Warum die betriebliche Altersvorsorge für den Mittelstand neu gedacht werden sollte
Viele kleine und mittlere Unternehmen betrachten die betriebliche Altersvorsorge zunächst als Pflichtthema. Das ist verständlich. Im Tagesgeschäft zählen Aufträge, Personalplanung, Liquidität, Prozesse und Kundenzufriedenheit meist stärker als Vorsorgestrukturen. Dennoch lohnt sich ein genauer Blick, denn die betriebliche Altersvorsorge berührt mehrere unternehmerische Ebenen zugleich.
Sie betrifft die arbeitsrechtliche Umsetzung, die Entgeltabrechnung, die interne Kommunikation und die langfristige Bindung von Beschäftigten. Wer die Umsetzung ohne klare Struktur angeht, riskiert unnötigen Aufwand und mögliche Haftungsfragen. Wer das Thema dagegen bewusst gestaltet, kann daraus einen nachvollziehbaren Vorteil im Wettbewerb um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln.
Gerade im Mittelstand zählt Vertrauen. Viele Beschäftigte achten darauf, ob ihr Arbeitgeber nicht nur den Monatslohn zahlt, sondern auch langfristige Verantwortung zeigt. Eine sauber aufgesetzte Lösung kann dabei helfen, Vorsorge verständlich zu machen und interne Standards zu schaffen. Wichtig ist zudem, dass Unternehmen nicht erst bei einer konkreten Anfrage reagieren. Sinnvoller ist es, frühzeitig ein einheitliches Konzept zu entwickeln, Zuständigkeiten zu klären und die Kommunikation verständlich vorzubereiten.
In vielen Betrieben entscheidet dabei nicht die Höhe des Zuschusses allein, sondern die Verständlichkeit des gesamten Angebots. Eine betriebliche Altersvorsorge entfaltet ihre Wirkung, wenn Beschäftigte den Nutzen erkennen und Unternehmen den Ablauf verlässlich steuern können. So wird aus einer komplexen Pflichtaufgabe ein handhabbares System. Die betriebliche Altersvorsorge wird damit nicht allein zur Rentenfrage, sondern zu einem Baustein moderner Unternehmensführung.
Betriebliche Altersvorsorge wird für KMU zur Rechts- und Strategiefrage
AGITANO: Guten Tag, Herr Schlehr. Sie arbeiten bereits seit über 15 Jahren in der Finanz- und Versicherungsberatung mit Schwerpunkt auf der betrieblichen Altersvorsorge. Wir freuen uns, heute die bAV mit Ihnen genauer zu durchleuchten. Welche neuen Gesetze beschäftigen derzeit den Mittelstand und welchen Bezug haben sie zur bAV?
Norman Schlehr: Im Mittelpunkt stehen Regelungen aus dem Betriebsrentenstärkungsgesetz, darunter die Zuschusspflicht zur Entgeltumwandlung, Dokumentationspflichten sowie Fragen zur Übernahme von Altverträgen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben einen gesetzlichen Anspruch auf Entgeltumwandlung. Arbeitgeber müssen diesen korrekt umsetzen.
AGITANO: Also betrifft das faktisch jedes Unternehmen mit Beschäftigten?
Norman Schlehr: Genau. Die gesetzlichen Regelungen bringen zusätzliche Pflichten, schaffen aber zugleich Vorteile. Der Staat stärkt bewusst die betriebliche Altersversorgung als ergänzende Säule der Altersvorsorge. Daraus ergeben sich strukturierte Prozesse, leichtere Verwaltung und klar geregelte Kooperationen mit Versicherern. Dass das Thema dennoch häufig nicht im Fokus steht, ist nachvollziehbar. Es gehört verständlicherweise nicht zum operativen Kerngeschäft vieler Unternehmen.
Steuer- und Lohnbüros decken nicht automatisch alle bAV-Fragen ab
AGITANO: Warum wurde dieses Thema von Steuer- oder Lohnbüros bislang kaum adressiert?
Norman Schlehr: Steuer- und Lohnbüros leisten in ihrem Aufgabenbereich oft sehr gute und hochwertige Arbeit. Sie sind verlässliche Dienstleister in allen abrechnungs- und steuerlichen Fragestellungen.
AGITANO: Aber die bAV fällt nicht automatisch darunter?
Norman Schlehr: Richtig. Die strategische Gestaltung der betrieblichen Altersversorgung gehört nicht automatisch zu diesem Leistungsspektrum. Zudem ist gesetzlich klar geregelt, wer welche Beratungstätigkeit ausüben darf. Arbeits-, versicherungs- und produktbezogene Beratung fällt nicht selbstverständlich in den Zuständigkeitsbereich einer Steuerkanzlei. Ohne eine spezialisierte Einbindung bleibt das Thema daher häufig außerhalb des regulären Beratungsumfangs.
AGITANO: Warum ist die bAV für KMU so relevant?
Norman Schlehr: Weil Arbeitgeber den gesetzlichen Anspruch auf Entgeltumwandlung rechtssicher abbilden müssen und die bAV zugleich strategisch wirkt. Eine sauber strukturierte bAV stärkt die Marktposition, auch regional gegenüber größeren Unternehmen. Zudem unterstützt sie konkret bei der Gewinnung und Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
AGITANO: Sie sprechen von strategischer Wirkung. Was meinen Sie konkret?
Norman Schlehr: Für mich ist es ein zentrales Anliegen, dass Unternehmen dieses gesetzliche Pflichtthema nicht nur verwalten. Es ist mir persönlich wichtig, dass die bAV produktiv genutzt wird: als echter Unternehmensvorteil und als strategisches Werkzeug, etwa im Wettbewerb um Fachkräfte. Wer sie richtig einsetzt, schafft Rechtssicherheit und stärkt gleichzeitig seine unternehmerische Position.
Betriebliche Altersvorsorge kann als strategisches Unternehmensinstrument wirken
AGITANO: Ab welcher Unternehmensgröße gelten die rechtlichen Grundlagen?
Norman Schlehr: Bereits ab einer sozialversicherungspflichtig beschäftigten Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter im ersten Arbeitsverhältnis greifen die gesetzlichen Regelungen. Eine Mindestgröße gibt es nicht.
AGITANO: Also auch der kleine Handwerks- oder Dienstleistungsbetrieb?
Norman Schlehr: Ganz genau. In kleineren Betrieben handelt es sich meist um Einzellösungen. Kollektiv- und Mittelstandslösungen sind je nach Versicherer häufig ab fünf bis elf Mitarbeitenden möglich.
AGITANO: Wie sollte ich reagieren, wenn ich noch keine bAV eingerichtet habe und eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter den Wunsch danach äußert?
Norman Schlehr: Zunächst ist das ein positives Signal. Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter aktiv nach einer bAV fragt, kann das ein Hinweis auf langfristige Bindungsabsicht und Planungssicherheit sein. Es gibt in der Praxis im Wesentlichen zwei Wege: Entweder greift ein bestehender Versicherungsberater im Unternehmen das Thema auf, oder die Mitarbeiterin beziehungsweise der Mitarbeiter bringt einen eigenen Fachberater mit. Entscheidend ist, dass die Lösung strukturiert, einheitlich und rechtlich sauber umgesetzt wird.
AGITANO: Was entgegnen Sie der Meinung, die bAV sei nicht mehr zeitgemäß?
Norman Schlehr: Diese Einschätzung ist überholt. Moderne Lösungen kombinieren Garantie und Investment mit flexiblen Quoten und reduziertem Kostenmantel. Dabei können beispielsweise auch ETFs innerhalb der betrieblichen Altersversorgung integriert werden.
AGITANO: Also deutlich anders als früher?
Norman Schlehr: Ja. Bei einem gesetzlichen Rentenniveau von rund 48 Prozent lässt sich der bisherige Lebensstandard im Alter in vielen Fällen nicht allein über die gesetzliche Rente sichern. Genau deshalb wurde die betriebliche Altersversorgung als ergänzende Säule der Altersvorsorge gestärkt.
Moderne betriebliche Altersvorsorge braucht klare Prozesse und geringe Verwaltung
AGITANO: Warum steht die bAV dennoch oft nicht im Fokus?
Norman Schlehr: Altersvorsorge hat im Alltag selten Priorität. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft.
AGITANO: Und aufseiten der Angestellten?
Norman Schlehr: Auch dort wird sie häufig nicht aktiv eingefordert. Zudem wird die betriebliche Lösung in der privaten Beratung oft nicht als Bestandteil eines ganzheitlichen Altersvorsorge-Mixes angesprochen.
AGITANO: Welche häufigen Fehler beobachten Sie bei der Einrichtung von Firmen-Versorgungssystemen?
Norman Schlehr: Klassische Tretminen bei der Implementierung sind unter anderem fehlende Information, keine Versorgungsordnung und unterschätzte Haftung bei übernommenen Verträgen. Falsche Durchführungswege erhöhen den Verwaltungsaufwand oder beeinflussen Bilanzen. Auch der Arbeitgeberzuschuss wird nicht immer korrekt berechnet.
AGITANO: Welche wirtschaftlichen Vorteile hat der Arbeitgeber?
Norman Schlehr: Neben Lohnnebenkosteneffekten stärkt die bAV Mitarbeiterbindung und Standortattraktivität.
AGITANO: Spielt das im Recruiting eine Rolle?
Norman Schlehr: Ja. Sie zählt häufig zu den besonders relevanten Benefits, stärkt das regionale Image und das Vertrauensverhältnis im Unternehmen. Der Arbeitgeberzuschuss kann zudem in Gehaltsverhandlungen eingebunden werden.
Inhaber- und Geschäftsführervorsorge braucht eine eigene Struktur
AGITANO: Welche Optionen bestehen für Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer einer GmbH oder AG?
Norman Schlehr: Die Rechtsform ist entscheidend. In Kapitalgesellschaften bestehen weitergehende Möglichkeiten, etwa über Direktversicherungen oder Unterstützungskassen.
AGITANO: Und bei Personengesellschaften?
Norman Schlehr: Dort liegt der Schwerpunkt stärker auf privater, aber ebenfalls steueroptimierter Vorsorge. Die Spielräume sind anders gelagert und müssen im Einzelfall separat geprüft werden. In beiden Fällen muss zudem geprüft werden, in welchem Rahmen die jeweiligen Personen in die Sozialversicherungssysteme eingebunden sind. Unterschiede bei Renten- und Gesundheitsabsicherung wirken sich sowohl in der Ansparphase als auch im Ruhestand auf Beiträge, Leistungen und steuerliche Effekte aus. Damit beeinflussen sie die gesamte Vorsorgestrategie.
Digitalisierung macht betriebliche Altersvorsorge im Alltag handhabbar
AGITANO: Welche Rolle spielt Digitalisierung?
Norman Schlehr: Die Digitalisierung spielt eine sehr große Rolle. Standardfälle wie Anmeldung, Abmeldung oder Beitragsanpassungen sollten digital mit wenigen Klicks möglich sein.
AGITANO: Also klare Prozesse statt Papier im Alltag?
Norman Schlehr: Genau. KMU wünschen sich flexible Strukturen mit klaren Standards und möglichst wenig Verwaltungsaufwand. Digitalisierung muss Prozesse vereinfachen und Effizienz schaffen, statt zusätzliche Komplexität aufzubauen.
AGITANO: Was unterscheidet gute KMU-Lösungen von Standardprodukten?
Norman Schlehr: Individuelle Konzepte statt Lösungen von der Stange. Rechtsform, Liquidität, Bilanz und Unternehmensstrategie müssen berücksichtigt werden. Die Lösung muss zum Unternehmen passen.
AGITANO: Vielen Dank für Ihre klaren und fundierten Einblicke. Ich bin überzeugt, dass unsere Leserinnen und Leser daraus konkrete Impulse für ihre unternehmerische Praxis mitnehmen können.
Norman Schlehr: Ich danke Ihnen ebenfalls für das Gespräch. Wenn es gelungen ist, Orientierung zu geben und Denkanstöße zu liefern, freut mich das sehr. Vielen Dank für Ihre Zeit.
Das Interview mit Norman Schlehr von besser bAV führte Oliver Foitzik, Herausgeber von AGITANO.
Was Mittelständler aus dem Interview für ihre betriebliche Altersvorsorge mitnehmen
Das Gespräch zeigt, dass die betriebliche Altersvorsorge im Mittelstand nicht isoliert betrachtet werden sollte. Sie verbindet rechtliche Anforderungen, Personalstrategie, Vorsorgefinanzierung, Verwaltung und Kommunikation. Genau deshalb reicht es häufig nicht aus, einzelne Verträge nebeneinander bestehen zu lassen oder erst dann zu reagieren, wenn Beschäftigte aktiv nach einer Lösung fragen.
Entscheidend ist eine Struktur, die zum Unternehmen passt. Dazu gehören klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Prozesse, eine saubere Dokumentation und eine Lösung, die sowohl Arbeitgeber als auch Beschäftigte verstehen. Besonders wichtig ist zudem die Abgrenzung zwischen Lohnabrechnung, Steuerfragen, Versicherungsberatung und arbeitsrechtlicher Bewertung. Jede dieser Ebenen erfüllt eine eigene Funktion. Erst im Zusammenspiel entsteht eine belastbare Grundlage für die Praxis.
Für KMU kann eine gut aufgesetzte betriebliche Altersvorsorge mehrere Wirkungen entfalten. Sie reduziert Unsicherheit, stärkt die Arbeitgebermarke und macht ein gesetzlich geprägtes Thema für Beschäftigte greifbarer. Gleichzeitig zeigt sie, dass ein Unternehmen Verantwortung übernimmt und langfristig denkt. Damit wird die betriebliche Altersvorsorge zu einem Instrument, das nicht nur verwaltet, sondern aktiv gestaltet werden sollte.
Für Unternehmerinnen und Unternehmer bedeutet das: Nicht die einzelne Produktlösung steht am Anfang, sondern die Frage, welche Ziele mit der Versorgung erreicht werden sollen. So lässt sich das Thema klarer einordnen und im Unternehmensalltag besser verankern. Der größte Gewinn entsteht, wenn aus verstreuten Einzelentscheidungen ein durchdachtes Versorgungskonzept wird.
Redaktioneller Hinweis: Die im Interview genannten Aspekte bieten eine fachliche Orientierung. Sie ersetzen keine individuelle rechtliche, steuerliche oder versicherungsfachliche Prüfung im Einzelfall.
Über den Interviewpartner Norman Schlehr
Norman Schlehr ist Berater für Firmenkunden aus kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mit Sitz in Hannover. Er betreut Unternehmen bundesweit persönlich und digital. Seine Schwerpunkte liegen in der betrieblichen Altersversorgung sowie in der strukturierten Inhabervorsorge unter Berücksichtigung der jeweiligen Rechtsform. Ergänzend unterstützt er Unternehmen bei der Absicherung betrieblicher Risiken durch Firmenversicherungen, etwa in den Bereichen Betriebshaftpflicht- und Rechtsschutzversicherung.


