Einsichten & Ansichten

Dialog statt Spaltung (1): Gesprächsbereitschaft ist ein Zeichen von Stärke – Interview mit Patrick Nini

Buchautor und Kommunikationstrainer Patrick Nini in Hemd und Sakko vor roter Wand

Man findet sie praktisch überall: Festgefahrene Meinungen und Schwarz-Weiß-Denken. Dass diese Denkweisen zunehmen, stellte auch der Kommunikationstrainer und Autor Patrick Nini fest. Verschiedene Entwicklungen in der Gesellschaft stimmten ihn zunehmend besorgt – woraufhin er sich verstärkt mit dem Thema Spaltung sowie Lösungsansätzen dazu beschäftigte. Vor Kurzem ist nun sein neues Buch „Dialog statt Spaltung! Verantwortungsbewusst kommunizieren und Brücken bauen in unserer Gesellschaft“ erschienen. Dazu verlosen wir drei Exemplare des Buches – und im Rahmen der Buchverlosung haben wir selbstverständlich die Gelegenheit zum Interview mit dem Autor genutzt. Im folgenden Teil Eins erläutert Patrick Nini seine persönliche Motivation dazu, sich mehr mit Spaltung auseinanderzusetzen, und warum jede*r Einzelne den Weg für verantwortungsbewussten Dialog bereiten sollte. Zudem teilt er einige interessante Einsichten mit uns, was wir selbst im Alltag berücksichtigen können und sollten – privat wie auch beruflich.

Anmerkung der Redaktion: Bis Freitag, den 30. Oktober 2020 um 23:59 Uhr, verlost AGITANO drei Exemplare des neuen Buches von Patrick Nini, „Dialog statt Spaltung!“. Jetzt teilnehmen und gewinnen!

Die Sachebene wird teils vollkommen ausgeklammert – Patrick Nini im Interview

Schönen guten Tag Herr Nini, Ihr Buch fordert dazu auf, verantwortungsbewusst zu kommunizieren und dadurch Brücken zu bauen in unserer Gesellschaft. Wie sind Sie auf diesen Ansatz gekommen?

Im Laufe der letzten Jahre konnte ich in unserer Gesellschaft ein stetig zunehmendes Meinungstauziehen feststellen. Speziell betreffend die Politik fiel mir auf, dass sich Menschen mehr und mehr zu einer äußerst eindeutigen Position hingezogen fühlen. Links oder Rechts. Schwarz oder Weiß. Graustufen scheint es in der gesellschaftlichen Debatte kaum mehr zu geben. Hat sich jemand erst einmal für eine Seite entschieden, ist seine Meinung meist derart festgefahren, dass sich daran kaum mehr rütteln lässt. Und jeder, der anders denkt, wird automatisch als „im Unrecht“, vielleicht sogar als „Feind“ eingestuft.

Auch Demonstrationen – wie jene, die Anfang 2018 in Kandel nach einer dramatischen Beziehungstat, als die NPD und die AfD zum Protest aufriefen und sich kurz darauf das Bündnis „Wir sind Kandel“ bildete – stimmten mich zunehmend besorgt. Ich begann, mich mit dem Thema Spaltung näher zu beschäftigen, denn ich wollte genauer verstehen, warum dieser Hass entsteht und sich in heftigen Demonstrationen entlädt. Und mir wurde klar, dass es in unserer Gesellschaft so nicht weitergehen kann!

Auch in meinem privaten Umfeld treffen immer wieder die gegensätzlichsten Meinungen zu Politik, Wirtschaft und Weltgeschehen aufeinander und sorgen für festgefahrene Fronten. Echter Austausch und ein wertschätzender Dialog sind dann kaum mehr möglich, da die meisten Gesprächsteilnehmer – sobald es um ihre ureigenen Überzeugungen und ihr persönliches Weltbild geht – sich sofort auf eine rein emotionale Ebene begeben und die Sachebene total ausklammern. Und dennoch habe ich einige sehr positive Situationen erlebt, in denen ein wertschätzender Dialog trotz komplett unterschiedlicher Ansichten möglich war.

Diese Erkenntnis hat mich dazu bewogen, noch tiefer in die Thematik Spaltung einzutauchen und Methoden zu entwickeln, die einen fruchtbaren Dialog unterstützen. Diese Methoden stelle ich in meinem Buch meiner Leserschaft vor und lade sie ein, weniger kontrovers zu kommunizieren.

Spaltung findet in nahezu jedem Bereich statt

In welchen Bereichen erkennen Sie denn diese zunehmende Spaltung der Gesellschaft?

Spaltung kommt heute so gut wie in allen Lebensbereichen vor. Man hasst etwas, oder man liebt es: politische Parteien, Demonstrationsbewegungen oder das Dschungelcamp. Zwischen diesen Meinungen liegen tiefe Abgründe, über die in den meisten Fällen keine gangbaren Brücken gebaut sind.

Bei anderen gesellschaftlichen Themen ist es genau dasselbe. Blickt man auf die Hygiene-Demonstranten in der Corona-Debatte, stellt man fest, dass dort verschiedene Arten von Menschen zusammenfinden: Jene, die sich einfach nur Sorgen machen, Menschen, die sich benachteiligt fühlen, LGBTQ-Anhänger, Reichsbürger und diejenigen, die Verschwörungstheorien anhängen. Was passiert nun? Wir werfen alle diese unterschiedlichen Menschen und Charaktere in einen Topf und verabreichen ihnen das Label: „Covidiot“. Und schon ist dem Dialog ein Riegel vorgeschoben, denn nun findet sich die Demonstrationsgruppe tatsächlich zusammen in einer Wahrnehmungsebene und vergisst darüber selbst, dass es vorher doch auch Graustufen und unterschiedliche Blickwinkel gab.

Andere Beispiele wären die verhärteten Fronten bei den Themen Klimakrise, Abtreibungen, Impfen, gleichgeschlechtliche Liebe, Migration, bis hin zu unterschiedlichen Ernährungsmodellen. Und diese Liste könnte man endlos weiterführen. Spaltung findet nahezu überall statt – und gerade deswegen ist es umso bedeutsamer, kommunikative Brücken zu bauen und Wege zu finden, verantwortungsbewusst miteinander zu kommunizieren.

Gesprächsbereitschaft ist kein Zeichen von Schwäche

Warum können kommunikative Brücken dieser Spaltung entgegenwirken? Und noch wichtiger, wie gelingt es uns, sie gemeinsam zu errichten?

Wenn erst einmal eine unüberwindbare Spaltung zwischen zwei Positionen herrscht, gibt es kaum mehr eine Möglichkeit, mit den Anhängern der anderen Position über dieses Thema auch nur ansatzweise zu diskutieren. Wenn sich eine Debatte bereits im Zustand tiefer Spaltung befindet, ist kommunikativ vorher bereits so einiges falsch gelaufen. Dazu kommt, dass im Rahmen von verantwortungsloser und manipulativer Kommunikation die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören, immer mehr abnimmt. Der Spalt vertieft sich – es entstehen tiefe Gräben.

Kommunikative Brücken können dieser Entwicklung entgegenwirken. Um diese Brücken zu bauen, sollten von beiden Seiten erste Brückenpfeiler gesetzt werden, indem man im ersten Schritt überhaupt einmal bereit ist, der anderen Partei zuzuhören. Der zweite Pfeiler kann damit errichtet werden, indem man aufeinander zugeht. Joe Käser, der CEO von Siemens, hat Anfang 2020 verstanden, dass das Ignorieren von „Fridays for Future“ nicht länger möglich war und lud die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer zu einem Gespräch ein. Natürlich konnten die Gräben nicht sofort zugeschüttet werden, aber ein erster kommunikativer Brückenpfeiler wurde dennoch gesetzt.

Damit es auch bei allen anderen gesellschaftlichen Debatten so laufen kann, müssen wir lernen, uns von unseren emotionalen Verankerungen zu lösen, zu reflektieren und zu hinterfragen, was gewisse Informationen – etwa in Social Media – mit uns machen. Und vor allem sollten wir erkennen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, seinem Gesprächspartner die Hand zu reichen und ihm entgegenzukommen.

Erfolg erfordert die Bereitschaft zu Dialog – in jeder Hinsicht

Sie sind ja Kommunikationstrainer. Auf welche Art und Weise können Unternehmen die Kommunikation und die Dialoghaltung mit ihren Kunden und sonstigen Stakeholdern verbessern beziehungsweise diese immer transparent und klar ablaufen lassen?

Der Zweck eines jeden Unternehmens ist es ja, den Nutzen für seine Kunden zu erhöhen. Marktführer ist immer derjenige, der die Kundenprobleme am besten versteht. Der einzige Weg, diese effektiv herauszufinden, ist ein offenes Ohr und eine hohe Gesprächsbereitschaft zu haben. Im B2B-Bereich können Sie Probleme Ihrer Kunden zwar eine Weile ignorieren – vielleicht, weil der Kunde für Sie nur ein kleiner Fisch ist – und ihn so zu Individuallösungen zwingen. Oder aber Sie öffnen mit diesem Gebaren der Konkurrenz Tür und Tor. Sie können jedoch auch die Chance nutzen, genau zuhören und die Probleme Ihrer Kunden tatsächlich verstehen. Eine echte Entwicklungspartnerschaft mit dem Kunden, in der wirklich neue Lösungen entstehen, öffnet Ihnen höchstwahrscheinlich ganz neue Geschäftsfelder.

Anders sieht es im B2C-Bereich aus, wenn eine Ware austauschbar ist, etwa wie Mineralwasser. In dem Bereich erkennt man mittlerweile auch ganz klar, was der Kundenwunsch ist: Mehr Nachhaltigkeit! Hier etwas zu ändern, erfordert das Einbeziehen vieler Beteiligter: Logistikpartner, Abnehmer, Abfüller, Flaschenhersteller, et cetera. Es liegt auf der Hand, dass eine grundlegende Änderung des Produkts den Dialog mit allen Stakeholdern erfordert und die Umstellung zu mehr Nachhaltigkeit ein komplexes und risikoreiches Unterfangen ist. Der einfachste Weg, diesem Aufwand zu entgehen, ist es nun, so zu tun, als wäre man bereits nachhaltig. Daher ist Greenwashing auch so beliebt: Der Verpackung einfach einen grünen Marketinganstrich verpassen und fertig ist das Nachhaltigkeitspaket.

Allerdings verspielen Unternehmen damit auch eine große Chance, da man den Kundenwunsch zwar kennt, aber nicht umsetzt. Denn Kunden sind mittlerweile schlau genug, um Greenwashing zu durchschauen und reagieren entsprechend. So oder so ist daher der Dialog mit allen Beteiligten unausweichlich.

Dialog statt Spaltung – ein notwendiges Motto auch in der Politik

Gerade jetzt in der Corona-Krise geht es auch um präzise Anweisungen und Abläufe. Wie schätzen Sie die aktuelle Kommunikation der Politiker in diesem Zusammenhang ein?

Das Zusammenspiel der Politiker im März dieses Jahres, kurz vor dem Lockdown, hat mir sehr gut gefallen hat. Alle – auch die Opposition – zogen an einem Strang, das Virus wurde ernst genommen. Das lag sicherlich auch dran, dass niemand die Situation richtig einschätzen konnte und man nichts falsch machen wollte.

Mittlerweile haben wir uns an die neue Situation mehr oder weniger gewöhnt. Und an dieser Stelle entsteht die erste Spaltung innerhalb der Gesellschaft: Einige Menschen nehmen die Lage nicht mehr so ernst, hören weniger oder gar nicht auf die Vorgaben der Politik und gehen somit auch leichtfertig mit den Regelungen um. Hinzu kommt, dass manche politische Parteien Stimmen von Corona-Leugnern einfangen möchten. Dieses Verhalten ist ziemlich durchschaubar und, wie ich finde, moralisch in Frage zu stellen.

Auffällig ist auch, dass einige Politiker nicht mehr ernst genommen werden, weil sie es mit der Ehrlichkeit auch in den letzten Jahren nicht ganz so genau nahmen oder eine Situation ausgenutzt haben, um sich zu profilieren. Gerade jetzt zeigt sich aber, dass am Ende jenen Politikern mehr Glauben geschenkt wird, welche grundsätzlich an einer ehrlichen und nachhaltigen Kommunikation interessiert sind und stets nach einem guten Konsens suchten.

Die Krisen-Manager Merkel und Spahn haben aus meiner Sicht kommunikativ einen guten Job geleistet. Der Spruch „Merkel kann Krise“ kommt nicht von ungefähr. Ihr Vorgehen in der Pandemie ist durchdacht, konsequent und ehrlich. Auch Jens Spahn möchte ich an dieser Stelle als positives Beispiel für eine ehrliche und brückenbauende Kommunikation nennen. Nachdem sich herausstellte, dass seine zu Beginn der Krise aufgestellten Corona-Maßnahmen ein wenig überzogen waren, reagierte er sehr einsichtig und stand zu seinen Fehlern. Er zeigte also Transparenz und machte sich somit angreifbar, gleichzeitig schuf er aber auch die Grundlage für einen ehrlichen Dialog in der Zukunft. Fehler zuzugeben ist keine Schwäche, sondern im Hinblick auf echte Dialogfähigkeit eine große Stärke!

Herr Nini, vielen herzlichen Dank für dieses spannende Gespräch und die interessanten Gedankenanstöße, auch zu diesen hochaktuellen Themen! Wir freuen uns auf Teil Zwei des Interviews!

Das Interview mit Patrick Nini führte Oliver Foitzik, Herausgeber AGITANO und Geschäftsführer der FOMACO GmbH.

Anmerkungen der Redaktion:

  • Lesen Sie auch Teil Zwei des Interviews mit Patrick Nini: Dieses erscheint am Donnerstag, den 29. Oktober 2020, hier auf AGITANO.
  • Nehmen Sie gern an der Buchverlosung teil: Bis Freitag, den 30. Oktober 2020, verlost AGITANO drei Exemplare von „Dialog statt Spaltung!“ unter allen Lesenden. Die Teilnahme dauert zwei Minuten – jetzt mitmachen und gewinnen!

Über Patrick Nini

Kommunikationstrainer und Autor Patrick Nini in Hemd und rotem Sakko vor grauer Wand
Patrick Nini ist als Vortragsredner und Kommunikationstrainer tätig sowie seit langer Zeit politisch aktiv. Im September 2020 erschien sein neues Buch „Dialog statt Spaltung! Verantwortungsbewusst kommunizieren und Brücken bauen in unserer Gesellschaft“ im GABAL-Verlag. (Bild: © Malte Robra)

Patrick Nini ist Autor und Kommunikationscoach. Der gebürtige Österreicher berät Politik und Wirtschaft und erarbeitet ehrliche und nachhaltige Kommunikationsstrategien. Er kennt die relevanten Werkzeuge für verantwortungsbewusste Kommunikation und durchschaut die Fallstricke verantwortungslosen Kommunizierens. Als Autor zeigt er Wege auf, wie anstelle der gesellschaftlichen Spaltung neue Brücken entstehen können. Patrick Nini ist überzeugt, dass es gelingen kann, Brücken zu bauen und auf diese Weise die Gesellschaft zu einen. 2019 war er Nationalratskandidat in Österreich, gehört jedoch heute keiner Partei als Mitglied an. Er hat das Rhetorik-Modell „Speech Pad“ konzipiert und Speech5, einen digitalen Rhetorik-Coach, entwickelt. 2017 erschien sein Buch „Speech Pad: Warum gut präsentieren heute anders geht“ bei GABAL. Mehr erfahren Sie unter www.patricknini.com.

Oliver Foitzik

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