Kolumnen

Wo bitte geht’s zur Schlacht – Über Besenstile und fluglahme Helikopter

Die Bundeswehr soll Deutschland am Hindukusch verteidigen, sagte einst der damalige Verteidungsminister Peter Struck. Aber Fakt ist: Die Bundeswehr kann nicht einmal sich selbst verteidigen. Da kann auch Ursula von der Leyen nicht mehr viel ausrichten (Lesen Sie dazu auch: Politiker, die auf Ziegen starren) Sparzwänge und deutsche Bürokratie zwingen Soldaten auch im Einsatz zu Mülltrennung und Einhaltung von DIN-Normen – ganz egal, ob darunter die Sicherheit der Soldaten leidet.

In seiner heutigen Kolumne schreibt Ulrich B Wagner über den Zustand der deutschen Bundeswehr.

 

Der Irrsinn ist bei einzelnen etwas Seltenes – aber bei
Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.

(Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse)

Auch Pannen haben ihren Wert, aber nicht jeder,
der nach Indien fährt, entdeckt Amerika.
(Carl Reischach)

 

Bundeswehr ohne Waffen…

Willkommen im Hochtechnologieland Deutschland. Bundeswehr-Soldaten sollen vergangenes Jahr allen Ernstes bei einem NATO-Manöver in Norwegen wegen fehlender Waffenrohre schwarz angestrichene Besenstiele an ihre gepanzerten Fahrzeuge montiert haben. Doch es kommt noch schlimmer, denn dieser peinliche Vorfall ist angeblich kein Einzelfall. Der deutsche Truppenteil der NATO-Response Force (NRF) sei im Grunde in Gänze nicht voll einsatzbereit, meldete das ZDF Nachrichtenmagazin „Report Mainz“ am Dienstag dieser Woche.

Folgt man einschlägigen Berichten, stinkt die Sch…. bis zum Himmel. Allein beim neuen Militärtransportflieger A400M haben Bundeswehr-Tester 161 Fehler entdeckt.

… und ohne funktionierende Toiletten

Einer davon stinkt den Piloten selbst gewaltig, denn sogar die Örtlichkeiten an Bord bereiten laut dem internen Testbericht Probleme: „Die derzeitige geometrische Beschaffenheit der Toilette verursacht bei der Benutzung Hygiene-Komplikationen“. Laut einem Bericht der BILD treten die Komplikationen im „Airbus-Örtchen“ bei Flugmanövern auf, weil der Fäkalientank offenbar nicht ganz dicht ist. Für Ärger sorgt auch, dass die Piloten in dem Hightech-Flieger immer einen Schraubenzieher dabei haben müssen, denn im Cockpit lässt sich der Deckel für das System mit den digitalen Karten nur per Hand aufschrauben. „Die Cockpit-Besatzung kann sich den Zugang nur mit zusätzlichem Werkzeug und Zeitaufwand verschaffen“, heißt es dazu recht lapidar im Bericht.

Die Bundeswehr lebt Pazifismus!

Aber jetzt wurde aufgrund eines geheimen Berichts offenbar: Das gesamte Material der deutschen Verteidigungskräfte kann zwar zu Ausstellungszwecken und bei eindeutig pazifistischen Einsätzen verwendet werden, aber zur Verteidigung oder gar zur Attacke taugt das Material nicht.

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Dieser Hubschrauber fliegt zumindest. (Bild: crackofsunrise / pixelio.de)

Laut Bericht erklärten die Inspizienten beispielsweise, die Bewaffnung für das gepanzerte Fahrzeug GTK Boxer sei zu „100 Prozent“ nicht vorhanden. Bei den P8-Pistolen fehlten 41 Prozent, beim Maschinengewehr MG3 seien es 31 Prozent. Außerdem seien mehr als drei Viertel der „Lucie“-Nachtsichtgeräte nicht vorhanden oder nicht einsatzbereit. Vom Eurofighter sind gerade mal 42 von 109 Maschinen flugtauglich. Kurios ist übrigens, und da schließe ich mich gerne den Ausführungen von Django Asül an, dass die Hubschrauber der Marine nicht fliegen können. Da muss doch die Frage erlaubt sein: Wofür braucht die Marine Hubschrauber? Besitzt etwa die Luftwaffe analog dazu Fregatten und Kreuzer? Bleibt nur noch abzuwarten, wann die ersten U-Boote der Gebirgsjäger den Geist aufgeben.

Spar-Wahn und technische Pannen

Zu diesen technischen Pannen, die insbesondere auch der heute noch legendären Combo Philip Rösler und Angela Merkel und ihrem Spar-Wahn für Ersatzteile anzuhängen sind, kommt zu allem Überdruss auch noch der Bürokratie-Fluch. Tatsächlich darf nämlich kein Fahrzeug der Bundeswehr ohne gültige TÜV- und ASU-Plakette am Hindukusch eingesetzt werden, was stellenweise dazu führt, dass unsere Jungs per pedes unterwegs sind, und der Einsatz somit im direkten Duell stattfindet. Mann gegen Mann. Und keine Angst auch bitte davor, dass unsere, nunmehr ganz ohne Navigationssystem und damit ganz auf sich gestellten, Buben sich mit befeindeten Bodentruppen im direkten Duell gar aufgrund mangelhafter Orts- und Nahkampfkenntnisse sauber blamieren könnten. Denn Letzteres hatte sich schon im Frühjahr erledigt. Da kam heraus, dass die Gewehre der Bundeswehr nicht funktionieren. Zumindest nicht dann, wenn geschossen wird. Damit schied das direkte Duell als Option schon mal aus.

Panzer brauchen auch TÜV!

Noch mehr wiehernde Bürokratie-Schimmel bekamen deutsche Afghanistansoldaten zu spüren, die ihre Fahrzeuge nach dem Vorbild amerikanischer Kollegen mit einigen Extras gefechtstauglicher und vor allem auch für sich sicherer machen wollten. Das Ergebnis: Die Wagen wurden stillgelegt, weil sie gegen deutsche Vorschriften verstießen. Oberstleutnant Thomas Behr, Vorsitzender Heer des Bundeswehr-Verbandes, gegenüber der Presse: „Alle Bundeswehr-Fahrzeuge in Afghanistan müssen deutsche TÜV- und DIN-Normen eins zu eins erfüllen. Das bedeutet: Veränderungen am Fahrzeug sind verboten – auch wenn sie die Sicherheit der Soldaten im Einsatz erhöhen würden. Man darf z. B. auf Jeeps keine Bügel anbringen als Schutz gegen über die Straße gespannte Drähte.“

Mülltrennung geht vor Sicherheit

Dafür werden jedoch, halten Sie sich bitte fest (ich weiß Karneval ist rum) leere Getränkedose aus dem Camp in Kabul per Lufttransport zur sauberen Entsorgung in die Heimat transportiert. Doch um dem deutschen Hang zur Mülltrennung in Zukunft noch besser Genüge zu tun, engagiert die Bundeswehr inzwischen selbst in Afghanistan „örtliche Fachfirmen“ für die Entsorgung, die, man höre und staune, nach internationalen Standards arbeiten.

Lachen oder weinen?

Dieses Thema wäre wirklich sehr unterhaltsam und spaßig, wenn es am Ende des Tages nicht doch so todernst wäre. Denn die vorgegebenen Standards im Umwelt- und Arbeitsschutz machen offensichtlich selbst vor der Frage nach Leben und Tod keinen Halt. So sehen beispielsweise das Arbeitsschutzgesetz und die DIN-Norm EN 417/BGV C 10 vor, dass technisches Bodenpersonal auf Flugplätzen „warnfähige“ Wetterschutzjacken mit Leuchtschrift und Reflektoren tragen muss. Entsetzt meldeten Offiziere in die Heimat: „Das Personal wirkt bei Nutzung der vorgeschriebenen Bekleidung wie eine Zielscheibe“ – Für mein Empfinden kein wirklich schönes Gefühl auf einem Flugplatz am Hindukusch.

Endlich verstehe ich daher auch, dass die Bundeswehr mit dem Ausspruch vom Django Asül ‘Have fun in Afghanistan’, den er zur Nachwuchssuche angesichts der Personalknappheit seit Abschaffung der Wehrpflicht in der BRAVO vorschlug, nunmehr in deutschen Heimwerker-Märkten auf der Suche nach Bastlern und Tüftlern unterwegs ist.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Oliver Foitzik

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