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Führungskräfte: “Hirten” statt “Supermänner” – Richard Gappmayer im Interview

Führungskräfte sind nicht mehr die Leithammel, die sie lange Zeit waren. Heute zählt nicht mehr der einsame Superman, der mit geballter Faust vorweg fliegt, sondern Führungskräfte sollten viel mehr wie ein Hirte ihre Herde lenken und die besonderen Fähigkeiten ihrer Team-Mitglieder je nach Bedarf in den Vordergrund stellen. Im Interview schildert „einer der renommiertesten Selbstführungsexperten“ (ORF) Richard Gappmayer die Chancen und Schwierigkeiten, die sich aus der Transformation der Führungsrolle für Unternehmen und Führungskräfte ergeben (Lesen Sie auch den ersten Teil des Interviews mit Richard Gappmayer über den Mut zur Veränderung).

 

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„Führungskräfte sollten Demut und Dankbarkeit zeigen“

Wie Führungskräfte zu sein haben, welche Fähigkeiten sie mitbringen sollen, darüber gibt es unzählige Bücher und zahlreiche Thesen. Aber, wer und wie sind sie denn eigentlich wirklich, die Führungskräfte von heute? Wie sollen, oder wie müssen sie sein, um den Anforderungen der neuen Zeit gerecht zu werden?

Veränderungssituationen prasseln heute rasend schnell auf die Unternehmenswelten ein. Die Globalisierung, der demografische Wandel und die neuen Medien sorgen insgesamt für immer komplexere Sachverhalte. Dies stellt vor allem Führungskräfte vor ganz neue Herausforderungen. Auch und vor allem betreffend ihre eigene Fortbildung. Ich bin hier ein klarer Verfechter des Mottos „Lebenslanges Lernen“. Das regelmäßige Trainieren und „Sich-Entwickeln“ gehört auf jeden Fall auf den Stundenplan jeder erfolgreichen Führungskraft. Wer sich nicht mehr hinterfragt, keine neuen Führungswege gehen will, der wird langfristig keine exzellente Führungskraft sein können.

Hier geht es sicher auch darum auf fachlicher Ebene „up-to-date“ zu bleiben. Noch viel wichtiger erachte ich aber die ständige Entwicklung der so genannten „Soft Skills“. In meinen Führungs-Coachings frage ich immer: „Welche Art von Leader wollen Sie sein: ein Supermann, der heldenhaft und unantastbar weit oben über allem schwebt oder eine Führungskraft die präsent und „da“ ist?“ Für mich sind erfolgreiche Führungskräfte der neuen Zeit eindeutig der zweiten Kategorie zuzuordnen.

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Richard Gappmayer – “Der Kilimandscharo Effekt” (Bild: © Goldegg Buisness Verlag)

Sie schreiben in Ihrem Buch „Der Kilimandscharo-Effekt“, dass die Supermänner der Führung ausgedient haben? Was bringt Sie zu dieser Schlussfolgerung?

Ich habe eindeutig erkannt: Die zahlreichen und komplexen Herausforderungen der heutigen Zeit lassen sich eindeutig besser im Team als durch einen strahlenden Einzelkämpfer à la Superman lösen. Um ein Team verantwortungsvoll, mit Freude und vor allem erfolgreich zu leiten, müssen Führungskräfte einen Führungsstil entwickeln, bei dem der Mensch im Vordergrund steht. Das ist durchaus kein neuer Ansatz – Aussagen wie diese sind in der vielschichtigen Führungsliteratur oft zu lesen. Entscheidend ist aber, wie es in der Praxis der Unternehmen aussieht. Meiner Erfahrung nach hapert es hier ganz massiv an der Umsetzung. Wir brauchen heute einen gemeinschaftlichen Führungsstil, der Menschen individuell einsetzt und der gemeinschaftlich orientiert ist. Leider haben zahlreiche Führungskräfte noch nicht verstanden, dass es schon lange nicht mehr um die „Ressource Mitarbeiter“, sondern um „den Menschen Mitarbeiter“ geht. Sie agieren als bestimmende Leithammel und übermächtige Alleinherrscher, betrachten ihre eigene Meinung als unfehlbar und verkünden diese der Welt als schier unantastbare Wahrheit. Vehement bringen Sie ihre Mitarbeiter auf den einzigen möglichen Kurs – nämlich ihren eigenen. Ich erlebe das in der Praxis immer wieder aufs Neue und plädiere für den raschen und direkten Abgang dieser anstrengenden Superhelden der Führung. Im modernen Führungsalltag der neuen Zeit ist ihre Existenzberechtigung einfach abgelaufen.

Es geht also tatsächlich um den endgültigen Auszug der „Rampenlicht-Führungshelden“ aus den Führungsetagen. Werden diese sich wirklich freiwillig aus ihren Positionen verabschieden bzw. bereit sein, sich der notwendigen Transformation in Richtung eines anderen Führungsstils zu unterziehen?

Sie haben richtig erkannt, dass Führungskräfte hier nur zwei Möglichkeiten haben: Wandel oder Rückzug. Der Weg vom kapriziösen und unabhängigen Alleinherrscher zum Teamplayer ist kein einfacher. Ein führungstechnischer Kilimandscharo, der erst mal bezwungen werden will. Denn nun heißt es, gewisse Insignien der Macht und des Status abzugeben. Und das schmerzt mitunter. Deswegen ist dieser Schritt für viele undenkbar, die Angst vor dem Machtverlust führt oft zu starrem Klammern an alte Führungsmuster.

Diese Führungskräfte wollen den alleinigen Platz im Rampenlicht nicht abgeben, dabei wäre es so einfach, ihn zu teilen. Denn nur, wenn wir etwas teilen, kann es mehr Raum einnehmen und sich vergrößern, vermehren. Aber um Macht zu teilen, ist wahre Größe erforderlich. Die Größe, auch einmal in der Kulisse zu verweilen und nicht mehr von der offenen Bühne aus zu agieren. Denn Einfluss kann auch haben, wer im Hintergrund die Fäden zieht. Diese neuen Führungskräfte haben den vollen Überblick, sehen alles – aber sie sind selber nicht extrem sichtbar. Ich spreche von den Hirten der Führung.

Sie sind der festen Überzeugung, dass nun die Ära der Führungs-Hirten angebrochen ist? Was machen Sie anders?

Sie stehen nicht an der Spitze oder ständig im Rampenlicht. Sie bleiben hinter ihren Mitarbeitern. Sie lassen die Besten und Versiertesten des Teams vorangehen, damit die anderen folgen. Dabei merken die Mitarbeiter gar nicht, dass sie die ganze Zeit aus dem Hintergrund sehr genau beobachtet und, wenn erforderlich, auch gelenkt werden. Dadurch entsteht ein Führungsklima, in dem Teams bereit und fähig sind, selber Führungsaufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Der Hirte hinter seiner Herde – oder eben die Führungskraft hinter ihrem Team – sieht Führung immer als Gemeinschaftsaufgabe, der sich alle mit Begeisterung und unter hohem Einsatz widmen.
Führungshirten verinnerlichen und leben die Werte Demut und Bescheidenheit. Das hat nichts mit Schwäche zu tun! Deswegen sehen sie Erfolge immer als gemeinsam erzielte Leistungen an und werden diese nie für sich allein beanspruchen.

Hirten zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie genau erkennen, wann es Zeit ist, ihre Beobachterrolle hinter der Herde zu verlassen und stark und sehr präsent nach vorne zu kommen.

Führung nur aus dem Hintergrund ist natürlich nie möglich. Speziell in Krisenzeiten tritt der Führungshirte an die Spitze und weist den Weg von hier aus. Er bleibt dann elegant und flexibel so lange vorne, bis die Krise im Griff ist, verweilt noch ein wenig „seitwärts“, also nicht mehr ganz vorne, aber auch noch nicht ganz hinten und zieht sich erst dann, wenn die Dinge wieder „normal“ laufen, auf seine ursprüngliche Position hinter dem Team zurück.

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Richard Gappmayer bei einem Führungskräfte-Coaching. (Bild: © Richard Gappmayer)

Was sind die Vorteile des Führungsprinzips à la Hirte?

Das Führungsprinzip Hirte schafft extrem wendige Teams. Mitarbeiter, die von exzellenten Hirten geführt werden, agieren eigenständiger und kraftvoller. Eine solche Beweglichkeit ist aber nur möglich, wenn eine Führungskraft diese kollektive Führung zulässt und einfordert. Kollektive Führung heißt dabei nicht, dass Hirten ihre Verantwortung abgeben. Ganz im Gegenteil: Ihre hohe Verantwortung ist, mit ihrem Team den richtigen Weg zu wählen und auf diesem zu bleiben. Hirten beobachten genau und stoßen ihre „Herde“ immer wieder leicht oder auch einmal stärker an, wenn diese vom Ziel abkommen sollte oder Gefahren übersieht.

Vor allem aber haben Hirten die Fähigkeit, außergewöhnliches Potenzial in „gewöhnlichen“ Menschen zu erkennen und zu fördern. Abhängig von den individuellen Stärken und Geschicklichkeiten im Team lassen sie verschiedene Mitarbeiter zu unterschiedlichen Zeitpunkten in den beruflichen Vordergrund treten. Sie wissen: jede Situation erfordert spezielles Wissen und individuelle Fertigkeiten eines jeweils anderen Experten. Klug verbinden erfahrene Führungshirten diese Expertisen miteinander und sorgen für ein harmonisches und erfolgreiches Gesamtergebnis. Außerdem können sie Entscheidungen im totalen Gleichgewicht zwischen Idealismus und Pragmatismus treffen.

Gibt es Ihrer Meinung nach schon genug Hirten in den Führungslandschaften?

Leider noch nicht. Meine praktische Erfahrung zeigt mir, dass Führungs-Hirten in Organisationen und Hierarchien oft noch übersehen werden. Sie stehen eben nicht im Rampenlicht. Da ist noch ein hohes Ausmaß an Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich schlage als ersten Schritt für Unternehmen vor, auf ihre Prioritätenliste der Eigenschaften von Führungskräften auch diese Attribute zu setzen: „Die Fähigkeit, Macht zu teilen“, „Demut“, „Dankbarkeit“. Aber ich nehme insgesamt eine positive Tendenz wahr, dass Dinge hier aufbrechen und neues Gedankengut einzieht.

Das Interview führte Oliver Foitzik, Herausgeber AGITANO und HCC-Magazin.

 

Hinweis der Redaktion

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Über Richard Gappmayer

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(Bild: © Foto Digital Fritz)

Richard Gappmayer ist einer der renommiertesten Selbstführungs-Experten in Österreich. Der Vortragsredner, Autor, Führungskräfte-Coach, Wirtschaftstrainer und Organisationsberater war mehr als 20 Jahre im nationalen und internationalen Top-Management mit Schwerpunkt Verkauf, Vertrieb und Marketing tätig. Als hochrangige Führungskraft führte er zahlreiche Produkte zur Marktführerschaft. Trotz des Wissens um seine starke Agoraphobie bestieg er den Kilimandscharo und beschloss noch am Berg, sein Leben neu auszurichten. Er verließ seine hochrangige Managementposition und machte sich mit dem Zentrum für Persönlichkeits- und Organisationsentwicklung selbständig. Heute unterstützt er Top-Führungskräfte und bringt diesen seine Ansätze zur Kunst der Führung nahe. In seinem aktuellen Buch „Der Kilimandscharo-Effekt – Steigen Sie auf und gehen Sie in Führung“ erfahren Leser, wie sie in Führung gehen und bleiben! Mehr Infos finden Sie auf dem AGITANO-Expertenprofil von Richard Gappmayer und unter www.richard-gappmayer.at.

 

Katja Heumader

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