Kolumnen

Lauernde Dichtung: Über die zeitlose Magie des Buches

Am 8. Oktober startete die diesjährige Frankfurter Buchmesse, die größte Buchmesse der Welt. Ein perfekter Anlass für Ulrich B Wagner, sich in seiner heutigen Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” mit der Magie des Buches zu beschäftigen. Bücher tragen uns in fremde Welten, sie prägen uns und zeigen uns auch Jahre, nachdem wir sie zum ersten Mal gelesen haben, wer wir damals waren. Die Magie des Buches zeigt sich in seiner Sinnlichkeit: Bücher kann man anfassen, sie duften, Anmerkungen lassen Erinnerungen aufleben. Aber nur in einem gedruckten Buch zeigt sich die Magie des Buches, meint Ulrich B Wagner.

 

Ein Buch kann uns als Axt dienen für das zugefrorene Meer in unserem Innern.
(Franz Kafka)

Lesen heißt durch fremde Hand träumen.
(Fernando Pessao)

 

 

Totgesagte leben länger

Totgesagte leben nun mal länger. Wie oft ist das Buch in den letzten Jahren zu einer aussterbenden Spezies erklärt worden. Es wurde als ein Relikt aus vergangenen, unmodernen und langweiligen Zeiten belächelt und dem Untergang geweiht.

Mitte dieser Woche hat in Frankfurt die größte Buchmesse der Welt mit 7.275 Ausstellern aus 102 Ländern eröffnet. Allen Unkenrufen zum Trotz wächst der deutsche Buchmarkt seit Jahrzehnten jährlich fast konstant um ein Prozent. Folgt man den Angaben der Deutschen Nationalbibliografie und dem Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB),  haben die Verlage 2013 insgesamt 81.919 Titel in Erstauflage herausgebracht, 2,6 Prozent mehr als 2012. Inklusive Neuauflagen waren es 2013 gar 93.600 Titel (2012: 91.000). Doch genug der langweiligen Zahlen. Sie werden der Magie des Buches am Ende des Tages doch nicht gerecht.

Bücher sind Begleiter

Ich glaube, es war, wenn ich mich richtig erinnere, der englische Philosoph Francis Bacon, der Bücher als Schiffe bezeichnete, die die weiten Meere der Zeit durcheilen. Auch er spürte schon die Magie des Buches.

Bücher sind seltsame Gefährten. Sie altern nicht, sie begleiten uns durch die Zeiten, verändern sich mit uns. So führen sie ein sinnliches Versteckspiel mit unseren Empfindungen, verdecken, legen frei, spenden Trost in den Mitternächten der Seele. Sie verzaubern uns sprichwörtlich. Bücher leben. Und sie werden immer leben. Selbstverständlich spreche ich hier von Poesie und nicht von Fachbüchern, die meist nur Wissen schenken, wo schon welches vorhanden ist.

magie des buches
Die Magie des Buches trägt uns in fremde Welten. (Bild: Andreas Hermsdorf / pixelio.de)

Die Magie des Buches zeigt sich in seiner Sinnlichkeit

Poesie nicht, in der Poesie lebt die Magie des Buches… Sie ist der Lehrmeister der Seele. Oder, wie Borges es ausdrückte, Leben besteht aus Dichtung. Dichtung ist nichts Fremdes – Dichtung lauert, … hinter der nächsten Ecke. Sie kann uns jederzeit anspringen.

Die Magie des Buches zeigt sich in einer ganz besonderen Sinnlichkeit. Sie riechen, sie schmecken, sie wollen angefasst werden, umgeblättert und beschrieben werden. Das eine oder andere Eselsohr, der eine oder andere markierte Satz, nach Jahren wieder entdeckt, lässt uns innehalten. Lässt uns von Zeit zu Zeit mit großen fragenden Augen zurück. Was war es, was uns damals daran so fasziniert hat? Warum dieser Satz und nicht jener zwei Seiten weiter?

Bücher brauchen den Kontakt, gleichsam wie der Apfel, über den Bischof Berkley einmal sagte: Der Geschmack des Apfels liege weder im Apfel selbst – der Apfel selbst kann sich nicht schmecken – noch im Mund des Essenden. Zwischen beiden ist ein Kontakt nötig. Das gleiche gilt für ein Buch, eine Bibliothek oder einem voll gefüllten Billy-Regal. Sie sind, wie Emerson betonte, Zauberhöhlen voll von Toten. Die Magie des Buches besteht darin, dass sie die Toten neu zum Leben bringen kann, wenn man nur die Seiten des Buches öffnet. Häufig ist so auch nicht das Lesen, sondern das Wieder-, das Um- und Weiterlesen, das, mir nichts, dir nichts, wahre Schätze aus 1001 Nacht zu Tage fördert.

Nur ein gedrucktes Buch ist ein wahres Buch

Diese Magie besitzt für mich nur ein gedrucktes, ein „wahres“ Buch. Ein Buch, das sich auch lesen lässt, wenn der Akku leer ist. Das sich problemlos einstecken lässt, dass man in der Regel auch ohne größere Angst im Sommer am Strand auf dem Badetuch liegen lassen kann, ohne fürchten zu müssen, dass es nach einer Abkühlung im Meer verschwunden ist. Bücher zeigen Gebrauchspuren, Fingerabdrücke von uns. Manchmal verbergen sie auch den einen oder anderen längst vergessenen Brief oder Merkzettel, eine getrocknete Gänseblume oder ein Sandkorn vom Strand, das uns sofort die Meeresbrise unseres ersten Frankreichurlaubs entgegen wehen lässt.

Bücher sind wahre Lebensbegleiter. Von Napoleon wird die Anekdote erzählt, dass er, als gegen Russland zog, immer eine Ausgabe von Goethes Die Leiden des jungen Werther unter seinem Uniformrock trug. Bücher begleiten uns, sie prägen, sie formen uns und sie verändern sich mit uns…. Sie leben. Und dies nicht nur sprichwörtlich, wie ich es mit meiner Frau eines Nachts am eigenen Leib erfahren musste.

In meinem schusseligen Kopf hatte ich Borges Labyrinth ohne irgendeine Überlegung neben Gombrowicz Die Besessenen ins Regal gestellt, was sich bei deren Animositäten, die sie gerne in Gombrowicz Buch Trans-Atlantik nachlesen können, auch rächen sollte. Beide sprangen sie kurz nach Mitternacht krachend aus dem Regal, da sie die Nähe nicht ertragen konnten.

Bücher leben. Sie leben nicht nur mit uns. Sie führen ein eigenes, ihr ganz besonderes Eigenleben.

Überzeugen Sie sich selbst.

Ich wünsche Ihnen allzeit spannende und unterhaltsame Lesemomente mit den Buchgefährten ihrer Wahl.

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ihr
Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Lesen Sie auch die vorherigen Beiträge zur Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” von Ulrich B Wagner:

Glaube, Liebe, Hoffnung und Aberglauben: Über schwarze Katzen und blaue Strickpullover
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Oliver Foitzik

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