Infografiken

Die Welt ist längst nicht mehr VUCA – Interview mit Stephan Grabmeier

Zerklüftete, rissige Oberfläche in alarmierendem Rotton

Das VUCA-Konzept wird seit den 1980er Jahren immer wieder zitiert und bietet eine wichtige Grundlage für zahlreiche Spielformen von Agilität, Denkstrukturen und Blueprints. Doch ist die Welt wirklich noch VUCA, oder hat sie sich bereits weiterentwickelt? Wir können immer weniger Neues aus VUCA ableiten. Inzwischen hat sich jedoch ein griffigeres Framework gefunden, das das aktuelle Weltgeschehen deutlich besser beschreibt: BANI. Wie dieses Konzept funktioniert, wofür die einzelnen Buchstaben im Akronym stehen und wie es selbst chaotische Zusammenhänge entschlüsseln kann, erläutert Stephan Grabmeier in diesem Interview mit AGITANO. Eine praktische Zusammenfassung des Konzepts finden Sie auch in der Infografik am Ende der Seite.

Anmerkung der Redaktion: Eine detailliertere Abhandlung des BANI-Frameworks finden Sie im Beitrag von Stephan Grabmeier zum Thema: BANI vs. VUCA.

BANI vs. VUCA: Die Welt ist nicht mehr mehrdeutig, sondern unbegreiflich – Stephan Grabmeier im Interview

Beate Greisel: Schönen guten Tag Herr Grabmeier! Eine naheliegende Einstiegsfrage: Wie würden Sie das aktuelle Weltgeschehen beschreiben, in was für Zeiten leben wir?

Stephan Grabmeier: Dieses Zeitalter ist chaotisch: Es herrscht Instabilität statt Struktur. Gleichzeitig werden konstruktive Maßnahmen im Sinne der Gesellschaft abgelehnt. Wir werden Zeuge von verschiedensten politischen Konflikten auf nationaler und internationaler Ebene, Klimakatastrophen, die Corona-Pandemie: Erklärungen und ein Sinn in der Welt werden dringend gesucht. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, Komplexität anzuerkennen. Verstanden, systemisch damit umzugehen, haben wir noch nicht. Sonst wären wir nicht da, wo wir heute stehen.

BG: Es herrscht also vor allen Dingen Unsicherheit?

SG: Ein Blick in die Medien zeigt sehr deutlich, wie stark die dynamischen Veränderungen unserer Zeit die Gesellschaft verunsichert. Verunsicherung hat es allerdings schon immer gegeben, und sie sind letztendlich auch der Grund, warum es Rechtsprechung oder religiöse Systeme, also Frameworks für eine systemische Einordnung gibt: Sie bieten Orientierung – selbst dann, wenn alles einem konstanten Wandel unterworfen ist.

Das Akronym VUCA reicht in seiner Bedeutung nicht mehr aus

BG: Wenn Unsicherheit und Komplexität die grundlegenden „Werte“ sind, würden Sie dann sagen, dass wir – nach wie vor – in einer VUCA-Welt leben?

SG: Der VUCA-Begriff hat sich in den letzten Jahrzehnten fest etabliert, und das völlig zu Recht. Denn er bot ein Framework für die Zeit, in der er geschaffen wurde: Zusammenhänge zwischen Wirkung und Ursache wurden klarer. Das Akronym VUCA ist jedoch schon gute 30 Jahre alt und vom Kalten Krieg geprägt. Volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig – das beschreibt das Weltgeschehen der letzten Jahrzehnte sehr gut. Die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung veränderten das Grundgefühl der Bevölkerung, und das VUCA-Akronym gab diesen Grundgefühlen endlich einen Namen.

BG: Doch die Grundgefühle von damals sind nicht mehr dieselben.

SG: Genau. Effektiv haben sich diese Grundgefühle der Unsicherheit und so weiter regelrecht exponentiell verstärkt. Die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung beim aktuellen Weltgeschehen erscheinen uns nicht mehr nur komplex, sondern chaotisch. Die Phänomene sind geprägt von Aufschaukelungen und Rückkoppelungseffekten, etwas, was man mit Ursache und Wirkung nicht mehr erklären kann. Wer für die Pandemie eine Erklärung sucht, steht erst einmal vor einer unüberschaubaren Informationsflut. Wer Ursache-Wirkungs-Beziehungen auf globaler Ebene erfassen möchte, braucht geeignete Werkzeuge. Dafür reicht das VUCA-Modell als Einordnung nicht mehr aus.

Ein sinnstiftender Rahmen für neue Denkmodelle: BANI

BG: Wenn die fest etablierte VUCA-Definition nicht mehr genügt, was ist dann ein Framework, das die Situation akkurat beschreiben kann?

SG: Um das aktuelle Weltgeschehen und die Zusammenhänge beschreiben zu können, eignet sich ein anderes Akronym deutlich besser: BANI. Man könnte sagen, dass BANI das VUCA-Modell ablöst. BANI steht für

  • B:rittle: Brüchig oder morsch (statt volatil)
  • A:nxious: Ängstlich oder besorgt (statt unsicher)
  • N:onlinear: Nicht-linear, keiner linearen Logik folgend (statt komplex)
  • I:ncomprehensible: unbegreiflich (statt mehrdeutig).

Die Grundgefühle der VUCA-Welt haben sich sozusagen weiterentwickelt. Die Gegebenheiten sind nicht mehr einfach instabil, sondern vielmehr chaotisch. Was zuverlässig erscheint, kann uns unerwartet unter den Füßen wegbrechen. Eine Reaktion steht nicht mehr unbedingt im Verhältnis zur ursprünglichen Aktion, oder die Reaktion passiert mit großer Zeitverzögerung. Was passieren könnte, wird unvorhersehbar. Insofern bildet BANI die Situation und vorherrschenden Grundgefühle zum Weltgeschehen präziser ab.

BG: Wie kann BANI dann genau dabei helfen, mit der Situation umzugehen?

SG: Indem man dieses Framework dazu nutzt, Sachverhalte besser zu verstehen und zielgerichtet zu handeln. Das BANI-Modell ermöglicht den notwendigen Weitblick, um auf bislang unbegreifliche Vorgänge angemessener zu reagieren. Das gilt für alle vier Bereiche, für die das Akronym steht. Das heißt, dass wir die aktuelle Situation nicht unbedingt als „Sackgasse“ betrachten müssen. Vielmehr ist sie der Beginn einer neuen Phase.

Selbstverständlich verändern sich alle möglichen Aspekte unseres Lebens massiv – individuell, gesellschaftlich, in Unternehmen und letztendlich global. In einem ersten Schritt ist es wichtig, diesen Wandel präzise benennen zu können, was mit BANI besser geht als mit dem VUCA-Konzept. Durch die neue Sprache haben wir die Möglichkeit, eine neue Denkweise anzustoßen, die wir in Zukunft brauchen werden.

Deshalb haben wir in unserer Arbeit am Zukunftsinstitut das BANI-Akronym aufgegriffen, da es einen soliden Ausgangspunkt dafür bietet, fruchtbare Denkmodelle weiterzuentwickeln. Das Grounded Thinking Model, das wir auf den Weg gebracht haben, ist ein methodisches Vorgehen, um in verdichteter Komplexität zu navigieren.

BG: Vielen herzlichen Dank, Herr Grabmeier, für diese spannenden Einblicke in das BANI-Framework und wie das VUCA-Modell in die nächste Phase überführt werden kann! Wir wünschen Ihnen für Ihre weitere Arbeit am Zukunftsinstitut viel Erfolg!

Das Interview mit Stephan Grabmeier führte Beate Greisel, Redakteurin AGITANO.

Anmerkung der Redaktion: Eine detailliertere Veranschaulichung der vier Begriffe finden Sie im Beitrag von Stephan Grabmeier zum Thema: BANI vs. VUCA.

Profilbild Stephan Grabmeier
Die Schwerpunkte von Managementberater Stephan Grabmeier liegen auf Innovation, New Work und Sustainable Transformation. (Bild: © Stephan Grabmeier)

Über Stephan Grabmeier

Stephan Grabmeier ist Managementberater mit Fokus auf Innovation, New Work und Sustainable Transformation. Er engagiert sich als „Start Up Business Angel“, ist Partner am Zukunftsinstitut und gründete 2018 die Bildungsinitiative Next Entrepreneurs. In seinem Buch „Future Business Kompass“ zeigt Grabmeier Wege für „enkelfähiges Wirtschaften“ auf. Weitere Informationen finden Sie auf www.stephangrabmeier.de.

 

Infografik: VUCA vs. BANI

Die folgende Infografik stellt das VUCA-Modell und das BANI-Framework gegenüber und zeigt auf, wie BANI einen zukunftsfähigen Sensemaking-Ansatz begründet:

 

Infografik zu Bani vs Vuca
Infografik VUCA vs. BANI (© Stephan Grabmeier)
Beate Greisel

Ein Kommentar zu “Die Welt ist längst nicht mehr VUCA – Interview mit Stephan Grabmeier

  1. VUCA ist weder Framework, noch Paradigma, noch enthält es “Werte”. Es ist ein Akronym einer zeitlosen Zustandsbeschreibung der Welt. Die Welt war schon immer veränderlich, unsicher, komplex und unbestimmt. Was sich ändert, sind die Perspektiven der Menschen auf die Welt und ihre Fähigkeit Innerlichkeit zu erfassen. Bei dieser Bemühung ist BANI kein Fortschritt. Wir brauchen keine neuen Worte, wir brauchen abstrakteres Denken, um die Probleme lösen zu können, die durch rationales Denken entstanden sind. In der Transzendenz des linear-kausalen Denkens liegt die Lösung, und die hat absolut gar nicht mit Adaptivität und Kontext zu tun.

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