Kolumnen

Glaube, Liebe, Hoffnung und Aberglauben: Über schwarze Katzen und blaue Strickpullover

Aberglauben begegnet uns im Leben immer wieder. Die einen glauben dran, die anderen nicht. Nur was hat es damit auf sich? Hilft es uns, das Leben besser zu meistern? Oder ist Aberglauben eher hinderlich? Im heutigen Beitrag zu seiner Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” setzt sich Ulrich B Wagner mit dem Aberglauben aktiv auseinander.

 

Aberglaube ist der Spleen der Seele.
(Edward Pope)

Mit dem Aberglauben ist es so eine Sache.
Ich habe noch keinen Menschen getroffen,
der sein dreizehntes Monatsgehalt zurückgegeben hätte.
(Fritz Muliar)

 

Heute am frühen Morgen. Der erste Kaffee gerade erst zur Hälfte geleert, der aufgeregte Anruf eines guten Freundes:

Uli, du must mir unbedingt helfen. Ich kann das nicht ohne dich.

Selbstverständlich ist man in Not und Bedrängnis für seine Freunde da, doch man sollte sich schon darüber im Klaren sein für was man dann auch benötigt wird.

Also raus mit der Sprache, was ist los?

Lukrezia und ich haben uns getrennt!

Okay, mein Beileid. Aber was kann ich nun für dich tun. Ein Trostbierchen am Morgen?

Quatsch, das ist schon okay. Ich wollte mich ja trennen. Alles im Lot.

Und jetzt weiter, raus mit der Sprache. Was soll ich denn jetzt tun, frug ich verdutzt.

Also pass auf. Lukrezia und ich haben uns zu Beginn der Beziehung doch diese Ringe machen lassen, wie du vielleicht noch weißt. Ich brauche den Ring umgehend zurück. Sofort, es kann nicht warten. Es geht um Leben oder Tod, verstehst du nicht?

Abermillionen Verliebte lassen sich jeden Tag als Zeichen ihrer Liebe Ringe machen und sterben dann nicht bei der Trennung. Wenn es so wäre gäbe es wahrscheinlich weniger Goldschmiede oder Ringe für Liebespaare gäbe es nur noch mit Waffenschein.

Also raus mit der Sprache, was ist wirklich los?

Also im Vertrauen gesprochen: Den Ring kann sie von mir aus behalten. Ich brauche den Inhalt des Ringes. Es geht um Leben oder Tod, ich sagte es dir doch bereits. Also des Pudels Kern ist folgender: In ihrem Ring sind meine Schamhaare, in meinem die ihrigen.

Gott, oh Gott dachte ich in meinem noch verschlafenen, naiven Gemüt, was jetzt wohl noch als nächstes kommen mag. Es verschlug mir schleicht die Sprache.

Sie wird mich verhexen und ich werde in ewiger Impotenz schmoren müssen, verstehst du nicht du Einfaltspinsel?

Was entfuhr es mir mit voller Inbrunst:

Also ich soll jetzt in aller Herrgottsfrühe allen Ernstes deine Ex anrufen und sagen: Gib mir sofort die Schamhaare meines Freundes, sonst ist es aus mit dir.    

Einverstanden ich kenne die Geschichte von Angelina Jolie, die drei Jahre mit Billy Bob Thornton verheiratet war und während dieser Zeit beide das Blut des jeweils anderen in einem Fläschchen um den Hals trugen. Auch bei ihnen wurde es nach der Trennung ein wenig unheimlich, als Thornton Angelina gedroht haben soll: Solange ich dein Blut habe, habe ich die Kontrolle über dich!

Freundschaft hin oder her. Nicht jeder Aberglaube muss auch zum eigenen werden. Schluss aus und aufgelegt.

Das mit dem Aberglauben

Wenn es mal so einfach wäre. Aberglaube ist ein universelles Problem. Betrachten wir beispielsweise nur die schwarze Magie der Zahlen. In unserem Kulturkreis ist es die 13, die so manchen Zeitgenossen in Angst und Schrecken versetzt. Nehmen sie nur das fehlende dreizehnte Stockwerk in Gebäuden sowie einschlägige Hotels oder Krankenhäuser, die bei den Zimmernummern die Zahl einfach überspringen, ebenso in Flugzeugen in denen eben diese Sitzreihe oder Sitznummer einfach eliminiert wird.

Doch die 13 per se stellt wiederum kein universelles Problem dar. Denn in anderen Kulturkreisen gilt die 13 keineswegs als problematisch. Sie haben dafür dann einfach andere Horrorzahlen. Italiener und Brasilianer scheuen die 17 als Unglück bringend, und Chinesen meiden dagegen die 4 wie der Teufel das Weihwasser, wenn sie können. Denn sie klingt, falsch betont, wie das Wort für Tod.

Doch stellen sie sich in diesem Kontext einmal ein abergläubisch korrekt gebautes Haus vor, in dem verschiedene Kulturen miteinander leben sollten. Es blieben am Ende des Tages wohl nicht mehr so viele Stockwerke übrig.

Oder nehmen sie unseren spanischen Matador der Pinsel, Pablo Picasso, ein durch und durch abergläubisches Genie. Pablo hatte bis er seinen späteren Freund Eugenio Arias, seines Zeichens Friseurmeister traf, panische Angst vor dem Haareschneiden. Denn Picasso war besessen von dem Aberglauben, Haare und Nägel seien von seiner Schöpferkraft durchflutet, so dass sie nach dem Schneiden in einem geheimen Ritual von seiner langjährigen Lebensgefährtin Francoise Gilot in Seidenpapier eingehüllt, an einem unbekannten Ort vergraben werden mussten. Es verwundert daher nicht, dass sie auch sonst noch die eine oder andere von Picassos starker Neigung zum Aberglauben geprägte Anekdote zum Besten geben konnte: Wenn ich seinen Hut auf das Bett warf, bedeutete dies für ihn, dass in diesem Haus im gleichen Jahr jemand sterben würde … Ich durfte das Brot nie anders als mit der runden Seite nach oben auf den Tisch legen, wenn nicht ein Verhängnis über uns kommen sollte. Auch sonst war fast alles von den Riten des Aberglaubens durchdrungen. Sollte beispielsweise ein Gast einen Schirm im Zimmer öffnen, mussten alle Anwesenden eine Beschwörungsformel rufen, um Unheil abzuwenden. Verwunderten Mitmenschen gegenüber beteuerte er zwar immer wieder, nicht an die Wirkung solches Hokuspokus zu glauben. Fügte jedoch, man weiß ja nie, nichtsdestotrotz seinen Ausführungen ein Aber schließlich … hinzu.

Furcht gebiert Götter, erkannte schon der römische Philosoph Lukrez. So kann es vielleicht als ein postives Abfallprodukt des Aberglaubens angesehen werden, das er uns wenigstens zeitweise ein nahezu realistisches Gefühl vermittelt, dass wir schwierige oder gefährliche Situationen quasi im Sinne einer Self Fullfilling Prophecy positiv beeinflussen könnten.

Aberglauben und der Alltag

Und wer jetzt noch einwenden möchte, dass Aberglaube eh nur etwas für Mädchen ist, der möge sich nur einmal den Aberglauben im internationalen Fußballgeschäft anschauen. Ob Jogi Löws blauer Pullover oder das skurrile Auswahlverfahren des ehemaligen französischen Nationaltrainers Raymond Domenech, der bei seiner WM-Kadernominierung 2010 seine Spieler nach Sternzeichen ausaussuchte. O-Ton Domenech: Skorpione bringen sich am Ende alle selbst um und Löwen begehen Dummheiten. Das brachte zwar bekanntlich auch nichts, da Frankreich in der Gruppenphase mit nur einem Punkt ausschied. Nicht anders erging es dem Coach der Italiener Giovanni Trappatoni, der sich mittels eines gesegntes Fläschchens Weihwasser, das er ständig bei sich trug bei der WM 2002 Gottes Beistand herbeisehnte. Was jedoch schließlich auch nur zum kläglichen Ausscheiden im Achtelfinale gegen Südkorea führte.

Aberglauben muss nicht sein

Lassen wir es dabei…, die Liste wäre einfach zu lang. Ich für meine Person, halte es jetzt wo ich mich so ausgiebig mit dem Thema beschäftigt habe, doch lieber mit Penelope Cruz, die meinte, dass sie zwar bis zu ihrem 20ten Lebensjahr sehr abergläubisch gewesen sei, es aber nunmehr aus der Furcht aufgegeben hätte, dass, wenn sie es mit ihrem Aberglaube so weitertreibe, sie mit 60 keinen Fuß mehr vor das Bett setzen könnte.

Es ist wie mit allem im Leben: So lange es hilft und nicht behindert, tu was du nicht lassen kannst. Wer jedoch zum Sklaven seines Aberglaubens verkommt, sollte schleunigst den nächsten Seelenklempner aufsuchen, anstatt sich von einer selbsternannten Vorstadthexe die Tarotkarten legen zu lassen.

In diesem Sinne dreimal auf den vor mir stehenden Holztisch geklopft und anschließend in die linke Hand gespuckt.

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ihr
Ulrich B Wagner

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Lesen Sie auch die vorherigen Beiträge zur Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” von Ulrich B Wagner:

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Oliver Foitzik

2 Kommentare zu “Glaube, Liebe, Hoffnung und Aberglauben: Über schwarze Katzen und blaue Strickpullover

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