Gesundheit

Wir Herdentiere: Soziale Normen im Alltag nutzen

Wir alle wollen individuell, unberechenbar und einzigartig sein. Die Wahrheit: Wir sind es nicht. Soziale Normen strukturieren unser Verhalten und unser Handeln im Alltag. Und das ist auch gut so. Denn ohne soziale Normen würde unser gesellschaftliches Zusammenleben schnell zusammenbrechen. Aber soziale Normen kann man auch ganz gezielt nutzen, um Verhalten zu lenken.

Wie das geht, verrät Ihnen heute Nicola Fritze in ihrer zweiwöchig erscheinden Kolumne „Anders denken“.

 

Herdentier oder Individualist?

Sind Sie ein Herdentier? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber wenn man mir diese Frage stellt, reagiere ich reflexiv mit Ablehnung. „Iiiich, ein Herdentier? Nein, ich bin Individualistin! Ich mache mein eigenes Ding!“ Empfinden Sie das ähnlich?

Tja, die Wahrheit ist aber: Sie SIND ein Herdentier. Die Verhaltensökonomie belegt immer und immer wieder, dass wir Menschen in der Regel das tun, was die Mehrheit der anderen Menschen auch macht. So sind wir gepolt. Weil wir annehmen, dass die Mehrheit schon recht haben wird. Weil wir wissen, dass wir weniger auffallen, wenn wir soziale Normen beachten. Und weil es bequem ist, nicht selbst denken zu müssen. Dazu kommt natürlich, dass wir als soziale Wesen immer nach Zugehörigkeit streben. Wir fühlen uns einfach besser, wenn wir Dinge gemeinsam mit anderen tun.

Nudging nutzt den Herdentrieb

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Soziale Normen machen uns zu Herdentieren. (Bild: berggeist007 / pixelio.de)

Das Wissen über unser Herdenverhalten macht sich Nudging zunutze. Nudging, das sind diese kleinen Stupser im Alltag, die uns in die richtige Richtung lenken sollen (Mein letzter Kolumnentext zu diesem Thema: Wie Nudging hilft, gute Entscheidungen zu treffen). Ein kleines Herdentrieb-Beispiel gefällig? In Dänemark hat eine Universität ein einfaches Experiment gemacht. Neben die Lichtschalter wurden kleine Zettel angebracht, dass 85 Prozent aller Studierenden das Licht ausschalten, wenn sie den Raum verlassen. Das Ergebnis: viel mehr Studierende als bislang knipsten das Licht aus, wenn sie als letzte ein Zimmer verließen. Im Ergebnis standen Energieeinsparungen von über 20 Prozent. Wir alle bemühen uns also, soziale Normen zu befolgen.

Soziale Normen zeigen, was die Mehrheit tut

Ganz schön herdenmäßig, oder? Ein weiteres Beispiel macht deutlich, dass das Universitäts-Experiment nicht die Ausnahme war. So wurde in England mit unterschiedlichen Arten von Stromrechnungen experimentiert. Eine Rechnungsart machte den Stromkunden, wie bislang auch, einfach nur den Verbrauch transparent. Eine zweite Gruppe erhielt Rechnungen, in denen angegeben war, wieviel Energie Nachbarn mit Häusern vergleichbarer Größe verbrauchten. Und eine dritte Gruppe erhielt dazu auch noch Tipps, wie sich Energie sparen lässt. Das Ergebnis: die Gruppe, die Vergleichswerte erhielt, reduzierte ihren Energieverbrauch um fast 10 Prozent. Diejenigen, die Tipps zum Energiesparen erhielten, sogar dauerhafter als die beiden Vergleichsgruppen.

Nutzen Sie soziale Normen für Ihre Zwecke!

Soziale Normen lassen uns also nicht unberührt. Dieses Wissen lässt sich auch wunderbar im Büro nutzen. So könnte zum Beispiel am Kopierer ein Zettel hängen: „Zwei von drei Ihrer Kollegen arbeiten papierlos“. Das würde (sofern die Zahl stimmt) die Chance auf Papier- und Energieeinsparungen erhöhen. Oder Sie finden täglich im Intranet, wie viele Ihrer Kollegen sich für das firmeneigene Sportprogramm angemeldet haben. Oder dass immer mehr Mitarbeiter mittags Obst statt Süßigkeiten als Nachtisch wählen.

Negative Anreize funktionieren genauso gut…

Auch andersrum wird übrigens ein Schuh draus. Wenn ein Chef in der Besprechung beklagt, dass die Mehrheit der Mitarbeiter immer die Pause überzieht – was passiert dann? Genau, dann erhöht er keinesfalls die Wahrscheinlichkeit, dass die Kollegen kürzer gehen. Ganz im Gegenteil, er setzt einen Impuls für diejenigen, die sich bislang an die Pausenregeln gehalten haben, auch zu überziehen. Die Mehrheit macht es ja schließlich auch!

Sie sehen: die Mehrheit hat Macht. Wir alle sind Herdentiere, ob bewusst oder unbewusst. Es ist deshalb gut, wenn wir die Macht der Mehrheit anerkennen. Das macht es leichter, die Herde im Alltag dahin laufen zu lassen, wo es ihr gut geht. Oder sich im entscheidenden Moment zu entschließen, doch sein eigenes Ding zu machen.

Ihre
Nicola Fritze

 

Über Nicola Fritze

Nicola Fritze / Motivation / Stress / Alltag, Egoismus, Aufschieberitis
Deutschlands Motivationsfrau und SHEnote-Speaker (© Bild: Nicola Fritze).

Seit 2001 ist Nicola Fritze vielgefragte Rednerin und Trainerin zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Motivation. Ihre erfolgreichen Audio-Podcasts „Abenteuer Motivation“ und „Fritze-Blitz“ inspirieren seit 2006 regelmäßig über 30.000 Abonnenten. Sie gehören zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Hörsendungen zum Thema Persönlichkeitsentwicklung. Im Februar 2013 erschien ihr neues Buch „Motivier Dich selbst – sonst macht’s ja keiner!“ (SüdWest, 16,99 €) Darin zeigt Nicola Fritze 50 praxisnahe und effektive Methoden auf, wie Lebensfreude und Motivation langfristig zu steigern sind. Weitere Informationen sowie ihre beiden erfolgreichen Hörsendungen finden Sie auf www.nicolafritze.de.

Katja Heumader

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