Einsichten & Ansichten

Dialog statt Spaltung (2): Wie Gespräche besser und Horizonte weiter werden – Interview mit Patrick Nini

Kommunikationstrainer und Autor Patrick Nini in Hemd und rotem Sakko vor grauer Wand mit Querstreben

Verantwortungsbewusstes Kommunizieren geht über die (oft missverstandene) Political Correctness hinaus. Doch wie entsteht eigentlich wahrer Dialog, und wie kommen wir aus unserer Bubble heraus? Hilfreiche Antworten auf diese und weitere Fragen gibt Kommunikationsexperte und Autor Patrick Nini im Interview. Im ersten Teil des Gesprächs ging es unter anderem darum, in welchen Bereichen wir mit Spaltung konfrontiert sind, woher sie rührt und warum das Thema letztlich jede*n angeht. Der folgende Teil Zwei beginnt mit der Bubble – also eine gewisse Informations-Komfortzone, in der sich jede Person befindet – und wie man sich daraus lösen kann. Zudem geht es um eine richtige Einschätzung der politisch korrekten Sprache – und zahlreiche Tipps und Hinweise für verantwortungsbewusstes Kommunizieren und echten Dialog – der alle Seiten voranbringt.

Anmerkungen der Redaktion:

Dialog entsteht, wenn man die eigene (Social Media-)Bubble verlässt – Patrick Nini im Interview

Herr Nini, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Menschen zunehmend in ihrer eigenen Bubble leben und von ihren diversen kommunikativen Umfeldern massiv beeinflusst werden. Warum ist das so? Und vor allem: Wie geht man mit diesen Bubble-Verfechtern im Dialog am besten um? Beziehungsweise gibt es überhaupt einen Dialog mit ihnen?

Mit der Bubble ist gemeint, dass wir alle auf unserem Social Media-Feed nur einen sehr kleinen Bruchteil an Informationen zu sehen bekommen, der sich aus unseren Interessen und Meinungen zusammensetzt. Facebook berechnet beispielsweise mit einem klugen Algorithmus, was wir sehen wollen und worüber wir uns aufregen.

Nicht nur auf Social Media können wir uns aussuchen, welchen Menschen wir folgen, welche Seiten wir liken, sondern auch in unserem privaten Umfeld entscheiden wir, wen wir zu unserem Freundes- und Bekanntenkreis zählen. Und das sind nun einmal meistens Leute, die einen ähnlichen Blick auf die Welt haben wie wir selbst. Den Dialog mit einem komplett Andersdenkenden empfinden wir nämlich als sehr anstrengend und versuchen, diesen so gut es geht zu vermeiden. Das bringt allerdings das Risiko mit sich, einen sehr eindimensionalen Blick auf die Welt zu entwickeln.

Der erste Schritt aus dieser Bubble heraus besteht darin, ein Bewusstsein dafür zu erlangen, dass es andere Ansichten gibt! Darauf basierend kann man sich dann selbst einen Reiz setzen und mit Andersdenkenden bewusst kommunizieren. Deswegen meine Empfehlung: Konsumieren Sie gelegentlich auch Meinungen, die nicht Ihrem üblichen Interesse entsprechen. Das können andere Medien sein als jene, die Sie regelmäßig lesen, oder aber auch ein anderer Ansprechpartner bei Problemen, der nicht nur den Zweck erfüllt, Ihre eigene Meinung zu spiegeln. Treten Sie bewusst öfters einen Schritt aus der eigenen Bubble heraus – hin zu Menschen und Themen, die Ihren Horizont noch erweitern können.

Sich nicht manipulieren lassen: Grundregeln für die Social Media-Nutzung

Welche Rollen spielen die sozialen Medien bei der Bildung dieser Bubbles konkret und wie können wir mit den auf den diversen Kanälen mehr und mehr auftretenden Fake News-Verbreitungen umgehen?

Das Ziel aller Social Media-Plattformen ist, dass wir uns so lange wie möglich dort aufhalten. Deshalb erscheinen meistens Themen im News Feed, die uns zum Handeln, also zum Kommentieren oder Reagieren, verleiten. Daher gibt es auch die „Facebook-Reactions“, mit denen der Konzern besser messen kann, welche Emotionen wir gerade empfinden. Es werden auch zunehmend jene Beiträge angezeigt, über die sich viele Menschen aufregen, dadurch entsteht eine gewisse Dynamik und als letzte Konsequenz kann so ein Shitstorm entstehen.

Bezüglich unser Kommunikationsgebaren auf Social Media lassen wir uns alle von unseren Emotionen und unserem Mitteilungsbedürfnis leiten und schenken Fake News daher meist unglaublich viel Aufmerksamkeit und Energie. Um das in Zukunft zu verhindern, sollten wir lernen, nicht alle Informationen, die tagtäglich auf uns einprasseln, für bare Münze zu nehmen, sondern erst einmal deren Quellen zu überprüfen und mit anderen Beiträgen zu vergleichen.

In puncto Social Media-Nutzung habe ich zwei Grundregeln für mich eingeführt, die ich jedem nur ans Herz legen kann:

  1. Ich folge lieber einer Seite zu wenig als einer falschen Seite zu viel.
  2. Ich prüfe das Impressum der jeweiligen Seite. Sind der Ansprechpartner, seine Herkunft, E-Mail-Adresse und vor allem eine Anschrift unbekannt, werde ich der Seite nicht folgen!

Stellen Sie sich in dem Zusammenhang am besten auch einmal die Frage: Wissen Sie wirklich auch von allen Seiten, denen Sie folgen, welche Interessensgruppen dahinterstehen?

Wie sich der Wahrheitsgehalt einfach überprüfen lässt

Vielen Dank für diese Tipps! Um noch einmal konkret auf „Dialog statt Spaltung!“ zurückzukommen: Sie rufen in Ihrem Buch dazu auf, dass wir alle uns wie Journalisten fühlen und Redaktionsverantwortung übernehmen sollten. Wie können wir dieser nachkommen, wenn wir den Beruf des Journalismus ja meist nicht ausüben?

Buchautor und Kommunikationstrainer Patrick Nini in Hemd und Sakko
Patrick Nini ist als Vortragsredner und Kommunikationstrainer tätig sowie seit langer Zeit politisch aktiv. Im September 2020 erschien sein neues Buch „Dialog statt Spaltung! Verantwortungsbewusst kommunizieren und Brücken bauen in unserer Gesellschaft“ im GABAL-Verlag. (Bild: © Malte Robra)

Wenn wir auf Social Media Inhalte posten, dann geben wir Informationen preis und gewisse Leute lesen diese – nichts anderes macht ein Journalist. Wir sind also Redakteure unseres eigenen Medienzirkels und tragen somit auch die Verantwortung für die Qualität der Informationen, die wir verbreiten. Ein Journalist sollte stets auf der Suche nach der Wahrheit sein – und das sind viele Leute in Social Media ganz offensichtlich nicht. Hier sollte sich dringend etwas ändern!

Eine gute Orientierung bietet dazu der deutsche Presse-Kodex. Wenn wir Teile davon auch für uns nutzen und auf unser Verhalten übertragen, könnte es in Zukunft weitaus weniger Skandale und Unruhen geben. Ein erster Schritt ist es, die Informationen, die bei uns eintreffen, stets mit Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ein einfacher Schritt ist dabei die umgekehrte Google-Bildersuche, so erkennen Sie sofort, ob ein Bild original ist, oder ob es für einen Fake-Inhalt verwendet wird. Wenn wir feststellen, dass wir falsche Informationen auf einem unserer Kanäle verbreitet haben, ist es unsere absolute Aufgabe, unser Umfeld darüber zu informieren – ganz im Sinne von verantwortungsvollem, bewusstem Journalismus.

Political Correctness always? Vielmehr: Politische Korrektheit richtig verstehen

Wie sieht es in dem Zusammenhang mit der berühmten Political Correctness aus? Viele Menschen getrauen sich ja mittlerweile zu bestimmten Themen keine Meinungsäußerungen mehr zu treffen, aus Angst, in ein Fettnäpfchen zu treten. Wie sehen Sie das?

In meinem Buch behandle ich genau dieses Thema, dem Kapitel habe ich den Namen „Political Correctness – Fluch oder Segen“ gegeben. Es stimmt, sehr viele Menschen haben das Gefühl, dass heutzutage alles in Sprachwatte gepackt wird und man eigentlich gar nichts mehr sagen darf, wenn man sich nicht angreifbar machen möchte. Das sehe ich etwas anders: Der Sinn und das Ziel von politischer Korrektheit ist meiner Meinung nach, verstehen zu können, was hinter Worten steckt.

Als Beispiel möchte ich gerne Menschen mit Behinderung anführen. Hier ist ganz klar zwischen zwei Typen zu unterscheiden: Es gibt diejenigen, die kein Problem damit haben, wenn man sie direkt auf ihre Behinderung anspricht, also sie beispielsweise als „Blinder“ betitelt. Sie sind oft mit ihrer Behinderung aufgewachsen und haben sich damit identifiziert. Es gibt aber auch jene Menschen, die sensibler darauf regieren, etwa weil sie die Behinderung noch nicht akzeptieren können, daher ist hier der Mensch in den Vordergrund zu stellen. Es handelt sich dabei um die „Identity First-Sprache“ oder „People First-Sprache“.

An diesem Beispiel ist klar ersichtlich, dass es kein richtig oder falsch gibt und auch keine pauschale Anleitung existiert, wie politisch korrekte Sprache in der Praxis tatsächlich funktionieren kann. Wichtig ist es, ein Gespür für Menschen zu entwickeln und grundsätzlich die Bereitschaft zu haben, darüber nachzudenken, was Worte bewirken können. Eine sinnvolle Herangehensweise wäre es meiner Ansicht nach, den Betroffenen direkt anzusprechen und zu fragen, wie er zu dem Thema steht.

Vor Kurzem wurde ich gefragt, was ich darüber denke, dass man „Pizza Hawaii“ nicht mehr „Pizza Hawaii“ nennen dürfe. Der Vorwurf lautet, dass dieser Begriff zu viel mit dem Kolonialismus zu tun habe und Pizza mit Ananas nichts mit Hawaii am Hut hätte. Meine Antwort war, dass ich das nicht beurteilen kann. Die Einzigen, die das können, sind die Menschen und indigenen Bevölkerungsgruppen, die auf Hawaii leben. Ich denke, es ist der falsche Ansatz, solche Debatten ins Lächerliche zu ziehen, man sollte sich lieber direkt an die Betroffenen wenden und herausfinden, was die Wortwahl mit ihnen macht.

Praxis-Tipps für einen besseren Dialog und verantwortungsbewusste Kommunikation

Vielen Dank für diesen gedanklichen Anstoß! Zum Abschluss noch diese Frage: Was sind Ihre ultimativen 7 Tipps, um der Gefahr der Spaltung in allen Lebenslagen entgegenzuwirken?

Aus meiner Sicht hilft es, generell langsamer zu kommunizieren. Damit meine ich, nicht alles und jedes sofort auf unseren Kanälen zu teilen und instinktiv gegen eine andere Meinung zu schießen. In unserer schnelllebigen Zeit entsteht durch eine langsamere Kommunikation auch die Möglichkeit, über Dinge auch mal in Ruhe und weniger emotional aufgeladen nachzudenken. Folgende Tipps unterstützen Sie dabei:

  1. Zuhören: Nehmen Sie das, was Ihr Gegenüber Ihnen mitteilt, an, unabhängig davon, wie abstrus es Ihnen erscheint. Im nächsten Schritt können Sie noch einmal nachfragen, was damit genau gemeint ist und auch nach Belegen dafür fragen. Denn erst nachdem Sie diese geprüft haben, können Sie sich ein endgültiges Urteil bilden oder Ihr Gegenüber erneut kontaktieren. Diese Bereitschaft sorgt auch dafür, dass der andere Ihnen zuhört – und somit ist dem Dialog Tür und Tor geöffnet.
  2. Weltbild überprüfen: Wenn jemand eine Meinung hat, die nicht in das eigene Weltbild passt, reagiert man schnell emotional oder blockt den anderen ab. Niemand hinterfragt gerne das eigene Weltbild, aber zwischendurch sollte man es durchaus einmal auf den Prüfstand stellen. Sicherlich hat es bei Ihnen in der Vergangenheit auch schon Momente gegeben, in denen Sie festgestellt haben, dass Sie von einer Sache fest überzeugt waren, die sich am Ende als falsch herausgestellt hat.
  3. Meinung versus Wissen: Man sollte sich in der eigenen Meinungsbildung nicht nur auf das Gefühl verlassen. Unsere Meinungen beruhen auf unseren Glaubenssätzen. Unsere Meinung ist für uns wahr, und wir glauben fix, etwas zu wissen. Es handelt sich aber erst dann um Wissen, wenn eine überprüfbare Begründung vorhanden ist, die nicht widerlegt werden kann. Seien Sie ehrlich zu sich selbst: Welche Begründungen, auf denen Ihre Meinung beruht, können einfach widerlegt werden?
  4. Nicht alles und jeden in einen Topf werfen: Hier geht es um die Grauschattierungen zwischen dem Schwarz- oder Weiß-Denken. Wir neigen dazu, die Meinungen, die nicht unserer eigenen entsprechen, in einen einzigen Topf zu werfen und pauschalisieren andere Ansichten. Hier genauer zu unterscheiden, führt zu einem verbesserten Dialog.
  5. Weniger triggern oder triggern lassen: Wenn wir merken, dass uns etwas oder jemand emotional triggert, sollten wir uns nicht von unseren Emotionen leiten lassen. Wer seine wunden Punkte und inneren Mechanismen erst einmal verstanden hat, kann leichter damit umgehen. Und auch wir wissen ja oft, wo bei unseren Gegenübern die emotionalen Punkte liegen. Wenn wir es schaffen, diese weniger oft zu drücken, fällt gelungener Dialog leichter.
  6. Seinen Werten treu bleiben: Lassen Sie sich nicht von Ihrem Umfeld zum Wohle der Karriere oder des Ansehens verbiegen. Bleiben Sie in Ihrer Kommunikation Ihren Werten treu und fordern Sie diese Werte auch von anderen ein!
  7. Hinter die Worte blicken: Begegnen Sie Minderheiten mit Respekt. Worte haben immer eine Wirkung – dieser Tatsache sollte man sich bewusst sein und diese beim Kommunizieren stets im Hinterkopf behalten.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Leser*innen viel Freude und Erfolg beim kommunikativen Brückenbau!

Herr Nini, vielen herzlichen Dank für dieses spannende Gespräch und die interessanten Einblicke sowie diese klaren Tipps für bessere Kommunikation und Dialog – statt Spaltung! Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit und freuen uns darauf, noch mehr von Ihnen zu hören!

Das Interview mit Patrick Nini führte Oliver Foitzik, Herausgeber AGITANO und Geschäftsführer der FOMACO GmbH.

Anmerkungen der Redaktion:

Über Patrick Nini

Patrick Nini ist Autor und Kommunikationscoach. Der gebürtige Österreicher berät Politik und Wirtschaft und erarbeitet ehrliche und nachhaltige Kommunikationsstrategien. Er kennt die relevanten Werkzeuge für verantwortungsbewusste Kommunikation und durchschaut die Fallstricke verantwortungslosen Kommunizierens. Als Autor zeigt er Wege auf, wie anstelle der gesellschaftlichen Spaltung neue Brücken entstehen können. Patrick Nini ist überzeugt, dass es gelingen kann, Brücken zu bauen und auf diese Weise die Gesellschaft zu einen. 2019 war er Nationalratskandidat in Österreich, gehört jedoch heute keiner Partei als Mitglied an. Er hat das Rhetorik-Modell „Speech Pad“ konzipiert und Speech5, einen digitalen Rhetorik-Coach, entwickelt. 2017 erschien sein Buch „Speech Pad: Warum gut präsentieren heute anders geht“ bei GABAL. Mehr erfahren Sie unter www.patricknini.com.

Oliver Foitzik

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