Gesundheit

Impfen? Lass ich mich zu Hause!

Person mit Mundnasenschutz bei einer Impfung zu Hause, jemand mit Gummihandschuhen klebt ein Pflaster auf den Arm

Immer mehr innovative Ideen aus den Niederlanden erobern Deutschland. Ein gutes Beispiel liefert „Ihr Arzt Zuhause“ (IAZH). Das deutsch-niederländische Start-up bringt Ihnen Impfungen in die eigenen vier Wände – Facharzt oder Fachärztin inklusive. Auch Firmen können den Impfservice für ihre Belegschaft buchen. Wir sprachen mit den Gründern Casper van het Hof und Dr. Markus Frühwein.

Einfach Impfung zu Hause erhalten – Interview mit Casper van het Hof und Dr. Markus Frühwein

AGITANO: Schönen guten Tag Herr van het Hof, schönen guten Tag Herr Dr. Frühwein. Impfen zu Hause – das klingt gerade jetzt in Pandemiezeiten nach einer großartigen Idee. Wie funktioniert das genau?

Dr. Frühwein: Wer eine Impfung zum Vorbeugen möchte oder für eine Reise braucht, kann auf unseren Internetseiten impfungzuhause.de und reiseimpfungzuhause.de alle nötigen Informationen finden. Darin geben wir auch Antworten auf verschiedene Fragen zum Thema. Welche Impfungen sind in meiner Altersgruppe empfehlenswert? Von Schutz vor HPV für junge Mädchen bis zur Vorbeugung gegen schwere Lungenentzündung, die ab 60 Jahre wichtig ist. Was ist in meiner Region ratsam? In Bayern zum Beispiel die Zeckenimpfung alle drei bis fünf Jahre. Welche Impfungen brauche ich in meinem Reiseland? Hepatitis etwa oder Typhus.

Auf unseren Seiten kann man anschließend direkt online einen Termin ausmachen und die Ärztin oder den Arzt nach Hause bestellen. Das spart enorm viel Zeit: Keine Anreise, kein Warten in der Praxis – aber die gleiche Sicherheit der Behandlung durch einen approbierten Arzt.

In den Niederlanden ist so ein flexibler, medizinischer Service schon ganz normal. Wie reagieren die Deutschen auf dieses Konzept?

Casper van het Hof: Wir starten gerade in München – vorerst mit Privatpatienten. Und die Resonanz ist durchweg positiv. Die Pandemie hat das Thema Impfschutz wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Auch hat sie unsere Businessplanung enorm beschleunigt. Ich habe Ende 2019 mit der konkreten Entwicklung des Geschäftsmodells begonnen. Inzwischen haben wir nicht nur unsere Buchungssoftware online, über die wir die ganze Customer Journey digital abwickeln, sondern auch die ersten fünf Ärzte eingestellt. Diese haben wir zu Hause mit Impfstoffen und einem speziellen Kühlschrank ausgestattet, sodass die Kühlkette stets stabil bleibt.

Dr. Frühwein: Übrigens bieten wir auch die Covid-19-Schutzimpfung für zu Hause an. Wir gehen davon aus, dass sie künftig jährlich fällig wird, vergleichbar mit der Grippeimpfung.

Die Hemmschwelle, zur Impfung zu gehen, gezielt senken

Welche Vorteile bietet mobiles Impfen denn aus medizinischer Sicht?

Dr. Frühwein: Nun, ich bin Hausarzt und Impfspezialist. Unsere Praxis führt jährlich bis zu 30.000 Impfungen durch. Meiner Erfahrung nach ist das Haupthindernis beim Impfen der Faktor Zeit. Menschen müssen einen Termin beim Arzt bekommen, in die Praxis kommen, dort eventuell noch warten. Viele haben darauf keine Lust und verzichten deshalb gleich ganz auf den Schutz. Mit impfungzuhause.de schaffen wir ein neues, niedrigschwelliges Angebot. So können wir auch Menschen erreichen, die sich sonst nicht impfen lassen, und so die Impfquote und damit den Schutz der Gesellschaft insgesamt erhöhen.

Casper van het Hof: Übrigens werden wir auch Unternehmen mobiles Impfen anbieten. Das ist gerade für den Mittelstand attraktiv, die oft keinen eigenen Betriebsarzt haben. Wer seinen Beschäftigten etwa die Grippeimpfung direkt am Arbeitsplatz anbietet, tut nicht nur etwas für die Mitarbeiterbindung, sondern senkt bei einer Grippewelle auch die Fehlzeiten drastisch.

In München sind Sie schon gestartet. Wann kann ganz Deutschland das Angebot nutzen?

Casper van het Hof: Wir wollen bis Ende des Jahres mit knapp 60 Ärzten aktiv sein, dann vor allem in Süddeutschland. Ganz Deutschland wollen wir spätestens in drei Jahren abdecken. Wir bemühen uns aber, das Ausrollen mithilfe von Kooperationspartnern zu beschleunigen. Denken Sie hierbei zum Beispiel an Pharmaunternehmen, Krankenversicherungen oder Reiseveranstalter.

Profilbild Dr. Markus Frühwein und Casper van het Hof
Die Gründer von Ihr Arzt zu Hause im Interview: Casper van het Hof (IAZH Co-founder & GCO, links) und Dr. Markus Frühwein. (Bild: © Ilona Burgarth)

Dr. Frühwein: Gerade Krankenkassen haben ein großes Interesse an Reiseimpfungen, die sie als freiwillige Leistungen anbieten können. Sie sind nicht teuer und erreichen jüngere, gesunde Zielgruppen. Die Techniker Krankenkasse hat vor einigen Jahren zum Beispiel ihren Kundenstamm drastisch verjüngt, nachdem sie ihren Versicherten Reiseimpfungen erstattete.

Beim Impfen soll es aber nicht bleiben. Welche ärztlichen Leistungen wollen Sie noch angehen?

Casper van het Hof: Alternative Medizin wie Chiropraktik oder Homöopathie können wir uns gut vorstellen. In den Niederlanden testen wir gerade, wie das funktionieren könnte und angenommen wird. Ich vergleiche uns gerne mit Digitaldienstleistern wie den Lieferdiensten Thuisbezorgd oder Takeaway. Auch wir sind eine Plattform, die digital die Buchung von Services ermöglicht – nur sind es bei uns eben ärztliche Dienstleistungen. Dieses Modell wollen wir auch in andere Länder tragen: Benelux, Großbritannien, Österreich, Schweiz und auch Skandinavien sind attraktive Märkte. Aber zunächst konzentrieren wir uns ganz auf Deutschland: Schaffen wir es hier, schaffen wir es überall.

Vielen herzlichen Dank, Herr van het Hof und Herr Dr. Frühwein, für die spannenden Einblicke!

Das Interview mit Dr. Markus Frühwein und Casper van het Hof führte die AGITANO-Redaktion.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.