Kolumnen

Sterbehilfe und Ampelfrauen: Die Epoche der Schizophrenie

Am gestrigen Donnerstag debattierte der Deutsche Bundestag über die Sterbehilfe. Die Meinungen gingen dabei auseinander: Während einige Sterbehilfe für ein würdevolles Sterben erlauben möchten, sehen andere darin die Gefahr einer Werteverschiebung, die den Suizid positiv besetzt. Gemeinsam sprach man sich jedoch gegen eine Kommerzialisierung der Sterbehilfe aus. Aus diesem Anlass befasst sich Ulrich B Wagner in seiner heutigen Kolumne aus der Reihe “QUERGEDACHT UND QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” mit Tod und Sterben – und was die Sterbehilfe-Debatte mit unserem Kontroll- und Effizienzzwang zu tun hat. 

Der Tod ist ein Skandal.

Elias Canetti

Wir müssen immer lernen, zuletzt auch noch sterben lernen.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

 

Emotionale Debatten: Ampelfrauen und Sterbehilfe

Während, was auf den ersten Blick komplett irre klingt, in Dortmund über einen Antrag zur Realisierung von Ampelfrauen verhandelt wird, da SPD und GRÜNE auf die Quotenfrau an den Fußgängerampeln setzen, wird im 422 km entfernten Berlin in einer hoch emotionalen Debatte über Sterbehilfe gestritten.

Doch der Reihe nach. Die Damen und Herren in Dortmund meinen es ernst mit ihrer Forderung, dem Ampelmann im Rahmen einer Frauenquote für Ampelfiguren teilweise den Gar auszumachen. Überall dort, wo die kleinen Männlein nicht mehr leuchten, sei es aus Altersschwäche oder sonstiger Defekte, sollen sie gegen Ampelfrauen ausgetauscht werden. Zur Begründung heißt es in dem Antrag: Durch die Gleichstellung von Frau und Mann ist eine teilweise Umrüstung von Ampelmännchen zu Ampelfrauen nur folgerichtig. Doch auch die Sicherheit wird in die Debatte geworfen. Die weibliche Version des Ampelmanns biete nämlich, dank des großen Rocks, auch mehr Leuchtfläche. Damit sei das Zeichen auffälliger.

Was wie blanker Irrsinn klingt hat jedoch Tradition. Denn bereits 2004 bekam das Männchen Gesellschaft von der Ampelfrau. Als erste Stadt richtete Zwickau einige Ampeln mit der kleinen Lady ein. Mit Dresden, Magdeburg und Fürstenwalde folgten weitere Städte in den neuen Bundesländern. Und nun halt Dortmund.

Sterbehilfe ist Zeichen des Kontrollwahns

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Die Debatte um Sterbehilfe ist Ausdruck unseres Kontrollwahns. (Bild: Marlies Schwarzin / pixelio.de)

Sowohl die Diskussion über das Ampelmännchen, als auch die über Sterbehilfe kann muss man meines meines Erachtens im Kontext dieser riesigen epochalen Schizophrenie betrachten, wie sie die DIE ZEIT unter dem Titel Wir, die Opfer des Glücks sehr schön beschrieben hat.

Der moderne Mensch will alles regeln. Er möchte sich so viele Optionen wie nur möglich offen halten, möchte am liebsten alles mit allem vereinbaren. In der Folge werden die Meister des Glücks zu den Opfern ihres eigenen Regelzwangs. Die Glücksritter verwandeln sich über Nacht zu den Vollstreckern der Überforderung. Depression und Burn-out inklusive.

Der Gegenwartsmensch fühlt sich gekränkt angesichts des Verlusts von Kontrolle über das Unverfügbare. Die derzeitige Diskussion um Sterbehilfe ist daher nur die andere Seite der Debatte über Social Freezing, dem Einfrieren von Eizellen. Mit dem sozialen Tieffrosten, wie es einige Internetkonzerne ihren Mitarbeiterinnen anbieten, sollen die Frauen die Freiheit erlangen, ihre Kinder erst dann zu bekommen, wenn sie es für richtig und mit ihrer Karriere vereinbar halten. Ob die Kinder dann von Omas aufgezogen werden, interessiert niemanden.

Es geht in beiden Diskussionen einzig und allein um die Beherrschung des Lebens, um egoistischen Kontrollgewinn, um die Eliminierung der Kränkung, die Mutter Natur dem Menschen immer wieder bereithält.

Der Tod ist eine Kränkung

Der Tod ist hierbei die größte Kränkung. Doch noch mehr fürchten wir Menschen das Sterben. Auch ich fürchte mich, da ich weiß, dass nur wenigen das Glück hold ist und sie, wie Papst Johannes XII. (937 bis 964), der für seine individuelle Auslegung der kirchlichen Moral bekannt war, beim Liebesakt in den Armen einer holden Frau sterben dürfen. Doch ist der Tod auf Bestellung hierauf die richtige Antwort? Es ist eine sehr komplexe Frage, die jeder für sich beantworten muss.

Ich für meine Person empfinde es als würdelos. Die Kommerzialisierung des Todes passt nämlich perfekt in diese Epoche der Schizophrenie, in der alles und jeder der Optimierung, der Effizienz und dem Kontrollgewinn zum Fraß vorgeworfen wird.

Der Tod wenigstens, und da stimme ich mit Jakob Augstein in seiner gestrigen Kolumne (Im Zweifel links: Verschont den Tod) überein, sollte hiervon verschont bleiben. Vor allem, wenn man die Alterative Palliativ-Medizin in Betracht zieht. Palliativ-Medizin hat nich Heilung, sondern Schmerzlinderung zum Ziel. Nur zur Erinnerung: Pallium ist ein lateinisches Wort und heißt Mantel. Mantel ist hier das zutreffende Wort, denn die palliative Medizin legt im wahrsten Sinne einen schützenden Mantel um die Todkranken.

Gegen Sterbehilfe, gegen die Kommerzialisierung des Todes

Auch ich möchte mich nicht vor Schmerzen krümmen, stundenlang nach Luft hecheln und mir vor lauter Angst in die Hosen machen, von den Seelenschmerzen ganz zu schweigen.

Ich für meine Person möchte aber auch diese Kommerzialisierung des Todes, diese trügerische Freiheit nicht.

Ich für meine Person wünsche mir, dass bis dahin die palliative Medizin in Deutschland stärker gefördert und subventioniert wird und mir dann in diesen Stunden ein geliebter Mensch die Hand hält.

Ich für meine Person wünsche mir daher angesichts des Todes etwas, dass leider immer mehr von dieser Welt verschwindet: Demut.

Doch ich weiß auch, dass es nichts Persönlicheres im Leben gibt als den Tod. Daher sollte, jeder für sich, sich seine eigene Antwort darauf machen dürfen.
Ihr

Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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