risikobereitschaft – Themen, die im Managementbereich sehr gefragt sind – sowie über Möglichkeiten zur effizienten Kundenbindung. Seit wann sind Sie persönlich in der Speaker-Szene vertreten?

Jochen Schweizer / Photo by Markus Hildebrand
Jochen Schweizer / Photo by Markus Hildebrand

Schon seit vielen Jahren gebe ich meine Erfahrungen bei Vorträgen und Rednerauftritten weiter. Zu Beginn, ab etwa Anfang der 1990er Jahre ging es um das Überleben in Extremsituationen, um Risikomanagement. Heute spreche ich über das Hinfallen und Wieder-Aufstehen und darüber, warum es sich lohnt, Risiken einzugehen. Denn wer etwas riskiert, kann verlieren. Wer aber nichts riskiert, verliert garantiert. Es geht um die wichtigsten Prinzipien des Erfolges, um Standhaftigkeit, Konsequenz, gesunden Ehrgeiz, Angstüberwindung und die zentrale DNA jedes Erfolges: „Operative Exzellenz. Meine Vorträge sind authentisch, klar strukturiert und ich spreche nur über Dinge, die ich selbst erlebt habe. Auch über das Scheitern und wie man gestärkt aus einer Krise wieder zurückkehren kann. Deswegen sind die Inhalte für das Publikum besser greifbar, als wenn ich das Wissen anderer oder Theorien vermitteln würde. Ich habe realisiert, dass viele Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe und Entscheidungen, die ich in bestimmten Situationen getroffen habe, auch anderen Menschen in ihrem Leben weiterhelfen können. Und das macht mir Freude.

3. Was können Manager von Extremsportlern und Stuntmen lernen?

Sowohl im Sport als auch im Business ist das Ausloten von Grenzen sehr wichtig: Wer nicht an seine Grenzen geht, der kann sich nicht weiterentwickeln. Man muss seine Comfort Zone verlassen und Ängste überwinden, sei es nun die Angst vor dem Sprung oder die Angst vorm nächsten Akquise-Gespräch. Trauen Sie sich einfach! Es passieren Fehler, Sachen gehen schief – aber dann lernt man daraus, steht wieder auf und geht einen Schritt weiter. Wenn man es gar nicht erst versucht, tritt man auf der Stelle.

4. Motivation, Angstüberwindung und Risikobereitschaft: Was sind hier Ihre persönlichen Ansätze? Wie bringen Sie diese Themen auf der Bühne rüber?

Ich erzähle aus meinen Leben, von meinen persönlichen Erfahrungen und den Lehren, die ich für mich daraus gezogen habe. Zuhörer haben mir oft gesagt, dass man aus den Beispielen, die ich in meinen Vorträgen aufzeige, viel persönlichen Vorteil ziehen kann. Es ist vor allem diese persönliche Ebene, die beim Publikum gut ankommt. Wenn jemand durch meine Geschichten anfängt, über sich nachzudenken und sich vielleicht etwas traut, das er sonst nicht machen würde, ist das für mich ein Erfolg.

Meine Vorträge sind häufig an Führungskräfte von Unternehmen gerichtet. Hier ist die konkrete Fragestellung aber zunehmend nicht mehr auf die Teilnehmer selbst und deren Entwicklung bezogen. Immer mehr Führungskräfte fragen sich: Wie kann ich die Leistung meiner Mitarbeiter honorieren und sie zusätzlich motivieren? Eine Flasche Wein oder ein Buch als Dankeschön oder Zeichen der Wertschätzung werden heute kaum noch wahrgenommen. Der Firmenkundenbereich meines Unternehmens – die Jochen Schweizer Corporate Solutions – beschäftigt sich mit dieser Frage Erlebnisse sind der Kitt jeder sozialen Beziehung. Erlebnisse sind nachhaltig – man vergisst ein tolles Erlebnis nie. Neben der Organisation von Erlebnissen für Firmen haben wir ein Konzept entwickelt, mittels dessen Firmen Erlebnisbonuspunkte steuerfrei an Vertriebler, Absatzmittler und Kunden ausgeben können. Vergleichbar mit dem Lufthansa Konzept “Miles and More“. Und wenn gewünscht auch in Verbindung mit einer Mastercard, die mit jedem Euro Umsatz Erlebnisbonuspunkte sammelt, die man dann auf einer für das jeweilige Unternehmen eigens konzipierten Webseite in reale Erlebnisse umwandeln kann. Ganz egal ob Wellnessmassage, Rennwagen fahren oder Helikopter-Selber-Fliegen.

5. Ihr persönlicher Tipp zum Stichwort Motivation?

Zunächst ist die Frage: Geht es darum, mich selbst zu motivieren oder möchte ich als Unternehmer meine Mitarbeiter motivieren? Im ersten Fall muss ich mir selbst Erfolgserlebnisse bereiten und an meinen Zielen festhalten. Ich muss etwas wirklich wollen und meine ganze Kraft dafür einsetzen. Wenn es um Mitarbeiter geht, dann geht es darum, die Begeisterung an der Arbeit neu zu entfachen, den Zusammenhalt im Unternehmen zu stärken oder Mitarbeiter auf konkrete Ziele „hinzulenken“ – dann muss ich positive und nachhaltige Verknüpfungen zum Unternehmen, den Kollegen und den Aufgaben schaffen. Gemeinsame Erlebnisse wirken dabei viel länger nach, als ausschließlich harte Währung, Produkte oder Technik-Gadgets.

6. Angstüberwindung: Sie haben als Stuntman einiges erlebt, was den meisten allein über die Filmleinwand schon einen Schauer über den Rücken jagt. Was ist für Sie der effektivste Kniff, um eigene Ängste zu überwinden?

Um Ängste zu überwinden, muss man sich ihnen stellen. Das heißt nicht, dass jeder, der Höhenangst hat, gleich aus einem Flugzeug springen muss. Aber um sich nicht von seiner Angst limitieren und ausbremsen zu lassen, muss man lernen sie zu kontrollieren. Bei Höhenangst kann das bedeuten, sich ganz bewusst einem Moment in großer Höhe auszusetzen, z.B. beim Blick über ein Brückengeländer oder für Fortgeschrittene dann doch bei einem Bungee Sprung. Im Geschäftsumfeld kann es das Telefonat mit dem schwierigen Kunden sein, das man gleich früh am Morgen führt, statt es den ganzen Tag aufzuschieben. Erfolgreiche Überwindung eigener Angst schafft Selbstvertrauen. Und Erfolgserlebnisse befreien uns nach und nach von unseren Ängsten. Sie werden nie vollständig verschwinden. Aber Angst zu kontrollieren, sie zu überwinden, bedeutet, sich zu befreien. Und das kann neue Erfahrungen und Erlebnisse ermöglichen.

7. Wo laufen für Sie persönlich die Grenzen zwischen Risikobereitschaft, Waghalsigkeit und Leichtsinn?

Risikobereitschaft ist meiner Meinung nach eine Grundvoraussetzung dafür, etwas zu bewegen, erfolgreich zu sein. Wenn man vor allem Angst hat, und diese Angst nicht zu überwinden gelernt hat, kann man weder im Geschäftsleben etwas erreichen, noch privat. Waghalsigkeit dagegen ist kein gutes Konzept. Es geht darum Situationen, auch und insbesondere gefährliche Situationen, ruhig einzuschätzen und dann eine Entscheidung zu fällen. Wenn die Entscheidung lautet etwas zu tun, dann muss man es mit äußerster Konsequenz tun, mit „operativer Exzellenz“. Ein Beispiel: Unvorbereitet, waghalsig in meinen Weltrekord-Bungee-Fallschirmsprung zu gehen – das wäre purer Leichtsinn gewesen. Ich habe bei dieser Aktion ausschließlich mit Profis mit langer Erfahrung zusammengearbeitet, geprüftes Material verwendet, alle Risiken abgewägt und den Sprung mehrfach am Boden mit allen Beteiligten durchgespielt. Das heißt, dass ich immer sehr gut vorbereitet war und so das Risiko auf ein für mich persönlich vertretbares Level minimieren konnte. I could not have been better prepared. Wenn jeder im Rahmen seines Verantwortungsbereiches operativ exzellent agiert, aber auch bereit ist, das ein oder andere Risiko einzugehen, dann führt das zu einem erfolgreichen Unternehmen. Sei es ein Weltrekord, eine Expedition oder eine Firma, die Staubsauger baut.

(Am 19. September 1997 absolvierte Jochen Schweizer einen 1.000 Meter Bungee-Weltrekord-Sprung. Er sprang mit einem 300 m langen Bungee-Seil aus einem Helikopter in ca. 3.000 m Höhe. Quelle: jochen-schweizer.de / Youtube)

8. In Ihrer 2010 erschienen Biografie berichten Sie von einigen zentralen Etappen Ihrer adrenalingeladenen Karriere. Was sind nun Ihre nächsten großen Ziele? Gibt es schon einige neue Projekte in der Vorbereitung?

In der Erlebnis-Branche muss man sich alle paar Jahre neu erfinden, um vorne zu bleiben. Dieses Jahr machen wir den nächsten großen Schritt. Was Sie im Moment sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir wollen die neue Zielgruppe der Selber-Erleber erschließen: Bisher beantworten wir die Frage „Was schenke ich?“ besser als jeder andere. Bei unseren Erlebnisgutscheinen steht das Erlebnis fest, aber Ort und Termin sind für den Kunden variabel. So eignen sich die Gutscheine perfekt als Geschenk. Bei der Erlebnis-Box gilt der Gutschein sogar für eine Vielzahl von Erlebnissen. Künftig beantworten wir zusätzlich die Frage: „Was machen wir am Wochenende?“ Wir entwickeln eine Plattform, über die unser Kunde sehen kann, welche Erlebnisse in seiner Umgebung an welchen Tagen verfügbar sind. So kann er sich künftig auch ein Erlebnis zum konkreten Termin buchen. Diese Funktion wird nach einer Testphase natürlich auch mobil als App verfügbar sein. Auf diese neue Herausforderung freue ich mich.

9. Zum Schluss noch abschließend eine persönliche Frage: Was sind Ihre drei Lieblings-Erlebnisse, die Sie anbieten?

Es gibt nicht wirklich Lieblingserlebnisse, ich bin der Meinung, dass jedes neue Erlebnis immer etwas für sich hat. Aber natürlich kann ich Ihnen ein paar Erlebnisse nennen, die ich selbst getestet und für sehr gut befunden habe.

Zum einen habe ich im letzten Jahr den Jet-Flug über Deutschland ausprobiert. Den haben wir seit 2012 im Programm – und es lohnt sich: tolle Manöver, Loopings und Barrel Rolls. Das ist auf jeden Fall ein wahr gewordener Männertraum! Natürlich immer vorne mit dabei ist das Fallschirmspringen, das mache ich seit Jahren und genieße das Gefühl der Freiheit, das einem das Fliegen bringt. Für Anfänger bieten wir da Tandemsprünge an – oder für alle die lieber am Boden bleiben aber trotzdem Fliegen möchten ist Bodyflying ein guter Einstieg. Körper-Fliegen im Windkanal. Das ist eine tolle Sache, man schwebt in einem Luftstom nur wenige Meter über einem Netz – und Fliegt! Ich selbst nutze auch häufig die zahlreichen Wellness Erlebnisse, wenn ich mir selbst oder einem Freund einfach etwas Gutes tun will. Mit meiner Familie habe ich neulich den Husky Erlebnistag ausprobiert: Die Hunde, die einem sofort ans Herz wachsen, die rasante Hundeschlittenfahrt durch die verschneite Winterlandschaft und das gemeinsame „am Feuer sitzen“ danach. Das war für uns alle ein toller Tag, den wir nie vergessen werden.

Herr Schweizer, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Marc Brümmer von der AGITANO-Redaktion.

Marc Brümmer

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